Aus dem Poesiealbum

Im Nachlass meiner Mutter fanden wir ihr altes Poesiealbum. Ich weiß noch, dass ich als Kind schon gerne darin geblättert habe, fasziniert darüber, dass es diesen Brauch damals schon gab. Neugierig, aber teilweise auch verständnislos habe ich viele der Sprüche gelesen, die Bilder immer wieder angesehen. Als ich mit neun Jahren zu Weihnachten endlich auch so ein Album bekam, eine deutliche Note verspielte als das schlichte grüne Album, das meine Mutter hatte, freute ich mich sehr und hütete es wie einen Schatz. Folglich sind beide Bücher, das meiner Mutter und mein eigenes, noch immer in einem recht guten Zustand.

Zwei Poesiealben

Meine Schwester und ich haben durch Mutters Poesiealbum geblättert, später dann durch das meiner Schwester und meines. Es ist erstaunlich, wie sehr sich die Sprüche in nur rund drei Jahrzehnten geändert haben: Bei meiner Mutter findet sich in den allermeisten Einträgen ein deutlicher Gottesbezug, bei mir kommt das nur sehr selten vor. Das mag auch mit daran liegen, dass meine Mutter der neuapostolischen Gemeinde angehörte, ihre Freunde innerhalb der Konfirmandengruppe fand und es sicher auch ihren Klassenkameraden bekannt war, dass die Gemeinde ihr wichtig war.

Einige Einträge, sowohl aus meinem als auch aus Mutters Album, finde ich aus meiner heutigen Erwachsenensicht zutiefst weise, denke aber, dass das Kind, dem es galt, damit erst mal nicht viel anfangen konnte. Zumindest mir ging das oft so. Andere Sprüche finde ich zum Schießen, gerade mit Blick auf dieses vielleicht 10-jährige Kind, das so etwas eingeschrieben hat. Und einige Eintragungen ermöglichen einen klaren Blick auf den, der es schrieb: Weil das Geschriebene inhaltlich einfach zum jeweiligen Charakter passt, oder zumindest ahnen lässt, was für ein Erwachsener aus diesem Kind einmal werden könnte.

Auf jeden Fall bieten diese beiden altmodischen Büchlein Stoff für einiges an Gedanken – und daher eröffne ich hiermit die neue kleine Blogserie „Aus dem Poesiealbum“. Viel Spaß damit.

letzte Seite Poesiealbum

Das war damals sehr modern – die „Selbsteintragung“ auf der letzten Seite. Allerdings hat das meine Schwester für mich gemacht – ich konnte nie so schön schreiben, und auch nicht so schön malen.

5 Kommentare zu “Aus dem Poesiealbum

  1. Oh wie süß! Sarah Kay? Ich glaube, ich habe noch eine Dose mit dem Motiv. Ein Poesie- Album habe ich auch noch. Und noch viel schlimmer, beim Aufräumen vor Weihnachten habe ich noch ein Tagebuch aus Teenie-Zeiten wiedergefunden. 😉
    Ich bin sehr gespannt auf Deine Blogserie!
    Bin gerade kurz vor „angesteckt von der Idee“ ;-), habe aber gerade noch so viel anderes im Kopf rumspuken.
    LG Moni

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  2. Es ist schon interessant, was früher – und wie schön – damals in Poesiealben geschrieben wurde. Hier ein Beispiel:
    https://philipp1112.wordpress.com/2014/01/06/es-kann-die-ehre-dieser-welt-aus-dem-poesiealbum-meiner-mutter/
    Und noch dieser Spruch – ohne Kommentar -:
    https://philipp1112.wordpress.com/tag/poesiealbum/

    Darin ein Beitrag aus der Preußischen Allgemeinen Zeitung / Folge 07-10 vom 20. Februar 2010

    Wie sehr die Einträge in den Alben von dem gesellschaftlichen und politischen Zeitgeschehen beeinflusst wurden, zeigen Widmungen aus der Zeit des Nationalsozialismus: „Wer leben will, der kämpft! / Und wer nicht streiten will in dieser Welt des ewigen Ringens, / verdient das Leben nicht. Adolf Hitler.“ (17. März 1934) „Sei immer treu und edel / Und bleib ein Deutsches Mädel!“ (April 1935) „Sieh im letzten Deiner Volksgenossen immer noch den Träger Deines Blutes, mit dem Dich das Schicksal auf dieser Erde unzertrennlich verbunden hat und schätze deshalb in Deinem Volke den letzten Straßenfeger höher als den König eines fremden Landes. Adolf Hitler.“ (25. März 1939)

    „Leben heißt kämpfen, opfern, reifen, emporsteigen!“ (21. November 1939).

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  3. Danke für den langen Kommentar und die Links, Philipp. Ja, dass sich die NNazizeit stark in solchen Einträgen niedergeschlagen hat, glaube ich sofort.

    Schön, dass du auch noch das Album deiner Mutter hast. In dem meiner Mutter ist lediglich ein Eintrag noch in altdeutscher Schrift, der von meinem Urgroßvater William. Ich dachte schon, ich hätte verlernt, das zu lesen. Da ich die Beispiele auf deiner Seite nun aber problemlos lesen konnte, muss das doch wohl am Urgroßvater gelegen haben.

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  4. Ich muss meins auch mal raussuchen. Zu schön auch die verzierten Punkte. Da erinnere ich mich noch gut dran. Und an die Liebesmarken (wie sie bei uns hießen), die wir eingeklebt haben. Aber nie die mit Glitzer. Die waren für mich ein richtiger Schatz, die habe ich nicht hergegeben. Wenn ich nur wüsste, wo die alle abgeblieben sind. Ich muss doch mal den Dachboden durchforsten.

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