Schön ausgedrückt – der Negerkuss

Mit diesem schönen Begriff habe ich mich schon öfter in die Nesseln gesetzt. Dennoch denke ich gar nicht daran, den Negerkuss aus meinem Sprachgebrauch zu streichen – das wäre für mich völlig falsch verstandene „politische Korrektheit“. Das nur als Vorbemerkung. Aber worum geht es eigentlich?

Negerkuss, Mohrenkopf, Schokokuss, Schaumkuss

Schokoküsse 4, zur Verfügung gestellt von W. R. Wagner, http://www.pixelio.de

Ein Negerkuss ist eine äußerst beliebte Süßigkeit: weißer Schaum auf einer Waffel, außen herum leckere Schokolade. Es gibt sie in klein, normal, groß und riesig und ich kenne eigentlich niemanden, der so etwas nicht mag. Gerade Kinder lieben Negerküsse. Ich denke gerne zurück an die Negerkussbrötchen meiner Schulzeit, bei denen das süße Konstrukt mit Schwung zwischen die Brötchendeckel geklatscht wurde und beim Platzen alles vollsaute. Ab und zu bekam man auch mal einen ins Gesicht. Das war zwar eine klebrige Schweinerei, aber irgendwie doch lustig.

Irgendwann in den letzten Jahren entwickelte jedoch irgendwer die Theorie, dass die Bezeichnung „Negerkuss“ diskriminierend sein könnte – und zwar gegen dunkelhäutige Menschen. Mich hat das erst einmal erstaunt: Wie kann es denn diskriminierend sein, mit etwas in Verbindung gebracht zu werden, dass jeder liebt? Und dann noch ein Kuss, ein Ausdruck von Liebe und Zärtlichkeit? Ich war verwirrt.

Mein gelber Freund der Duden (ist die Beschreibung eigentlich diskriminierend?) meint dazu, dass das Wort vermieden und durch „Schokokuss“ ersetzt werden solle. Das wäre für mich aber vorauseilender Gehorsam gegenüber einer Meinung, die ich nicht teilen kann. Und auch nicht teilen muss, denn ich habe mich erkundigt: bei Menschen, die eine dunkle Haut haben und die mir glaubwürdig versicherten, dass sie dieses Problem noch niemals gesehen haben und Negerküsse im Allgemeinen und schlechthin sehr schätzen. Gleiches gilt übrigens für den Eisneger, den ich niemals Eis mit afroamerikanischem Migrationshintergrund nennen werde.

Nun weiß ich natürlich, was die Eiferer gegen den Negerkuss meinen: Der Begriff „Neger“ ist veraltet und wurde oft als Schimpfwort benutzt. Ich würde auch nicht auf den Gedanken kommen, einen meiner farbigen Kollegen als „den Neger dahinten“ zu bezeichnen. Es kommt wie so oft auf den Zusammenhang an. Und ich bin davon überzeugt, dass man einer harmlosen Süßigkeit viel zu viel Bedeutung geben würde, wenn man sie zum sprachlichen Politikum erhebt.

Ein wenig anders sehe ich übrigens den ebenfalls als veraltet bezeichneten Mohrenkopf: Zum einen ist der Mohr ein noch älterer Begriff und wurde historisch und literarisch zur Beschreibung eines wenig schmeichelhaften Stereotyps eingesetzt. Zum anderen aber ist es hier der Kopf, der mich stört. Denn um einen Kopf verzehren zu können, muss er dem Rest des Körpers abhanden gekommen sein. Da ist mir ein flüchtig hingehauchter Kuss doch deutlich lieber. Darüber streiten würde ich mich aber auch nicht.

Als vor einer Weile bekannt wurde, dass aus den Büchern des von mir schon immer sehr geschätzten Otfried Preußlers die „kleinen Negerlein“ entfernt wurden, hat mich das geärgert. Denn ich finde, dass es Kindern überhaupt nicht schadet, wenn sie ihren Wortschatz durch veraltete Begriffe erweitern und verstehen lernen, dass Sprache etwas ist, das sich im Laufe der Jahrzehnte ändert. Preußler hat mit den kleinen Negerlein Kinder beschrieben, die sich im Fasching verkleidet hatten – ist das etwas Böses? War es zur Zeit der Entstehung des Buches „Die kleine Hexe“ etwas Böses? Sicherlich nicht. Und auch Astrid Lindgrens „Negerkönig“ war eine herrliche, charismatische Person, der seine „Untertanen“ nicht unterdrückte, sondern Millionen von Kindern ein großes Lesevergnügen bescherte. Warum muss man sich da verrenken und diese Bücher umschreiben? Wo fängt das an, wo hört das auf? Und wer definiert, was da zu eliminieren ist? Ich finde eine solche Entwicklung bedenklich.

Nun bin ich ein wenig vom eigentlichen Thema abgekommen, möchte aber diesen Artikel gerne wieder mit süßen Konditoreiprodukten beschließen. Wie gesagt, ich mag meine Negerküsse. Wer sie unter diesem Namen nicht essen möchte, der kann einfach Schokoküsse, Schaumküsse oder Dickmanns verzehren. Oder gleich zu den politisch viel korrekteren Granatsplittern greifen.

3 Kommentare zu “Schön ausgedrückt – der Negerkuss

  1. Das ist echt witzig. Am Wochenende hatten wir eine Familienfeier, eine bei der man sich nach 10 Jahren mal wieder trifft, und wir hatten Negerküsse in allen möglichen Geschmacksrichtungen mitgebracht. Alle Verwandten und Freunde, wirklich alle, nannten sie Negerküsse (und waren ganz begeistert), und ich habe mir dann beim Kaffee auch Gedanken über dieses Wort gemacht, wobei ich zu demselben Schluss gekommen bin wie du.
    Und dass die immer an den Traditions-Geschichten „herummachen“ müssen, stört mich auch total.

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  2. Es kommt nicht nur darauf an, wie etwas gemeint ist (siehe die Komplimente von Brüderle), sondern auch darauf, wie es auf andere wirkt.

    Zu den Büchern:

    Sprache ändert sich, die Welt ändert sich auch. Damit man das alte Zeug von damals (das wegen abgelaufener Urheberrechte oft nix kostet) weiterhin ewig verkaufen kann, wird es oberflächlich modernisiert. Aus dem Grammophon im Gemeinschaftsraum von Hanni und Nanni wurde ein Plattenspieler, aus dem Negerkönig wird ein Südseekönig. Die verstaubten Inhalte bleiben. Ich fand es schon damals seltsam, dass Pippis Vater da unten König ist, ich hätte mir da einen Einheimischen erwartet.

    Meine Nichte hat übrigens nicht schlecht gestaunt, als ich ihr erklärt habe, dass Hanni und Nanni geschrieben wurde, als ihr Opa ein Baby war.

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    • Gannz extrem finde ich es bei den ??? – die werden ja weiter geschrieben. Mit immer den gleichen Helden, die nun aber INternet haben. Wie alt sollen die denn jetzt sein – 53? Wirr …

      Oder wenn in Büchern sogar die Namen eingedeutsch werden. Die von mir früher heiß geliebten „Susanne Barden“ – Bücher haben im Englischen eine Heldin namens „Sue Barton“. Das wollte man den deutschen Kindern wohl nicht zumuten 😦

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