Ist das schon Demenz?

An manchen Tagen bin ich unaufmerksam und abgelenkt. Dann werkle ich vor mich hin und merke irgendwann, dass ich komische Sachen mache: Zum Beispiel an dem Tag, an dem ich aufgeräumt habe und einige Silberkettchen fand, die schwarz angelaufen waren und dringend mal ins Silberbad mussten. Ich legte sie dort hinein und werkelte weiter. Wenig später fand ich noch einen Anhänger, den ich gleich mitreinigen wollte. Ich trug ihn ins Wohnzimmer, schmiss ihn in meine Kaffeetasse und hörte schon bei seinem Untergang an dem eigenartigen Pingeln, dass irgendwas anders war als bei den Ketten, die in der Küche im Plastikbehälter mit dem Silberbad lagen. Während ich den Anhänger wieder heraus fischte, überlegte ich, ob das schon ein erstes Anzeichen für eine beginnende Demenz sein könnte. Auch als ich die Feinstrumpfhosen im Kühlschrank wiederfand, sauber eingestapelt im Verein mit Wurst und Käse, dachte ich ein wenig über meine geistige Gesundheit nach.

Großvater, Opa

Mein Opa irgendwann in den 70er Jahren: wie immer korrekt gekleidet und wie so oft mit Zigarre.

Als ich Teenagerin war, erlebte ich bei meinem Großvater den plötzlichen, rapiden geistigen Verfall mit. War er in seinen späten Siebzigern noch ein geistig reger, hochintelligenter Mensch, der gerne Schach und Skat spielte und auch weit über das Rentenalter hinaus noch als Buchhalter arbeitete, verließen ihn seine geistigen Kräfte plötzlich sehr schnell und so dramatisch, dass er schon bald immer jemanden brauchte, der auf ihn auspasste. Das übernahm ich oft, denn auch als er sich schon völlig in seine Parallelwelt zurückgezogen hatten, verstanden wir uns gut. Wenn es mir gelang, seine Gedanken in die Vergangenheit zu lenken, konnten wir noch interessante Gespräche führen, und wenn er fantasierte, ging ich mit ihm auf die Reise und machte mit. Das konnte ich besser als meine Oma, die sich an ihren völlig veränderten Mann aus gutem Grund nicht gewöhnen konnte. Obwohl ich damals recht gut mit der veränderten Situation zurecht kam, habe ich seitdem doch immer ein wenig Angst davor, dass es mir irgendwann genauso ergehen und ich mich verlieren könnte.

Noch aber komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass meine hin und wieder auftretende Verwirrtheit eher das Ergebnis davon ist, dass ich zu viel um die Ohren habe, zu viel auf einmal machen will und daher einfach nicht aufpasse. So lässt es sich erklären, dass ich mir einen Kaffee aus der Nespresso-Maschine zapfen will, mir gleichzeitig die Brötchen schmiere und irgendwann feststelle, dass das Plätschern aus der Kaffeemaschine so komisch klingt – fast so als stünde keine Tasse darunter. Ja, irgendwann ist halt auch die größte Tropfschale mal voll, und dann gibt es Schweinerei.

Meine manchmal auftretende Gesichtsblindheit schiebe ich darauf, dass ich manchmal vor Fremden irgendetwas präsentieren muss und mir die vielen Gesichter dann nicht merken kann, diese Leute mich aber die ganze Zeit anstarren können. Auffällig ist allerdings, dass ich manchmal auch mir bekannte Personen irritiert anstarre und nur denke ‚Den da kenne ich – aber ich weiß nicht, wer das ist‘. Das passiert immer, wenn ich denjenigen an der Stelle nicht erwarte. Oft reagiere ich dann gar nicht, selbst dann nicht, wenn der Betreffende winkt und herumhampelt, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. So ging es mir mit dem Kollegen, den ich vor der Kantine treffen wollte: Als der mir völlig überraschend schon im fünften Stock entgegen lief, habe ich glasig an ihm vorbeigeguckt. Der gehörte da nicht hin, der sollte gefälligst vor der Kantine stehen. Meine festgefahrene Erwartungshaltung führte zur Ignoranz gegenüber der Realität. Das ist wahrscheinlich auch nicht ungewöhnlich.

Was mich letztendlich immer wieder erleichtert und mich in der Annahme bestärkt, dass wohl doch alles mit mir in Ordnung ist, ist die Tatsache, dass derartige Minderleistungen gelegentlich auch anderen passieren. So hat auch Dr. K. kürzlich der Tropfschale einen Kaffee spendiert, und meine Kollegin Claudia schmiss ihren Früchteteebeutel in eine gefüllte Kaffeetasse, wo er leise seufzend im Milchschaum versank. Ob diese Kombination schmeckt, konnte ich leider nicht herausfinden, denn sie hat das Gebräu entsorgt.

6 Kommentare zu “Ist das schon Demenz?

  1. Ich habe schon mein Mineralwasser gesüßt, weil ich wohl dachte, ich hätte gerade durchsichtigen Kaffee im Glas. Mir fallen öfter einzelne Worte nicht ein, und das mit der Gesichtsblindheit passiert mir auch. Manchmal überlege ich , ob das erste Alterserscheinungen sind, aber ich komme ebenfalls zu dem Schluss, das ich zu viel um die Ohren habe und meine Gedanken immer schon zwei Schritte weiter sind.
    Aber bei meinem jetzt 80-jährigen Vater merkt man deutlich die geistige Veränderung. Ich habe angefangen, „Der alte König in seinem Exil“ anzuhören (um mit meinem Vater besser zurechtkommen zu können, wenn es schlimmer wird). Der Anfang klingt sehr interessant – mehr kann ich dazu leider noch nicht sagen. Ich will es mir noch als Buch kaufen, denn Hörbüchern zu folgen fällt mir sehr schwer. Die Gedanken sind auch da immer woanders 😉

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  2. Es geht mir wie Dir – es erleichtert mich, dass es auch anderen so geht. Gerade in letzter Zeit hadere ich oft mit mir, weil ich Dinge vergesse, die ich früher nie vergass. Ich habe mir angewöhnt, viel aufzuschreiben – aber ob das gut ist? Manchmal ist ein schwarzes Loch im Kopf – das macht mir Angst. Meine im Oktober 2014 verstorbene Mutter war dement – da macht man sich so seine Gedanken. Momentan schiebe ich es wie Du auf die vermutlich volle Festplatte im Kopf – aber gut fühlt sich das nicht an :(.
    Nachdenkliche Grüße
    Tina

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