Die Verderblichkeit von Kaba

KabaEs gibt Tage, da ist einfach der Wurm drin. Bedenklich wird es, wenn diese Phasen länger als einen Tag anhalten – insofern bin ich gerade an einer kritischen Grenze. Denn bei mir ging es gestern gegen 17 Uhr los, und ein Ende ist noch nicht so recht in Sicht. Ich bin gespannt, was das noch gibt, und denke an eine Aufstockung all meiner Versicherungen nach.

Es begann wie gesagt gestern. Ich hastete eilig aus dem Büro, recht zeitig eigentlich, aber doch mal wieder zu spät: Ich musste nämlich ein Rezept bei meinem Hausarzt abholen, und der hat nur bis 18 Uhr auf. Wie üblich hatte ich lange genug gewartet, sodass ich mit meinen Schilddrüsenpillchen nicht mehr über das Wochenende gekommen wäre. Schon in der Straßenbahn fiel mir auf, dass ich mein Handy im Schreibtisch vergessen hatte. Doof, aber nicht weiter schlimm – dachte ich.

Mit hängender Zunge rauschte ich also kurz vor Toresschluss in die Praxis, wo die nette Helferin feststellen musste, dass sie das bestellte Rezept vergessen hatte. So was kann mal vorkommen, damit habe ich kein Problem und wartete geduldig, bis das wichtige Zettelchen fertig war. Raus aus dem Haus, mit langen Schritten zur Apotheke: Natürlich war gerade diese Pillenstärke nicht vorhanden, ich bekam statt dessen einen giftgrünen Abholzettel, den ich sorgfältig im Geldbeutel verstaute. Macht ja nichts, schließlich wollte ich heute nach der Arbeit ohnehin noch einen größeren Einkauf starten. Ich bekomme nämlich morgen Besuch und will etwas backen: eine Preiselbeertorte nach Uschis Rezept und Waffeln.

Der heutige Tag ging zunächst so weiter, wie der Vortag aufgehört hatte: krude. Ich war früh wach, kam aber nicht so recht aus dem Knick. Vielleicht kennt ihr das auch, dass man manchmal irgendwie langsam ist, Dinge von A nach B räumt, herumwurschtelt und trotzdem irgendwann unorganisiert aus dem Haus stolpert? Nun, ich organisierte mich zumindest insofern, als dass ich mein Handtäschchen gegen den soliden Rucksack tauschte – des geplanten größeren Einkaufs wegen. Da fand ich mich schon mal ziemlich gut. Auch gut war, dass ich daran gedacht hatte, mir die Mütze aufs Haupt zu stülpen, es kam nämlich erst mal eine ganze Weile keine Straßenbahn. Wozu auch, schließlich war es kalt, da kommt der öffentliche Nahverkehr doch gerne mal zum Erliegen. Die Straßenbahn war also unangenehm voll und ich war froh, als ich am Südbahnhof aussteigen konnte. Besonders freute ich mich darüber, dass mein Bus erst in einigen Minuten abfahren würde: So hatte ich Zeit genug, mir noch ein Fischbrötchen auf dem Wochenmarkt zu kaufen. Ich bestellte ein Vollkornbrötchen mit Räucherlachs und Ei – die mag ich besonders gerne. Schade war nur, dass ich es nicht bezahlen konnte: Mein Geldbeutel lag nämlich noch zuhause im Handtäschchen. Und die zwanzig Euro „Notgeld“, die ich ansonsten immer bei mir haben, lagen mitsamt dem Handytäschchen im Schreibtisch. Bingo. Mein Fischbrötchen blieb also am Fischbrötchenstand. Und ich fuhr mit einem leichten Gruseln im Leib schwarz zur Arbeit: Meine Fahrkarte war nämlich auch zuhause im Geldbeutel im Handtäschchen.

Der Tag ging ähnlich weiter: angefangen von sonderbaren Meetings, in denen der Kreis irgendwie nicht rund werden wollte, über einen Busfahrer, der auf der Heimfahrt meinen 20-Euro-Notgeldschein nicht wechseln konnte und annahm, ich würde deshalb wieder aussteigen, bis hin zu meinem hektischen Einkauf am Abend. Hektisch wurde der hauptsächlich, weil ich erst nach Hause musste, um den Geldbeutel mit dem giftgrünen Abholzettel zu holen, und dann wieder zurück, um kurz vor Ladenschluss in die Apotheke zu hecheln und meine Pillchen zu holen. Immerhin gelang das Einkaufen so leidlich gut – weder fiel mein Kleingeld runter noch rissen die Griffe meines Einkaufsbeutels. So was hat man sonst ja gerne mal an solchen Tagen.

Leidlich zufrieden räumte ich meine Einkäufe in den Schrank und legte die Backzutaten, die ich morgen früh benutzen will, gleich in die Küche. Bei einer kurzen Bestandsaufnahme fiel mir auf, dass ich eine der Hauptzutaten für meinen Kuchen vergessen hatte: den Kaba. Man braucht davon nicht furchtbar viel, aber ohne geht es nicht. Noch während ich fluchend in meinem Schrank herumräumte, fiel mir eine alte, vergessene Dose in die Hand. Ich hatte eine Ahnung, frohlockte und spähte hinein – und fand eine alte, angefangene gelbe Tüte: ein Rest Kabapulver, der gewiss zum Backen ausreichen würde. Ein Rest Kaba, der es mir ersparen würde, morgen früh noch einmal einkaufen gehen zu müssen. Ein Rest Kaba, auf dessen Tüte ein Mindesthaltbarkeitsdatum aufgedruckt ist: 27.04.2006. Wow – eine Lebensmittel-Antiquität. Ob ich den noch in München gekauft habe, oder doch schon in Frankfurt? Was ich alles Tolles besitze!

Mindesthaltbarkeitsdatum

Inzwischen hat meine Euphorie wieder nachgelassen. Nun sitze ich hier und denke nach: über Kaba. Wie lange hält sich so was wohl? Er riecht noch gut, auch jetzt noch, im Jahr 2015. Klumpig ist er auch nicht. Kann man so was noch anbieten? Hmmm… es weiß ja keiner. Aber kann man sich an überaltertem Kaba was wegholen? Wenn ja, was? Ich will meine Gäste auch nicht vergiften.

Je länger ich grüble, um so klarer zeichnet sich mein Schicksal vor meinem inneren Auge ab: Morgen früh werde ich mich warm anziehen und mich aufmachen, um neuen Kaba zu kaufen. Kälte und Wind werde ich trotzen, meinen Gästen zuliebe. Ich gehe davon aus, dass sie das zu schätzen wissen.

6 Kommentare zu “Die Verderblichkeit von Kaba

  1. Ich würde ihn nicht mehr anrühren, aber wenn er nicht eklig riecht, kannst du ihn probieren. Es sollte ja etwas Fett vom Kakao drin sein, das ranzig geworden sein könnte. Aber das röche eklig.

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    • Danke Philipp. Das Pulver roch nicht eklig, auch nicht, als ich die Dose geöffnet habe. Aber ich habe es trotzdem entsorgt und ein neues Päckchen gekauft. Nicht, dass mir das alte Zeug meinen schönen Kuchen verdirbt – wenn ich schon mal backe.

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  2. Danke für den netten Start in den Tag – sitze hier grad mit einer Tasse ………………………….. Cappuccino :). Ist schon wundersam, was einem manchmal so in die Hände fällt, obwohl man zwischendrin schon mindestens 1x umgezogen ist und sich immer sicher war, nichts Altes mitzuschleppen. Habe ich neulich bei 3 Gewürzen gemerkt – hüstel.
    Verwendet hätte ich das Pülverchen vermutlich auch nicht mehr – allerdings hätte ich mal eine Probetasse angerührt, nur um mal zu sehen, obs noch gut ist.

    Guten Appetit – der Kuchen klingt lecker.

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    • Wahrscheinlich sogar. Ich habe mal meinen Finger hineingestippt und probiert, das Pulver war gschmacklich ganz normal.

      Aber wenn einer meiner Gäste Bauchsuseln gekriegt hätte, egal ob durch den Kuchen oder nicht, hätte ich mich doch gegrämt.

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