Wild Tales – Jeder dreht mal durch

Ich war mal wieder im Kino. Das tue ich recht oft, aber nur selten habe ich das Bedürfnis, sofort am nächsten Morgen einen Beitrag darüber zu schreiben. Der Grund dafür ist dieses Mal ein ganz einfacher: Der Film, eigentlich ein Auswahl-Kompromiss, war grandios! Wir sahen

Wild Tales – Jeder dreht mal durch

Filmankündigung am Harmonie-Kino

Der argentinische Film des Drehbuchautors und Regisseurs Damián Szifrón wurde in einigen Ankündigungen als „Episodenfilm“ bezeichnet, was die Sache aber nicht so recht trifft. Es handelt sich vielmehr um sechs Kurzfilme, die in sich völlig abgeschlossen sind und inhaltlich nichts miteinander zu tun haben. Die Klammer zwischen ihnen ist lediglich, dass in ihnen jemand ausrastet – irgend jemandem reicht es, und er oder sie richtet darum zumindest ein riesiges Durcheinander an. Es wird geschrien, geprügelt und gebombt, dass es eine wahre Freude ist.

Auf eine ausführliche inhaltliche Wiedergabe der sechs Geschichten möchte ich hier verzichten, wer sich darüber informieren möchte, kann das sehr gut im entsprechenden Wikipedia-Artikel nachlesen, der lückenlos spoilert.

Ich möchte nur darauf eingehen, was mir an dem Film so gut gefallen hat: Für mich gibt es in allen sechs Filmen Überraschendes. Die Handlung der zornigen Personen, so absurd sie teilweise ist, lässt sich zumeist gut nachvollziehen. Gemein ist allen Filmen jedoch, dass es immer noch schlimmer kommt als gedacht: Jeder von uns hat sich wahrscheinlich schon mal überlegt, einem anderen, der einen schlecht behandelt hat, ganz trocken eine reinzuhauen. Die wenigsten von uns tun das, haben jedoch ein gewisses Verständnis dafür, wenn es jemand anderer tut. Aber aufgrund von Rachegelüsten oder dem Gefühl, die Nase voll zu haben, gleich ganze Gebäude in Schutt und Asche zu legen, Explosionen auszulösen oder ein Familienfest in eine blutige Schlacht zu verwandeln, dürfte den allermeisten von uns übertrieben erscheinen.

Nicht alle sechs Filme haben mir gleich gut gefallen, aber keiner war schlecht. Hervorheben möchte ich den dritten Film – zu Beginn eine Alltagsszene zwischen zwei Autofahrern. Ein Problem beim Überholen, Beschimpfungen, Stinkefinger – nichts Besonderes eigentlich. Das wäre auch so geblieben, hätte nicht einer der Fahrer aufgrund einer Panne warten müssen, sodass die beiden sich wiedertreffen. Von hier an nimmt das Unglück seinen Lauf, es wird gewalttätig, keiner der beiden denkt auch nur im Traum daran, nachzugeben. Es geht mächtig zur Sache, das ist nichts für Feingeister. Aber immer, wenn ich dachte: ‚Nun wird es aber bald geschmacklos‘, passierte etwas so verrückt Komisches, dass es mich kaum auf dem Sitz hielt. Manchmal mag man kaum hinsehen. Dann eine Art Finale, eine kurze Pause – ‚Ende‘, denkt man, denn was soll da noch kommen? Und dann dreht das Filmchen noch einmal auf, steigert das Unwahrscheinliche ins Absurde, lässt es krachen und alle sind glücklich – die Lebenden im Kino wie die Toten auf der Leinwand.

Im letzten Jahr war „Wild Tales“ der meistgesehene Film in Argentinien. Er ist für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert und gewann Publikumspreise – sicherlich zurecht. Man mag sich natürlich darüber streiten, ob die Darstellung derartiger Ausraster, die in Gewalt und Chaos enden, künstlerisch wertvoll oder doch eher verwerflich ist, aber für Leute, die sich im Kino gerne überraschen lassen und die hemdsärmelige Action nicht schreckt, ist „Wild Tales“ genau der richtige Film. Reingehen – angucken – Spaß haben!

 

Nachbemerkung: Wir sahen den Film im wunderbaren kleinen Harmonie-Kino in Sachsenhausen. Hier gibt es nur zwei etwas altmodische Kinosäle, ohne 3D und ohne Schnick-Schnack (barrierefrei ist es leider auch nicht). Der größte Luxus ist noch die Popcorn-Maschine im winzigen Foyer. Das Programm jedoch kann sich sehen lassen – wer sich abseits der großen, beworbenen Blockbuster unterhalten lassen möchte, sollte hier öfter mal ins Programm gucken. http://www.arthouse-kinos.de/programm-in-der-harmonie/

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