Sinn und Unsinn der Sinnfreiheit

Boßel, Kraber, Klootsucher

Herausgefischt: Ein Boßel, unser bevorzugtes Sportgerät

Ich habe nachgedacht – manchmal mache ich so was. Es war die diesjährige Kohlfahrt, die mich ins Grübeln brachte. Nicht etwa, weil sie mir nicht gefallen hätte oder weil irgendetwas nicht richtig gewesen wären. Nein, im Gegenteil, es war alles perfekt: Das Wetter war schön, die Stimmung ausgezeichnet. Die Tour war prima organisiert, der Schnaps hat gereicht, das Lokal war gut. Ein sehr erfahrenes Kohlkönigspaar hat alles richtig gemacht. Und selbst ich als jemand, die immer oft auf die Uhr guckt, vergaß die Zeit und sah zum ersten Mal nach über zwei Stunden nach, wie spät es war. Ein größeres Kompliment kann man einer Veranstaltung kaum machen. Was also brachte mich derartig zum Nachdenken? Nun, es ist einfach die Frage, was uns dazu treibt, Jahr für Jahr einen solchen Unsinn zu machen.

„Das ist komplett sinnfrei“, sagte vor einigen Jahren Silvia D., die damals erstmals mit uns auf Kohlfahrt war. „Es ist sinnfrei, aber wenn man aufhört, nach dem Sinn zu suchen, macht es Spaß.“ Silvia ist eine der Freundinnen, mit denen ich auch schon auf einer Prunksitzung war – das fanden die sinnvoll. Meine Karnevalsweiber finden einen Sinn im Männerballett, nicht aber in einer Kohlfahrt. Sollte mir das zu denken geben?

Auch ich fragte mich heute, warum wir das tun: Was bring uns dazu, im kalten Winter durch die ländlichsten Ecken der norddeutschen Tiefebene zu latschen und dabei einen voll beladenen Bollerwagen hinter uns herzuschleppen? Besonders, wenn es regnet, ist eine Kohlpartie eine kalte Angelegenheit. Die meisten von uns haben ein Auto, man könnte die Strecke auch deutlich komfortabler bewältigen.

Manch einer mag behaupten, dass es der Alkohol ist, der uns auf das platte Land zieht, doch auch den Schnaps könnte man in irgendeinem Wohnzimmer bequemer trinken. Dann könnte man dabei sitzen, und wäre hinterher nicht so bekleckert. Wir sitzen nicht auf unserer Kohlfahrt, wir wandern und sind dabei sportlich, oder das, was wir dafür halten. Und da wird es richtig interessant: Warum kämpfen Leute, die im täglichen Leben ganz normale, unauffällige Menschen sind, unter vollem Körpereinsatz und lautem Gejohle um deutlich weniger als die goldene Ananas? Warum rutschen Lehrer, die ihren Schülern ein Vorbild sein sollten, fast im Schlamm aus bei dem Versuch, eine Kugel möglichst weit über einen Feldweg zu rollen? Wieso stopfen sich Menschen, die in Steuerbüros oder Ämtern arbeiten, Teebeutel in den Mund, um diese durch ruckartige Bewegungen des Oberkörpers möglichst weit zu werfen? Nicht vergessen darf man dabei die eingehenden Diskussionen um die richtige Wurftechnik und darüber, ob ein nasser Beutel besser fliegt als ein trockener (nebenbei bemerkt: Gerade bei Gegenwind hat ein nasser Teebeutel deutlich bessere Flugeigenschaften als ein trockener). Wie kommen Programmierer oder Juristen auf die Idee, irgendwelches Wurfgerät – seien es Gummistiefel, Besen, Toilettenbürsten oder sonstige Utensilien mit möglichst schlechten Flugeigenschaften – in die idyllische Landschaft zu schleudern? Und was bringt einen bibliophilen Physiker dazu, mit einer kleinen Gurke zwischen den Knien um einen Restauranttisch zu hoppeln und dabei vor lauter Eifer lang hinzuschlagen? All das kann doch keine Vernunftgründe haben. Aber warum macht man so was sonst?

Die meisten meiner Kohlfahrtsbegleiter kenne ich seit sehr vielen Jahren, einige treffe ich inzwischen leider nur noch selten. Doch auch neue Mitglieder sind bei uns willkommen und wachsen schnell in unsere ganz speziellen Kohlfahrtsgewohnheiten hinein. Die Gruppe ist sympathisch, ich fühle mich wohl, wenn ich mit dieser bunten Horde über Land ziehe. Trotzdem könnte man das Gemeinschaftsgefühl natürlich auch haben, ohne sich komplett zum Affen zu machen: Man könnte sich zum Grillen treffen, pflichtgemäß Bier und Korn zu sich nehmen und sich der gepflegten Unterhaltung hingeben. Oder man könnten Silvester miteinander verbringen, Raclette essen, ein paar Stunden kniffeln und nach dem Feuerwerk wieder gehen, ohne eine matschige Hose und eine klebrige Jacke zu bekommen. Dann müsste man auch nicht draußen pieseln und bräuchte nicht immer Angst zu haben, dass man den geliehenen Bollerwagen versehentlich in den Graben fährt. Es gibt in der Tat viele Gründe, keine Kohlfahrt zu machen.

All diese Gründe berücksichtigen jedoch nicht den Spaß, den man hat, wenn man jegliche Zurückhaltung fahren lässt und sich einen Nachmittag im Kreis guter Freunde völlig ungehemmt dem Blödsinn hingibt. Der setzt Glückshormone frei, und das ist gesund. Es macht Spaß, einem anderen mit dem Kraber die schlammbedeckte Boßelkugel hinzuhalten und zu sagen: „Du bist dran.“ Es macht Spaß, beim Spielen zu gewinnen, wenn die Siegermannschaft zur Belohnung einen Schnaps bekommt und die Verlierer generös dazu einlädt. Genauso schön ist es, beim Spielen zu verlieren, wenn man dann zur Strafe einen trinken muss und weiß, dass die Gewinner aus Solidarität einen mittrinken. Und es macht Spaß, um die Kohlkönigswürde zu kämpfen, auch wenn die Regeln dabei zumeist undurchschaubar sind und die „Gewinner“ von vorneherein feststehen – weil es nämlich irgendwie doch gerecht zugeht und jeder mal drankommen soll.

Genau dieser sinnlose Spaß ist es, der mir in meinem erwachsenen Alltag manchmal fehlt und den ich einfach zwischendurch mal brauche. Ich nehme an, dass es auch meinen Freunden so geht. Und auch die beiden Polizisten, die uns auf einem schmalen Feldweg im Streifenwagen entgegenfuhren, wussten offensichtlich, um was es bei einer Kohlfahrt geht: Sie blieben stehen, machten die blaue Festbeleuchtung an und schalteten den Lautsprecher ein – extra für uns. „Atemlos“ plärrte es über die Felder, alle freuten sich, winkten und hatten einfach nur Spaß.

7 Kommentare zu “Sinn und Unsinn der Sinnfreiheit

  1. „Atemlos“ läßt Dich wohl auch nicht mehr los und plärrt Dir überall in die Ohren. Ist die Kohlfahrt nicht eigentlich ein Kohlgang? Fahren tut doch nur der Bollerwagen oder wie seh ich das?.

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  2. Für mich ist Kohlfahrt wie Karneval ohne Pappnase. Die Jecken johlen im Kostüm, zur Kohlfahrt geht man ohne Maske. Jedenfalls alles Banane und das höchste Gut -wenn man Sinnfreiheit in seinem Leben zulässt. Glücksgefühle bringe ich auch damit in Verbindung, in erster Linie sogar. Mal ne Klobürste werfen und dann beim nächsten Schnaps zu hören, dass sie sogar unbenutzt war, neu sozusagen, das ist unvergesslich. Ein Highlight, vernünftig bin ich ja andauernd. In diesem Sinn: Helau und „Ecke“ auf gerader Strecke.

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