Fundstücke 8 – Verrohung durch Clean Desk

Menschen sind unterschiedlich in ihren Gewohnheiten, Meinungen und Bedürfnissen. Dies wirkt sich auch auf ihr Verhalten im Arbeitsleben aus: Der eine sitzt gerne an einem ganz leeren, sauberen Schreibtisch, die andere fühlt sich nur wohl, wenn sie auf ein Foto ihrer Lieben guckt und wieder andere stapeln diverse Dinge auf Haufen und fühlen sich in dieser Gebirgslandschaft sichtlich gut. So weit, so gut – für mich.

In der letzten Zeit wird jedoch immer wieder der Begriff „Clean Desk“ erwähnt und von den Jüngern der absoluten Ordnung als das Allheilmittel gegen allerhand berufliche Gebrechen dargestellt. Gerade die Zunft der Berater möchte den aufgeräumten Schreibtisch gerne jedem aufdrücken und klagt gegen Bürochaos jeglicher Art. Ich halte das nach wie vor für einen Irrweg und widersetze mich seit Jahren erfolgreich gegen jene Prediger, die „Clean Desk“ als sinnvoll für alle ansehen. Denn es ist nicht sinnvoll für alle, eben weil nicht alle Menschen gleich sind.

Nichts gegen die, die aufräumen und besser an einem leeren Tisch arbeiten – das dürfen die gerne tun. Doch für mich ist das nichts. Ich brauche zwar keine Gebirge aus Dokumenten und auch keine Familienfotos auf meinem Tisch, auch bringe ich meine gebrauchten Kaffeetassen regelmäßig weg. Aber ich liebe meinen Kram: die alten blau-weißen Quetschbälle und die silberne Ente, das sonderbare Gespenst mit der Tastaturreinigungsbürste in sich, ein paar Veranstaltungsfotos und meine geliebten Hustenbonbons. Ich habe auch gerne mindesten vier Stifte herumliegen und bunte Post-its mit kryptischen Notizen drauf. Ich brauche etwas, an dem mein Blick beim Nachdenken hängen bleibt, und gerade, wenn ich an einem komplexeren Problem herumgrüble, muss ich ein wenig herumgucken, bevor ich die Lösung zu packen kriege. Manchmal muss man halt einfach mal kurz loslassen, damit man so richtig zugreifen kann – das kann ich besser, wenn ich zufrieden auf mein Sammelsurium gucke, als wenn ich eine Verbindung mit der grauen Wand versuche. An irgendetwas müssen die Gedanken hängen bleiben, damit sie nicht so leicht wegrutschen. Das ist bei mir zuhause übrigens auch so: ich räume nie alles weg. Zum einen nicht, weil ich zu faul dazu bin, zum anderen aber auch, weil ich das ungemütlich finde.

Vor einigen Wochen nun wurde mir klar, dass Clean Desk in manchen Fällen sogar zu einer erschreckenden Verrohung führen kann, und zwar im Falle von Bo, dem Bären: Jahrelang hat er bei einigen Kollegen von mir gewohnt, wurde immer mal wieder von A nach B geräumt, ab und zu hervorgekramt, war einfach mit dabei. Dann wurde aufgeräumt. Und Bo wurde vom Kumpel zum Opfer. So schlimm kann es kommen, wenn man Irrwegen folgt.

Stoffbär aufgehängt

Ein Opfer des Ordnungswahns, erhängt am Garderobenständer

2 Kommentare zu “Fundstücke 8 – Verrohung durch Clean Desk

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