Herbert

Immer wieder fallen mir Menschen auf, die in Mülleimern, Hecken oder an Bushaltestellen nach leeren Flaschen suchen. Junge und alte, ärmlich gekleidete oder ganz normal aussehende Leute. Natürlich frage ich mich, ob es wirklich alle nötig haben, das Pfandgeld zu kassieren, oder ob es für einige vielleicht nur ein Sport ist. Eine Art Hobby vielleicht.

Ich selber habe kürzlich einen ganzen Einkaufstrolley an langsam gesammelten Werken – ich habe selten Einwegflaschen – fortgebracht. Ganze 6,90 brachte mir diese Fuhre. Es muss ein mühsames Geschäft sein, auf diese Weise seinen Lebensunterhalt aufzubessern. Zumindest, wenn es kein Hobby ist.

Herbert

Er wusste, wo er heute hinmusste: Der REWE an der Goethestraße war dran. Dementsprechend hatte er seine Route geplant, als er morgens aufbrach: Er hatte die alten, bequemen Schuhe angezogen, die Tasche mit den beiden Flaschen vom Vorabend vom Haken genommen, noch zwei große stabile Tüten eingepackt und war losgegangen. Zuerst zum Sportplatz. Wenn dort abends ein Spiel gewesen war, waren die Chancen gut, dass es auch Flaschen gab. In der Tat fand er acht, eine gute Ausbeute, auch wenn zwei dieser billigen Bierflaschen dabei waren, 8 Cent das Stück, es lohnte kaum, sie zu tragen. Aber Herbert wusste, dass vielleicht der Tag kommen würde, an dem ihm genau diese 16 Cent fehlen würden, wenn er diese Flaschen nun liegen ließ – also wanderten sie in die Tasche. Und Herbert wanderte weiter: Vorbei an der Haltestelle des Schulbusses. Viele Kinder warfen ihre Flaschen dort achtlos fort oder steckten sie in die Hecke. Das wäre ihm früher nicht passiert. Er hätte sie abgegeben und das Geld in Süßigkeiten angelegt. Oder gespart. Für ein neues Fahrrad. Oder neue Fußballschuhe. Aber bares Geld einfach wegwerfen – nein, das gab es nicht. Die Ohren hätte die Mutter ihm langgezogen!

Wieder drei gefunden! Das lief ja gut heute. Noch keine halbe Stunde unterwegs und schon 2,91 in der Tasche, mit den beiden von gestern. Herbert ging an der Schule vorbei, bog ab zur Kirche. Hier saßen sie oft am Abend, die Hinterteile auf der Rückenlehne der Bank, und tranken Bier oder Cola. Warum sie wohl so saßen? Seit Jahrzehnten taten sie das, die Jugendlichen, die sich an der Kirche trafen. Bequem konnte das nicht sein. Aber vielleicht cool. Herbert hatte es nie versucht, daher kannte er das Gefühl nicht, dass sich einstellte, wenn man so saß. Irgendwann würde er das einmal probieren. Aber nicht heute. Heute hatte er zu tun.

Die drei Flaschen aus der Mülltonne waren schmutzig von Zigarrettenasche. Bier mit Brause hatten sie getrunken, und einer auch Bier mit Cola. Pfui Teufel! Schmutzige Hände für 24 Cent: Aber wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Das hatte seine Mutter ihm früher schon eingetrichtert und er hatte das seinen Kindern so weiter gegeben. Mit Erfolg, sie waren zwei strebsame, sparsame junge Leute geworden. Herbert musste lächeln, als er das dachte: junge Leute. Immerhin war Bodo inzwischen 45 und Claudia 42, sie waren also nicht mehr so ganz jung. Selbst seine Enkel wurden schon groß, der Älteste war 14. Manchmal war es ihm, als würden sie allesamt die Rollen tauschen: Seine Kinder sorgten sich um ihn. „Geh doch zum Amt, Papa!“, hatte Claudia schon vor zwei Jahren zu ihm gesagt, als ihr klar geworden war, von wie wenig Geld ihr Vater lebte. Und Bodo hatte sie auch gleich angestachelt: „Es gibt einen Anspruch auf Grundsicherung, Vater. Das ist keine Bettelei, wenn du das beantragst. Das steht dir zu!“

Jaja, gewiss stand es ihm zu. Schließlich hatte er sein Leben lang gearbeitet. Als Kellner, zuerst im Café Fritze, danach im Restaurant im Hallenbad. Dort hatte er keine langen Abendschichten machen müssen und stets ein gutes Trinkgeld gehabt. Das hatte zusammen mit seinem schmalen Gehalt für ein bescheidenes Leben gereicht, die Kinder hatten es gut gehabt und Martha, die stets etwas kränklich gewesen war, hatte nicht zu arbeiten brauchen. Große Rücklagen hatten sie allerdings nicht bilden können und das wenige, das auf dem Sparbuch war, hatten sie kurz vor Marthas Tod ausgegeben: Für einen kleinen Urlaub, sieben Tage Flusskreuzfahrt auf der Donau. Ein letztes Highlight in Marthas Leben. Das Geld war gut angelegt gewesen.

Rose pink nass Blüte

Inzwischen war Herbert am Schwimmbad, der alten Mühle und dem Schnellrestaurant vorbeigelaufen – sieben Gute, zwei Bier. Ein bisschen was musste noch kommen, es war Monatsende. Also weiter zum Jugendzentrum. Wenn da noch keiner vor ihm war, konnte er dort auf reiche Beute hoffen. Und tatsächlich: sechs Plastik, zwei Bier, immerhin. Wenn es dabei blieb, wäre es okay. Mehr war natürlich besser. Aber die Tasche und eine der Tüten waren schon voll. Er konnte nicht mehr so viel tragen wie früher. Aber da hinten … seine Nase sagte ihm, dass am Tennisplatz noch was zu holen war. Vier Gute in die zweite Tüte. Und nun zum Rewe, kassieren!

Auf dem Weg zur Goethestraße fielen Herbert noch zwei Plastikflaschen in die Hände. Pfandflaschen, leider. Für die gab es weniger als für die Einwegdinger, auch wenn sie größer waren. Wer sich das bloß ausgedacht hatte? Aber egal, 30 Cent waren 30 Cent.

Im Supermarkt schon Herbert das Leergut in die vorgesehenen Automaten. Auch dafür brauchte man fast eine Ausbildung: Einweg links, Mehrweg rechts. Mehrmals wurden Flaschen wieder ausgespuckt, also etwas drehen, wieder rein. Endlich war Herbert im Besitz von zwei Pfandbons über insgesamt acht Euro und zwei Cent. Nicht viel für zwei Stunden Rennerei, aber auch nicht so schlecht. Ein schönes Zubrot, steuerfrei* und legal. Eine ehrenwerte Arbeit. Und doch schämte er sich ein wenig dafür. Deshalb ging er jeden Tag in einen anderen Markt zum Kassieren. Wie ein Alkoholiker, der seinen Schnaps immer wieder woanders einkauft und sich dabei einredet, dass niemand etwas von seinem Problem, seiner Sucht bemerkt. Und wie ein Alkoholiker versuchte auch Herbert jedes Mal, die Kassiererin abzulenken, wenn er mehr Geld heraus bekam, als er bezahlte. So auch dieses Mal: Das Päckchen Graubrot, der Käse aus dem Sonderangebot und die Dose Erbsensuppe machten nur rund fünf Euro, so dass er noch über drei Euro herausbekam. Drei Euro für das Sparschwein, für unvorhergesehene Ausgaben und Weihnachtsgeschenke. Nicht viel, aber immerhin.

„Dieses Mal bezahlen Sie mich!“, rief Herbert scheinbar erstaunt, als die Kassiererin ihm das Geld und den Kassenzettel überreichte. Diese lachte und nickte, so wie jedes Mal, wenn einer dieser Pfandsammler diesen Spruch aufsagte. Sie war eine warmherzige und verständnisvolle Frau, sie ließ sich nicht anmerken, dass sie genau wusste, dass dieser Kunde arm war, dass seine Rente nicht reichte und dass er deshalb Flaschen sammelte. Wer war sie schließlich, dass sie es sich hätte erlauben können, auf den armen Alten herab zu sehen? Sie konnte ja froh sein, wenn es ihr in einigen Jahren nicht genau so ginge.

Mit leicht schmerzenden Füßen, die kargen Einkäufe in der Tasche, ging Herbert nach Hause. Dabei dachte er an Bodo, der ihn unbedingt finanziell unterstützen wollte. „Nimm das doch an, Vater, wir geben dir das Geld wirklich gerne. 150 Euro im Monat würden dir doch weiter helfen!“ Der gute Junge. Aber wo kam man denn hin, wenn die Kinder für die Alten bezahlten? Herbert hatte diese regelmäßigen Zuwendungen abgelehnt. Und nun schmuggelten sie ihm immer wieder heimlich Geld zu: schoben ihm etwas in die Brieftasche, in die Manteltasche oder legten es in den Küchenschrank. Als ob er das nicht merke würde – er war doch nicht senil! Herbert nahm das Geld, gab es aber nicht aus. Statt dessen legte er es auf ein Sparbuch. Für sein Beerdigung, irgendwann würde es ja soweit sein. Er wusste noch gut, was das bei Martha gekostet hatte. Für die Angehörigen war sowas eine Zumutung, gerade wenn es nichts zu erben gab. Wenn er Bodos Geld ansparte, konnte er ihm diese Last also schon einmal abnehmen.

Herbert erreichte seine Wohnung pünktlich zur Mittagszeit. Im Hauseingang standen vier Flaschen, von den Guten zu je 25 Cent. Er wunderte sich kaum darüber, gewiss hatten die Nachbarn wieder einmal keine Lust gehabt, sie wegzutragen. Schon wieder 1 Euro in der Tasche, ganz ohne Mühen. Und gleich Erbsensuppe und ein Rest Vanillepudding von gestern. Ein guter Tag!

 

*Nachbemerkung: Ich erinnere mich dunkel und mit Grauen an eine längst vergangene Vorlesung im Fach Steuerrecht. Dort wurde in epischer Breite dargelegt, dass regelmäßiges Pfandsammeln, welches einen relevanten Teil des Einkommens darstellt, irgendeiner Steuer unterliegt. Das hat mich allerdings damals genau so wenig interessiert wie heute. Ich möchte es nur nicht unerwähnt lassen, damit ich mit dieser kleinen Schreiberei nicht irgendeinen braven Steuerrechtsstudenten ins Unglück stürze.

8 Kommentare zu “Herbert

  1. Meike, Deine Erinnerung trügt dich nicht… hier zum Nachlesen – wer mag 🙂
    BFH, 06.06.1973 – I R 203/71 Aber man sollte die Kirche im Dorf lassen. Es gibt ja noch den Grundfreibetrag…. kaum zu glauben, dass jemand ernsthaft so viel sammelt, dass er tatsächlich ESt zahlen muss.

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