Atemlos

Den Jahreswechsel habe ich, wie schon erwähnt, mit einer Freundin auf der Insel Juist verbracht. Dort kamen viele Gäste zu Silvester erst an, täglich drei Fähren schaufelten Besucher auf die Insel. Die Lokale mit den Menüarrangements waren schon lange ausgebucht und auch die Kneipiers bereiteten sich sorgfältig auf den Ansturm vor: Reservegläser wurden aus den Kartons geholt, alles verfügbare Personal stand bereit und sogar große Brüder wurden vom Festland geholt und als Aushilfen rekrutiert. Alles wartete und wollte

Atemlos ins neue Jahr (ein fast sachlicher Bericht)

Die kleine, beschauliche Insel Juist im ostfriesischen Teil der Nordsee ist, anders als Norderney oder das nordfriesische Sylt, nicht unbedingt als Partyinsel bekannt. Dennoch gibt es natürlich reichlich Gastronomie, in der man teilweise hervorragend essen kann, sowie einige Kneipen, in denen heftig gesoffen wird. Zu Silvester treffen sich hier beide, die Gourmets und die Säufer, oftmals auch in Personalunion. Und es bieten sich auf dieser kleinen Insel, gerade wenn sie ausgebucht ist, immer wieder Gelegenheiten für Beobachtungen der Sorte Sozialstudie.

Juist Silvester 2014

An Silvester befand sich die Insel, wie wahrscheinlich fast alle Orte in Deutschland, in Warteposition: Die meisten Cafés und Restaurants schlossen am frühen Nachmittag, damit Vorbereitungen für den Abend getroffen werden konnten. Nur einige der unermüdlichsten Gastronomen vertrauten ausreichen auf ihr Organisationstalent, um auch das Nachmittagsgeschäft noch mitzunehmen. Dementsprechend wurde es früh ruhig auf den Straßen.

Während ich vom Strand nach Hause ging, gut durchgepustet und angenehm müde, hörte ich aus einem der Hotels den Soundcheck für den kommenden Abend: „Atemlos!“, quietschte Helene Fischer aus dem Lautsprecher, laut genug, um selbst die schwerhörigsten Hotelgäste vom Kanapee zu locken. Ich ahnte schon, dass dieses Lied die Begleitmusik der diesjährigen Silvesternacht werden würde – hier und wahrscheinlich auch anderswo.

Die Touristen verschwanden also fast völlig von der Straße, wohl um vorzuschlafen und sich schön zu machen. Wir taten dasselbe: Etwas herumlungern, umziehen, Haare bürsten und runter ins „Piratennest“, wo wir das Silvestermenü gebucht hatten. Das war rundum lecker, wurde sehr gerne in angenehmer Atmosphäre serviert und hatte einen vernünftigen Preis. Denn obwohl meine Freundin und ich beides keine Geringverdiener sind, war uns Letzteres trotzdem wichtig: Schließlich ist Juist, verglichen mit den anderen ostfriesischen Inseln, mit Abstand die teuerste. Der Geldbeutel leert sich hier gefühlt schon vom Atmen der guten Luft mit den vielgepriesenen Aerosolen.

Während des Essens schwatzten wir mit den Leuten vom Nebentisch. Das nette Paar in den Vierzigern reiste mit zwei Mädchen von etwa elf Jahren und hatte wie wir vor, nach dem Essen und der unvermeidlichen Böllerei noch ein wenig in der Dorfdisco „Zappel“ vorbeizuschauen – der Kinder zuliebe, die sowas mal sehen wollten. Wir waren auch noch nie im „Zappel“ und waren mindestens genau so neugierig wie die Mädels.

Folglich machten wir uns nach dem Essen auf zur Strandpromenade, denn wir wollten zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen wollten wir den Großteil der an sich überschaubaren Wegstrecke zur Disco schon einmal hinter uns bringen, und zum anderen gedachten wir, am Wasserturm auf der hohen Düne das Feuerwerk zu bestaunen. Von dort hat man nämlich einen tollen Blick in alle Richtungen und sieht bei gutem Wetter sogar noch ein bisschen Feuerwerk vom Festland und aus Norderney. Auf unserem Weg zur Düne hörten wir es aus allen Kneipen und Schirmbars: Offenbar warteten alle DJs der Insel „atemlos“ auf Mitternacht.

Das Feuerwerk empfand ich in diesem Jahr als ungewöhnlich angenehm: nicht zu viel und nicht zu wenig. Anders als in Frankfurt, wo ich immer Angst habe, von wild herumfliegenden Feuerwerkskörpern abgeschossen zu werden, konnte man auf der Düne ganz in Ruhe gucken. Und die wenigen übermütigen Jugendlichen, die es wagten, unkontrolliert einen Böller zu werfen, wurden von einigen kräftigen Insulanern sofort zur Ordnung gerufen und mit körperlichen Konsequenzen bedroht. Ich wusste es noch nicht, aber der Begriff „auf die Schnauze kriegen“ sollte in dieser Nacht noch mehr Bedeutung bekommen.

In der kleinen Discothek – wann war ich überhaupt zum letzten Mal in einer Disco?! – waren wir gegen halb eins fast die ersten Gäste. Es füllte sich jedoch, getanzt wurde eifrig und die moderaten Getränkepreise schienen den einen oder die andere dazu zu verführen, etwas zu sehr zuzulangen. Schnell stellte sich bei einigen Gästen der stiere Blick der Betrunkenen ein – eine Tatsache, die den beiden kleinen Mädchen, die wir mit ihren Eltern dort wieder trafen, sichtlich nicht behagte. „So ist das, wenn Erwachsene feiern“, erklärte man ihnen, und sie guckten befremdet. Gewiss entstanden in dieser Nacht zwei neue Exemplare von Petra Pan. Und ich, die ich von mir immer wieder behaupte, kein Muttergen zu besitzen, ertappte mich dabei, dass ich die beiden wildfremden Mädchen gemeinsam mit deren Vater in eine Ecke drängelte und den Eingang dorthin mit meinem schwer beiseite zu schiebenden Körper verschloss, als es hinter uns zu Handgreiflichkeiten zwischen Gästen kam. Wir wandten also ohne Absprache die Auerochsen-Technik an – wahrscheinlich habe ich einfach zu viele Tierfilme gesehen.

Die Menge der Schlägereien in dieser kleinen Disco war jedoch auffällig und für mich wirklich erstaunlich. Natürlich ist Silvester eine besondere Nacht und viele Leute waren sicherlich betrunkener, als sie es unter normalen Umständen gewesen wären. Ich hatte mir aber immer eingebildet, dass diese Festtagskeilereien ein Phänomen aus der Jugendzeit meines Vaters gewesen seien, der immer wieder von ausgeuferten Schützenfesten und eskalierten Hochzeitsfeiern erzählte. Er sagte immer, Prügeleien seien damals (wohl um 1950) etwas Normales gewesen, und wenn man sich wie er nicht habe prügeln wollen, dann habe man dem Widersacher zumindest heimlich ein rohes Ei in die Sakkotasche gesteckt und sich aus sicherer Entfernung daran ergötzt, wenn dieses im Gedränge platzte und der Feind in der Schmiere stand. Nun, diesen Sinn für Abstand ließen in dieser Nacht etliche Gäste vermissen und das Personal hatte allerhand zu tun. Ich war immer wieder erstaunt, wie schnell die Thekenjungs und anderen Helfer es gesehen haben, wenn es irgendwo brenzlig wurde: Plötzlich rannten sie los, griffen sortierend ein, redeten gut zu. Sicherlich ist es von Vorteil, wenn man den Großteil der Streithammel mit Namen kennt: Etwas persönliche Ansprache half zumeist, die Gemüter zu beruhigen, der uneinsichtige Rest flog raus. Da meine Freundin und ich aber, anders als mein robuster Vater, dieses Gekeile nicht normal fanden, strichen wir um halb drei die Segel und gingen noch auf einen Absacker in unsere Stammkneipe, die Spelunke. Hier wird zwar auch hart gesoffen, aber die Kneipe ist so geschnitten, dass man kaum unbeobachtet pöbeln kann – und wer pöbelt, kriegt Schimpfe. Dabei ist der Wirt mit der donnernden Stimme alles andere als leise, sodass zumeist eine Verwarnung reicht. Eine Zweite gibt es allerdings auch nicht.

Schild in der Spelunke auf Juist

Wanddekoration in der Spelunke

Schon auf der Treppe hörten wir es: „Atemlos“, schmetterte Helene, und „Atemlos“ grölte die Menge im Chor. Was war das denn? Gab es in diesem meinem Lieblingsetablissement nicht mal eine Art „Helene-Fischer-und-Andrea-Berg-Verbot“? Wurde nicht jeder, der seine Neigung zu einer dieser beiden Damen bekannte, mit einer Strafzahlung belegt, zu entrichten in Alkohol für’s Personal? Ganz offensichtlich galt das an diesem Abend nicht, und da der Wirt eine unverhohlene Schwäche für Schlager hat, bekamen wir auch noch Marianne Rosenberg und Roland Kaiser auf die Ohren. Eine harte Nacht, wahrlich. Als einer der Thekenleute eigenmächtig das Programm wechselte und sein Glück mit dem Klassiker „Music“ von John Miles versuchte, machte er mich damit zwar kurzfristig glücklich. Der Unglücksvogel handelte sich selbst aber einen der gefürchteten lautstarken Rüffel seines Chefs ein: „Was ist das denn für ’n Scheiß? Mach sofort wieder was Ordentliches an, die Leute wollen tanzen! Mach „Atemlos“ oder so!“ Und ich saß da wie ein begossener Pudel und dachte nur: ‚Hallo, Lieblingswirt? Ist da jemand zuhause? Was ist denn los? „Atemlos“ war gerade erst, und außerdem ist hier Fischer-Verbot! Und tanzen kann man hier auch nicht, hier ist das viel zu voll!‘ Wie üblich verhallte mein schweigend vorgetragener Protest ungehört und ich fügte mich dem Druck der Massen. „Atemlos!“, kreischte die trunkene Menge, ein älteres Paar versuchte sich im Gedränge an einem Discofox, alle waren zufrieden und keiner pöbelte. Bis kurz vor vier hörte ich Schlager, dann verabschiedete ich mich von meiner Freundin, die noch etwas plaudern wollte, von meinem lauten Lieblingswirt und einer gelungenen Nacht. Beim Raustreten aus der Kneipe raubte mir der kalte, starke Wind für einen Moment die Luft, sodass ich atemlos dem neuen Tag eines neuen Jahres entgegenlief und trotzdem mühelos die wenigen Meter bis zu meinem Bett bewältigte.

7 Kommentare zu “Atemlos

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