Anders als du denkst

Eine kleine Aufwärm-Übung aus dem Schreibworkshop: Nur ein Titel war gegeben, der Rest der eigenen Fantasie überlassen. Bei mir fiel allerdings die Fantasie einigen eigenen Erinnerungen zum Opfer, sodass eine recht realistische Miniatur zustande kam.

Anders als du denkst

Wenn Martin Schulze am Telefon war, schmunzelten seine Gesprächspartner oft: Sein breiter hessischer Dialekt hatte etwas Gemütliches, das so gar nicht zu einem Versicherungsvertreter passen wollte. Das gab den Gesprächen etwas Bodenständiges, das gerade älteren Leuten Vertrauen einflößte. Gerne luden sie Martin Schulze zu sich nach Hause ein, um ihre laufenden Versicherungsverträge überprüfen und sich beraten zu lassen.

Wenn Martin Schulze dann läutete und ein alter Herr oder eine kleine weißhaarige Dame die Tür öffnete, dann zuckten sie oft ein wenig zusammen. Denn der nette Herr Schulze von der Versicherung war kein typischer Hesse, sondern ein großer, rabenschwarzer Mann, der vor rund 41 Jahren an der Elfenbeinküste geboren worden war. Im Alter von sechs Monaten von der Familie Schulze aus Eltville adoptiert, dachte und fühlte er deutsch, verhielt sich deutsch, sprach hessisch und wurde doch immer mal wieder in Läden oder auf der Straße angeschrien. „Sprechen Sie deutsch?“, fragten die Leute, oder „Du zwei Bratwurst?“, natürlich besonders laut, damit der schwarze Mann die weiße Verkäuferin überhaupt verstehen konnte. Inzwischen lächelte er über so etwas, doch die erschrockenen Gesichter seiner Kunden waren schwerer zu ertragen.

Wenn die Leute sich an den Farbigen in ihrem Wohnzimmer gewöhnt hatten, kamen sie zumeist gut mit ihm zurecht. Martin Schulze war anständig, beriet nach bestem Wissen und Gewissen und schwatzte 90-jährigen Omis keine Rentenversicherung auf. Wenn er ging, waren seine Kunden zumeist sehr von ihm beeindruckt, und sie waren sich einig: Für einen Mann aus Afrika sprach der Herr Schulze recht gut deutsch. Und sauber wirkte er auch.

irgendwo in Dublin

Dieser Mann war eilig unterwegs und lief mir in Dublin ins Bild. Wahrscheinlich landete er gleich auf zwei Touristenfotos. Und wer weiß: Vielleicht war er ein Versicherungsvertreter?

Nachbemerkung: Der Titel „Anders als du denkst“ brachte mich dazu, mich an einen Mann zu erinnern, mit dem ich einmal bei der Arbeit zu tun hatte. Ich brachte damals den urdeutschen Namen nicht mit seinem asiatisch aussehenden Gesicht zusammen und guckte wahrscheinlich wie ein Auto, als er sich mir vorstellte. Und ich musste an einige ältere Leute denken, die von sich selber immer sagten, sie hätten keine Vorurteile gegen Ausländer. Denn die Nachbarn, obwohl Polen oder Türken, seien trotzdem ganz anständige Leute, erklärten sie. Und ich dachte an eine Personalerin in München, die Bedenken äußerte, einen Ausländer für die Beantwortung von Verbraucherfragen einzustellen – nicht wegen mangelnder Deutschkenntnisse, sondern wegen der falschen Hautfarbe. Das war nicht im Jahr 1950, sondern irgendwann zwischen 1999 und 2003 – ist also noch gar nicht so lange her.

4 Kommentare zu “Anders als du denkst

  1. Na ja, München, damals! Das war noch sehr speziell.
    Heute wäre es sicherlich Pflicht, Spezialistenwissen in Kopftüchern anzubieten. Das meine ich in keiner Weise diskriminierend! (Gab es das nicht auch mal ein paar Jahre später in Frankfurt?)

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    • Oh ja, damals in München war es speziell. Da wurde man ja schon als Norddeutsche wie ein wunderliches Tier betrachtet.

      Und ja, einige Jahre später in Ffm gab es das Spezialistenwissen mit Kopftuch. Passte wunderbar 🙂 Dafür gibt es in der Abteilung meines Wissens nach derzeit keinen einzigen Mann – irgendwas ist immer.

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  2. Ich hatte mal einen Arzt, der war Pole. Da sagte ein Vertreter der älteren Generation zu mir, deswegen könne er ja trotzdem ein guter Arzt sein.
    Ich persönlich möchte meine Multi-Kulti- Nachbarschaft nicht mehr missen. Es ist so schön zu wissen, dass die Welt hinter unseren Grenzen nicht aufhört.

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