Schön ausgedrückt: Flausen im Kopf

Es gibt Worte, die sind einfach schön und lassen einen lächeln. Oder man hat einen Ausdruck lange nicht gehört und freut sich darüber, ihm wieder zu begegnen. Redewendungen, die herrlich altmodisch sind oder Erinnerungen mit sich bringen, oder Metaphern, die einen einfach nur grinsen lassen – all diesen verbalen Kleinodien möchte ich in meinem Blog ein Plätzchen einräumen.

Den Anfang machen die …

Gabel Genfer See Vevey

Auch ’ne Flause: Gabel im Genfer See bei Vevey

Flausen im Kopf

Dieser schöne Ausdruck überraschte mich an einem schnöden Montag Mittag in der Kantine. Ein lebhaftes, aber harmloses Tischgespräch führte dazu, dass ein Kollege „Flausen“ erwähnte. Und diese Flausen sollten sich tatsächlich in meinem Kopf befinden: eine an sich schon unerhörte Unterstellung. Natürlich habe ich das abgestritten: In meinem Kopf wohnt lediglich Vernunft, da ist nichts drin, was da nicht hineingehört – außer vielleicht ein wenig Kalk. Schließlich bin ich schon über vierzig und verzichte derzeit noch auf geistesstärkende Mittelchen, da kann es schon mal ein wenig rieseln. Aber mein Interesse an den Flausen war schlagartig geweckt – was hat es auf sich mit diesem drolligen Ausdruck, den ich zwar kenne, aber selber nie benutze? Und ist es was Gutes, wenn man Flausen im Kopf hat, oder sollte man dagegen besser Tabletten nehmen?

Wie immer begann ich meine Feldforschung ganz einfach: Googelt man den Ausdruck „Flausen“, stellt man fest, dass sie häufig unerwünscht sind. Austreiben will man sie, oder man fordert den anderen auf, sie sich aus dem Kopf zu schlagen. Manchmal werden sie einem auch einfach in den Kopf gesetzt, das wird offensichtlich als negativ angesehen. Flausen sind also unbeliebt. Aber was sind sie genau?

Ein Blick in die Online-Version des Dudens bestätigt, was ich schon geahnt habe: Flausen sind nur bedingt etwas Gutes. Zunächst einmal erfährt man jedoch, dass es davon eine Einzahl gibt: Die Flause ist weiblich. Die Hauptbedeutung lautet „dummer oder lustiger Einfall; Unsinn, Spinnerei“ und leitet sich ab von „losem Faden, herumfliegende Wollflocke“- also so einer Art Fussel. Und so etwas soll ich im Kopf haben? Auf dem Kopf ja, reichlich sogar, aber da drin?

Ich hinterfrage mich kritisch: Ja, gut, dumme Einfälle habe ich schon mal, gerade, wenn ich nicht im Normalbetrieb, sondern im Urlaubs- oder Freizeitmodus bin. Dann finde ich die auch lustig, zugegeben. Aber Unsinn und Spinnerei? Naja, vielleicht manchmal. Aber selten, ganz selten. Wobei mir das dann zumeist viel Spaß macht. Und bei aller Vernunft hat doch auch der Spaß seine Berechtigung. Flausen sind also auch nur bedingt etwas Schlechtes.

Im Kantinengespräch wurde vermutet, dass „Flausen im Kopf“ im Alter weniger werden. Das mag stimmen, zumindest für die meisten Leute. Die Frage, ab wann das Gefussel im Kopf denn nachlässt, ist für mich aber ungeklärt. Selber merke ich noch keine Veränderung, was den Unsinn angeht. Irgendwie ist die Grenze zwischen Sinn und Unsinn ja auch fließend, das kann man nicht so ganz genau unterscheiden. Und ich erinnere mich an meinen Vater, der noch im gehobenen Alter allerhand lustige Einfälle hatte, die man durchaus als Flausen bezeichnen kann. Ein Beispiel dafür ist das von ihm erfundene Pümpel-Zielschmeißen in der Küche, das ihm und mir sehr viel Spaß machte und uns beiden furchtbar Schimpfe einbrachte – von meiner Mutter, die für derartige Spinnereien keinerlei Verständnis aufbrachte (ein Grund dafür mögen die etwas klebrigen runden Abdrücke gewesen sein, die unser Gummi-Sportgerät bei jedem Aufprall hinterließ). Genauso wenig gelobt wurde mein Vater für die Idee, aus einer 50 Jahre alten Schranktür ein Gerüst für die Treppenhausrenovierung zu bauen: Dieser Unsinn brachte Vater einen geprellten Steiß und Mutter einen kräftigen Schluck aus der Cognacflasche ein – auf den Schreck und aus Verärgerung über den unvernünftigen Gatten. Flausen können gefährlich sein.

Auf der anderen Seite brachte so manche seltsame Idee, die von anderen als Flausen bezeichnet wurde, die Welt ein ganzes Stück weiter. Ohne die energisch vorangetriebenen lustigen Einfälle anderer Leute könnten wir wahrscheinlich noch immer nicht telefonieren, nicht fliegen und nicht im Internet surfen. Wer weiß, vielleicht hätten wir noch nicht mal eine Spültoilette – wer möchte sich das vorstellen? Natürlich kann man auf viele sonderbare Erfindungen gut verzichten: Hier erinnere ich nur an den Nagellacktrockner im Affendesign. Aber auch der hat uns beim Schrottwichteln viel Spaß gemacht und somit seine Berechtigung.

Nach und nach bekomme ich den Eindruck, dass es wichtig ist, „Flausen im Kopf“ zu haben. Sie sind das Salz in der Suppe, ohne diese herumwirbelnden Flusen wäre das Leben langweilig. Gut, wenn einem das einmal bewusst wird: Ich werde Fusseln künftig mit ganz anderen Augen betrachten und mich nicht mehr meiner dummen Einfälle schämen.

 

Nachbemerkung: Weiterhin positiv betrachten werde ich übrigens Kantinengespräche, denn da ist häufig etwas Interessantes dabei. Mein Dank für die Inspiration gilt dieses Mal MarkusS., der immer mal wieder – wahrscheinlich ohne es zu wissen, mit Sicherheit aber ohne es zu wollen – einen ganz passablen Muserich abgibt. Derartige Flausen fange ich gerne auf. 🙂

2 Kommentare zu “Schön ausgedrückt: Flausen im Kopf

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