Der fallende Stern

Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, alle Namen  und Örtlichkeiten wurden verändert. Auch den Schluss habe ich mir ausgedacht, hoffe aber, dass es einen Freund gibt, der die gleiche Entscheidung trifft wie der brave Roland Hackler – genannt Hacki. Denn es gibt Dinge, die kann man auch als zahlender Zuschauer einfach nicht mit ansehen.

Der fallende Stern

HerbstlaubHacki, im wahren Leben Roland Hackler, war besorgt. Draußen hörte er das Publikum. Langsam kamen sie in den Saal, Männer und Frauen, die meisten von ihnen um die fünfzig, mit wachen, intelligenten Augen hinter Gleitsichtbrillen. Hacki hörte das erwartungsvolle Summen der vielen Stimmen, der Saal war schon recht gut gefüllt. Nicht ausverkauft, aber das konnte mal an einem Mittwoch kurz vor Weihnachten auch kaum erwarten.

„Und, Hacki, wie sieht’s aus, sind wir voll?“, hörte er Dietmars Stimme. Wie immer optimistisch, wie immer vor einem Auftritt leicht angespannt.

Hacki rang sich ein Lächeln ab. „Voller als gestern, nicht ganz so voll wie am Freitag.“

Dietmar nickte. Er war zufrieden: mit der Menge der Zuschauer und damit, überhaupt auf Tour zu sein. Mit Hacki, seinem Freund und Kollegen, der hier den zweiten Mann gab und das Kabarettprogramm mit kleinen musikalischen Einlagen auflockerte.

„Fünf Minuten noch“, murmelte Hacki und trat ein Stück von der Lücke im Vorhang zurück. Hoffentlich würde es heute gut gehen. Hoffentlich konnte Dietmar dieses Mal seinen Text, verlor nicht den Faden und blieb orientiert. Und hoffentlich fand er heute seine Brille, wenn er sie brauchte, um einen Blick auf seine zahlreichen Spickzettel zu werfen. Und hoffentlich, hoffentlich, so betete Hacki, hatte sich das Desaster von gestern in Bremen noch nicht bis hier herumgesprochen. Er schloss die Augen und verkrampfte sich bei der Erinnerung an den Vorabend.

Eigentlich war alles in Ordnung gewesen, genau so wie heute. Ein freundliches, aufgeschlossenes Publikum, das sich freute, den großen Star der Kabarettbühnen und Gastgeber unzähliger Satiresendungen wieder einmal live zu sehen. „Genesen von langer Krankheit“, so hatte es vor der Premiere geheißen, und genau so schien Dietmar sich zu fühlen: Genesen. Hacki war da verhaltener: Konnte man von so einem gewaltigen Schlaganfall wirklich ganz genesen? Viele Leute glaubten an das Wunder, und auch nach der Premiere am Freitag waren die Kritiken noch liebevoll und gar nicht mal so schlecht gewesen. „Noch nicht ganz der Alte“, schrieb der Kurier, und ein anderes Blatt titelte: „Dietmar Schneider auf gutem Weg“. Nun, dieser Weg kam ihm von Vorstellung zu Vorstellung mehr abhanden. Der spielfreie Tag am Montag hatte nicht geholfen und gestern … Oh mein Gott, gestern! Hacki schüttelte sich.

Er war wie immer als Erster auf die Bühne gekommen und hatte ein Intro gespielt. Dietmar brauchte die Musik, sonst schaffte er sein 90-Minuten-Programm nicht. Es strengte ihn alles so an: das laute, deutliche Sprechen, das Sitzen auf dem unbequemen Hocker und die Wärme der Scheinwerfer. Hacki hatte also ein Intro gespielt und dann gleich noch eins, weil Dietmars Erscheinen auf der Bühne sich verzögert hatte. Das Publikum hatte nichts gemerkt, zu gut war Hackis Klavierspiel, als das sich jemand darüber beschweren würde. Und als Dietmar die Bühne betrat, lächelnd, den gelähmten linken Arm in einem weiten Ärmel verborgen und fast wie immer aussehend, da hatte man ihn mit einem kräftigen Applaus empfangen. „Warm welcome“, so nannte man das wohl.

Dietmar hatte mit seinem „Impro-Teil“ begonnen, in dem er sich auf die Örtlichkeiten bezog und die lokalen Eigenarten ein wenig auf die Schippe nahm. Sowas kam immer gut an, sowas mochten die Leute, und dass Dietmar statt von Bremen immer wieder von Bottrop sprach, nahmen sie ihm nicht übel. Das gehörte bestimmt zum Programm, schienen sie zu denken, das würde gewiss der Running Gag des Abends werden. Bottrop statt Bremen, das war ja auch wirklich lustig. Sie waren höflich, lachten und applaudierten bei jeder Pointe, die nur einigermaßen zog, und blieben erwartungsvoll.

Freundlich blieben die Zuschauer auch noch, als das erste Video eingespielt wurde, das Dietmar zuhause zeigte – ein Video, wie man sie zu Hunderttausenden auf YouTube findet. Skurrile Alltagsszenen sollten das sein, etwas, das jeder kennt. 90 Minuten waren zu füllen, das ist eine Ewigkeit für jemanden, der nur noch ein halbes Gehirn hat. Hacki hatte gleich im Anschluss an das Video einen Tusch geklimpert, so etwas wie einen Narrhallamarsch – „seht ihr, das war lustig!“ sollte das bedeuten. Und das Publikum, verwirrt, aber dem Künstler gewogen, lachte verlegen und klatschte erleichtert.

Dietmar war weiter durch sein Programm gestolpert. Nun sollte eine kleine Lesung folgen, aus dem brandneuen Buch, das er geschrieben hatte und das es zu vermarkten galt. Eine todsichere Sache eigentlich, wenn Dietmar nur die richtige Seite gefunden hätte. Statt dessen las er kurz entschlossen eine andere Stelle, die zwar überhaupt nicht ins Programm passte, sich aber gut lesen ließ. Und Hacki, der diesen Teil eigentlich mit dem melancholischen Stück „Es gibt kein Bier auf Hawai“ hätte ausleiten sollen, improvisierte und spielte eine Jazzversion von „Hoch auf dem gelben Wagen“. Das passte zwar auch nicht so recht, hatte aber Schwung. Die anschließende Videoeinspielung nutzte er, um Dietmar das heruntergefallene Mikrofon wieder am Hemd zu befestigen. Das brachte diesen derartig aus dem Konzept, dass er einen uralten Witz erzählte, sich dabei verzettelte und die Pointe versaute. Als Hacki einen vorsichtigen Blick ins Publikum riskiert hatte, hatte er in vielen Gesichtern Unglauben und Zweifel gesehen, und außerdem das, was für einen Künstler wohl das Allerschlimmste ist: Mitleid.

Rosenschale

Hacki erinnerte sich an seine eigenen Gefühle, als er von dieser geplanten Tour erfahren hatte: Drei Jahre nach seinem schweren Schlaganfall hatte Dietmar alle schwebenden Verträge gekündigt und das endgültige Aus seiner Sendung verkündet. Aus gesundheitlichen Gründen, hatte es geheißen, natürlich, dafür hatte doch jeder Verständnis. Dann hatte er sich in sein Haus an der Ostsee zurückgezogen und ein Buch geschrieben. Dieses Buch, das nun beworben werden musste – „promotet“, wie das heute hieß. Und irgendwann war er auf die Idee mit diesem Solo-Programm gekommen.

„Wird dir das nicht zu anstrengend?“, hatten viele Leute gefragt, darunter auch Hacki. Dietmar hatte gelacht. „Ich bin wieder da!“, hatte er gesagt.

Und tatsächlich war Dietmar wieder da, zumindest auf dem Papier: Das Buch war gut, da waren sich die Kritiker einig, und auch die schriftlich abgegebenen Interviews waren überzeugend. Und so hatte Dietmar sich durchgesetzt, seine Agentin hatte die Tour vereinbart. 24 Abende in 24 Städten: Hamburg, Berlin, Bremen – eigentlich überall außer in Bottrop. Und Hacki hatte zugesagt, den alten Freund zu begleiten, wider besseren Wissens. Begleitung am Piano und im Leben, um der alten Zeiten willen. „Sie sind doch ein erfahrener Mann, Herr Hackler, Sie helfen ihm da durch!“, hatte die Agentin gemeint.

24 Abende, das war doch gar nicht so viel. Vier Abende hatten sie bereits überstanden, mehr schlecht als recht, 20 mussten sie noch. 20 Abende, an denen Hacki die Feuerwehr spielen und versuchen würde, den Freund vor dem Untergang zu bewahren. Drei Mal war ihm das bereits gelungen, gestern aber, am schwarzen Dienstag, war Dietmar mit seinem Kabarettprogramm untergegangen wie eine bleierne Ente. Die Zuschauer, gebildet und kultiviert, waren höflich geblieben, hatten gelächelt und schüchtern geklatscht, doch mehr als ein Drittel von ihnen hatte in der Pause das Theater verlassen. Die leeren Plätze hatten Hacki wehgetan, der mitleidige Unterton im verschämten Beifall nach jeder Nummer ebenfalls. Drei Mal noch hatte Dietmar sein Mikrofon verloren, ohne es zu bemerken. Zwei Mal hatte er seine Brille nicht finden können und zu guter Letzt sein Wasserglas umgestoßen. Nur die Tatsache, dass das Theaterpersonal es versäumt hatte, das Glas in der Pause aufzufüllen, hatte sie vor einer größeren Schweinerei bewahrt.

Dietmar war durch die zweite Programmhälfte geirrt, immer auf der Suche nach Orientierung und dem Text. Hacki hatte geklimpert, was das Zeug hielt, an ihm lag es nicht, dass sich allmählich Trauer in den Gesichtern der Zuschauer breitmachte: Trauer um den, der doch einmal ein ganz Großer gewesen war und der sich an diesem Abend auf der Bühne selbst demontierte. Ein Gigant der Satire, dessen Wortwitz dereinst so treffsicher wie ein Präzisionsgewehr gewesen war und der nun sich selbst und seine Fans mit alten Witzen und Homevideos quälte.

„Warum tut er sich das an“, stand in den Gesichtern, die blass die Bühne hinaufblickten, und „Warum tut er uns das an?“, fragte Hacki sich an diesem Abend immer wieder. Dieser verfluchte Dienstagabend – würde es je wieder einen Dienstag geben, an dem er nicht an dieses Waterloo würde denken müssen?

Wenn sie wenigstens gepfiffen hätten, diese Leute vom Dienstags-Publikum. Aber sie blieben respektvoll, klatschten erleichtert und ganz leise, als Dietmar verkündete, dass er nun fertig sei und dass es als Zugabe, nach der niemand verlangt hatte, nun noch einen Film geben würde. Sie wirkten wehmütig und sahen sich den brav den Film an, während Dietmar von der Bühne humpelte und sich im Foyer an den Tisch setzte, um Autogramme zu geben. Auch beim Hinausgehen blieben die Menschen höflich, sparten sich jeden abfälligen Kommentar. Der eine oder andere sagte sogar ein freundliches Wort oder ließ sich ein Buch signieren. Dort im Foyer hatte Dietmar die besten Momente des Abends gehabt.

So war es gewesen, am Dienstag in Bremen. Heute war Mittwoch und sie waren in Hamburg. Neues Spiel, neues Glück – the Show must go on. Aber nur noch heute, das wusste Hacki mit einem Male sicher. Morgen würde er dem ein Ende setzen, dieses Drama beenden, auch wenn ihn das seine Gage und somit die Miete für die nächsten Monate kosten würde. „Aus gesundheitlichen Gründen“ würde diese Agentin den Rest der Tour absagen, und wenn er es ihr einprügeln musste.

„Und, Hacki, was ist, gehen wir raus?“

„Wir gehen raus, Dietmar. Hals- und Beinbruch! Und denk daran, alter Junge, wir sind in Hamburg, nicht in Hannover!“

Sie lachten und Hacki klopfte dem alten Freund aufmunternd auf die Schulter. Dann ging er hinaus, setzte sich ans Piano und begann mit dem Intro.

 

2 Kommentare zu “Der fallende Stern

  1. Von einer Bühne gestoßen zu werden, kann manchmal barmherziger sein, als sie selbst verlassen zu müssen. Das größte Unglück entsteht doch, wenn man etwas sein will, das man nicht (mehr) ist.
    Eine bewegende Geschichte, Meike.

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    • Dankeschön. Und ja, genau so empfinde ich es auch. Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Der bizarre Auftritt, den wir kürzlich sehen mussten, hat uns tatsächlich das ganze Wochenende über beschäftigt.

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