Essen mit Gedöns

Der Begriff „Gedöns“ ist mir als Nordlicht schon seit Kindertagen ein Begriff. Berühmt wurde er durch den damaligen Kanzlerkandidaten Schröder, der von der Ministerin für „Frauen und Gedöns“ sprach. Das sorgte für Empörung, ist Gedöns doch in aller Regel negativ gemeint und steht für ein übertriebenes Getue oder unnützen Schnick-Schnack. Dieses Gedöns fällt mir zunehmend beim Essen auf.

Essen mit Gedöns         

„In letzter Zeit gibt es immer so komische Sachen zu essen“, klagte kürzlich ein hungriger Kollege in der Kantine. Und er hat Recht! In der letzten Zeit gibt es viele Gerichte mit irgendwelchen befremdlichen Zusätzen darin: Zitronengras-Spieße, irgendwelche Schäume, Koriander-Tamtam oder Tiefseefisch an Hokaido-Streifchen. Und ich frage mich: Wo ist die gute alte Erbsensuppe hin?

Reisfreies Risotto

Reisfreies Risotto – und man beachte den Hirtenkäseschnee

Ich weiß nicht, woran es liegt: Sind es die zahlreichen Kochsendungen, die die Fantasie der Essensschaffenden befeuern, oder ist es ein allgemeiner Hang zum Blendwerk, der dazu führt, dass inzwischen zunehmend seltsame Sachen auf meinem Teller landen? Aber für mich ist es auffällig: Der Schein wird beim Essen immer wichtiger. Sonderbarste Kombinationen ersetzen immer häufiger traditionelle Gerichte. Und damit meine ich nicht, dass es schade wäre, wenn Eintöpfe oder Schnitzel durch ausländische Gerichte ersetzt werden. Im Gegenteil, ich esse sehr gerne chinesisch, japanisch, griechisch oder italienisch. Ich denke dabei an Dinge, die viel mehr sein sollen, als sie eigentlich sind. Das passiert mal durch die Darreichungsform, dann wieder durch eine penible Aufzählung der Dinge, die angeblich alle in einem Gericht enthalten sein sollen. Je exotischer, desto besser, ob’s schmeckt ist dabei oft zweitrangig.

Bei uns in der Kantine beobachte ich oft irgendwelche Trends. Vor einer Weile war anscheinend Koriander mal günstig zu haben gewesen und musste weg, zumindest gab es massenhaft Gerichte mit diesem Gewürz – egal, ob es passte oder nicht. Einige Monate zuvor bekam man überall einen Klecks Minzjoghurt drübergeträufelt, der manchmal noch mit Erdbeeren verplanscht war. Und derzeit wird gerne ein furchtbar süßes „Mango-Chutney“ irgendwo draufgeworfen. Ich bin ehrlich und gebe es zu: Ich will keine Marmelade auf meinem Bratfisch.

In der Gastronomie treibt diese Mode noch absurdere Blüten: So fand ich kürzlich auf Borkum tatsächlich eine Kartoffelsuppe auf einer Speisekarte. Es war noch ein bisschen was dabei, aromatischer Bauchspeck oder handgestopfte Metzgerwurst oder so, aber im Grunde war es ein einfacher Eintopf. Dargereicht wurde das Süppchen in einem geschlossenen Einmachglas, das der arme Suppenesser erst auffummeln musste, wenn er es auslöffeln wollte. Dabei hat man sich die Finger verbrannt, und beim Essen war immer der Deckel im Weg – praktisch war das wahrlich nicht. Man sah es wirklich jedem der verzweifelten Löffler an, dass ihm ein ordinärer Teller deutlich lieber gewesen wäre. Aber gut, schicker ist natürlich so ein Gläschen. Und so schön außergewöhnlich.

Auch Tee kann man durch eine besondere Tasse anscheinend teurer verkaufen. Ebenfalls auf meiner Urlaubsinsel bestellte ich einen Rotbuschtee mit Namen „Telse“. Ja, der hieß so, ich kann nichts dafür. Seine Kollegen hießen Rasmus oder Hilde, das fand wohl jemand gut. Telse kam daher in einem riesigen Becher. Im Becher hing ein silberfarbener Dauerfilter, in dem ein Teebeutel schwamm. Natürlich wurde das Gebräu noch von einem schweren Deckel beschützt, und unter diesem Arrangement befand sich ein Holzbrett mit dem Schriftzug der Teefirma, einem Keks und einem Näpfchen Zucker. Alles schick. Und doch war es nur ein Beuteltee. Und ein Beuteltee bleibt ein Beuteltee, ob mit oder ohne Dauerfilter oder Holzbrett.

Tee "Telse"

Telse mit Gedöns

Nicht nur in Touristenhochburgen treibt der gastronomische Wahnsinn Blüten: In Frankfurt gingen wir kürzlich mal wieder in Sachsenhausen im Lokalbahnhof essen. Das gute alte Schnitzel mit grüner Soße musste weichen, Schwein ist nicht mehr in. Immerhin gab es Schnitzelvarianten mit Pute. Und außerdem diverse Absonderlichkeiten, wie ein Gericht mit reisfreiem Risotto (siehe oben). Mein Lieblingsgericht war aber dieses hier:

„Vegane Bio-Dinkelnudeln in rotem Thai-Curry, verfeinert mit Brokkoli, roten Zwiebeln, Champignons, Frühlingszwiebeln, Kirschtomaten, gestoßenen Cashewkernen und hausgemachtem, veganem Joghurt Korriander Topping. Wahlweise auch mit gegrillter Hähnchenbrust oder Garnelen vom Grill.“

Ach was? Naja,Hauptsache vegan.

Auch bei Eiscreme oder Joghurt sind der Fantasie inzwischen keine Grenzen mehr gesetzt. Auf Borkum gab es das „Eis des Tages“, bei dem es sich immer um ganz erlesene Rezepturen handelte. Ein einfaches Schokoladeneis hatte offensichtlich keine Chance, diesen Olymp der Eiskreationen zu erreichen und in dem kleinen Schildchen Erwähnung zu finden. Nein, das musste schon spezieller sein.

Eiscreme Büffelmilch-Himbeer

Eis mit Gedöns

Natürlich kann mir das alles egal sein, ich muss ja keine sonderbaren Kombinationen zu mir nehmen, wenn sie mir nicht gefallen. Was mich aber amüsiert und manchmal auch ärgert, ist dieser viele Wind, der um eine ganz gewöhnliche Sache gemacht wird – das Essen. Viel Lärm um nichts. Gedöns eben.

2 Kommentare zu “Essen mit Gedöns

  1. Huhu!
    Du hast recht. Ich hätte jetzt wirklich gern eine Erbsensuppe ohne Gedöns. =) Und ich finde, dass „Büffelmilch-Himbeer-Eis“ TOTAL unappetitlich klingt. Himbeere und Eis, toll! Büffelmilch? Äh, ja. Aber am Besten gefällt mir wirklich das Risotto ohne Reis. 😀 Grüße!

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  2. So ist es. Ich selbst koche bekanntlich gern Marmelade – und werde oftmals gefragt, was ich denn schon alles so zusammengemixt hätte, es gäbe da ja fantastische Creationen. Dann sage ich nur, dass ich Marmeldae ähnlich wie Bier herstelle: Ganz nach meinem „Reinheitsgebot“, nur mir Frucht und Gelierzucker. Anderes kommt mir nicht ins Glas. Meistens* – und die Marmelade ist gut so!
    * Manchmal ein Schuss Alkohol, mal ein wenig Vanille und selbstverständlich Zitrone (aber das ist auch eine Frucht).

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