Der Verdacht des Mr. Whicher, von Kate Summerscale

Der Verdacht der Mr. WhicherDieses 2009 in Deutschland erschienene und mit dem Samuel-Johnson-Prize ausgezeichnete Buch habe ich mehr oder weniger durch Zufall gekauft: Auf dem Flohmarkt, bei einer „Kauf drei, zahl zwei“-Aktion. Zwei Bücher hatte ich schon, verschenken wollte ich nichts, und fischte aus dem riesigen Angebot diesen ungewöhnlichen Krimi von Kate Summerscale heraus. Glück gehabt!

Darum geht es: Jack Whicher, der Zauberer, ist einer der ersten Kriminalpolizisten in England. Er wird im Jahr 1860 damit beauftragt, den Mord an einem vierjährigen Kind aus gutbürgerlicher Familie aufzuklären. Er wird erst zwei Wochen nach dem Mord gerufen – die Spuren sind verwischt, Gerüchte überlagern die Fakten. Die kriminalistischen Methoden sind in dieser Zeit noch reichlich eigen: Zuerst wird ein Verdächtiger ausgeguckt, danach versucht, Beweise für dessen Schuld zu bringen. Whichers Idee, das einfach einmal andersrum zu versuchen und von den Fakten ausgehen auf einen Verdächtigen zu schließen, wird als dreister Versuch eines Emporkömmlings gesehen, die gesellschaftlich höher gestellte Familie Kent zu diskreditieren. Außerdem wird es als gesellschaftlich unmöglich angesehen, den Mörder nicht nur innerhalb der Dienstbotenschaft, sondern auch unter den Familienmitgliedern zu suchen.

Whicher ermittelt stur auf seine eigene Weise und ist sich bald sicher, die Mörderin identifiziert zu haben. Er kann dies vor Gericht aber nicht beweisen, Hohn und Spott sind ihm gewiss. Erst Jahre später kommt die Wahrheit ans Licht.

Was ist das Besondere: Dieser Krimi ist nicht wirklich ein Roman, auch wenn er so beschrieben und verkauft wurde. Er beruht auf einem wahren Fall, der Stil ist dokumentarisch, die Fakten sind durch unzählige Quellen und Zitate belegt. Es liest sich wie eine mehrere hundert Seiten starke Reportage. Illustriert wird das Ganze durch viele historische Fotos, Stammbäume und Grundrisszeichnungen. Trotzdem fand ich das Buch spannend, auch weil es mit der Entlarvung der Täterin nicht endet, sondern das Schicksal der Familie Kent weiterhin wiedergibt. Es wird sehr deutlich, wie nachhaltig dieses sinnlose Verbrechen die ganze Familie beeinflusst hat. Auch scheinbar Unwichtiges – z. B. das Schicksal der ersten Mrs. Kent, die zum Zeitpunkt des Verbrechens längst verstorben ist, wird beleuchtet. Obwohl einige der Erklärungen auf Mutmaßungen, logischen Kombinationen und nicht belegten, aber wahrscheinlichen Vorgängen beruhen, helfen sie, sich ein umfassendes Bild von den Geschehnissen zu machen.

Was gibt es noch: Für mich als geschichtsbegeisterte Faktensortiererin war dieses Buch ein Glückgriff. Es ist aber keine ganz leichte Kost und durch die vielen Fußnoten und Anmerkungen (die ich übrigens nicht alle studiert habe) nicht ganz leicht zu lesen. Wer diesen dokumentarischen Stil nicht mag, sollte die Finger von diesem Buch lassen.

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