Ein Mädchen aus Duisburg

Kürzlich in der Straßenbahn habe ich Mädchen gesehen: junge Frauen irgendwo zwischen vierzehn und 17 Jahren. Sie schnatterten, lachten und kicherten und waren nervtötend oberflächlich. Sie benahmen sich genauso, wie ich es in diesem Alter getan habe und wie es meiner Meinung nach sein sollte. Aber nicht überall können Mädchen so unbeschwert sein, und auch nicht zu jeder Zeit.

Die folgende Geschichte wurde mir vor vielen Jahren erzählt, ich versuche, sie aus dem Gedächtnis so gut wie möglich wiederzugeben.

Ein Mädchen aus Duisburg

Erna kam 1919 auf die Welt, sie war die Älteste von vier Geschwistern. Der Vater arbeitete wie viele andere Männer in der Grube, die Verhältnisse waren bescheiden, aber geordnet. Acht Jahre lang ging Erna zur Schule, sie war eine gute Schülerin und wurde 1933 mit dem Volksschulabschluss entlassen. Gerade einmal dreizehn Jahre war sie da, erst im September würde sie vierzehn werden.

Ein Jahr Arbeit auf dem Land stand an. Der Vater schrieb ein paar Briefe und fand für die junge Tochter eine Anstellung bei einem Bauern nahe der niedersächsischen Stadt Oldenburg. Kost, Logis und 25 Mark im Monat, so wurde es vereinbart und vom Vater für ein Jahr fest unterschrieben. Mit einem kleinen Koffer in der Hand wurde Erna, das Kind aus Duisburg, allein auf den Weg geschickt. Wo sie genau arbeiten, in welchen Verhältnissen sie landen würde, wusste zuhause niemand. Denn wie hätte man das auch herausfinden sollen? Wovon hätte man eine zusätzliche Fahrkarte bezahlen sollen, damit Vater oder Mutter das Mädchen hätten begleiten können? Nein, so lief das damals nicht. Man verließ sich auf das Glück und hoffte das Beste. So wie Erna wurden in jenem Jahr Tausende von Mädchen zur Arbeit aufs Land geschickt.

Erna kam auf einen Hof, der auch für damalige Verhältnisse eher schlicht und heruntergekommen war. Sie fand einen Bauern vor, der keinerlei Hemmungen hatte, die allerschwerste Arbeit von einem Kind verrichten zu lassen.. Er ließ auch keinen Zweifel daran, dass ihn an dem jungen Mädchen weit mehr interessierte als nur die bloße Arbeitskraft. Zum Glück gab es noch die Bäuerin, die eine gewisse Mütterlichkeit für Erna entwickelte und ihr gleich am ersten Tag einen Schlüssel in die Hand drückte. Darauf aufpassen sollte sie, und abends bloß nicht vergessen, die Tür der winzigen Schlafkammer abzuschließen. Und so sperrte Erna jede Nacht sorgfältig ab. Immer wieder hörte sie Schritte vor der Tür, sah, wie die Klinke sich bewegte, hörte drängende Rufe. Sie solle doch aufmachen, es sollte ihr Schaden nicht sein, lockte die Stimme von draußen, bevor sie drohender wurde. Erna hielt sich die Ohren zu, bis die Stimme verschwand. Und wenn sie nachts mal musste, benutzte sie lieber den Nachttopf, anstatt die Tür zu öffnen und sich ins Dunkle zu wagen. Den Schlüssel hütete sie wie ihren Augapfel.

Erna erfüllte den vom Vater unterschriebenen Vertrag. Das volle Jahr hielt sie durch, mistete, molk, schleppte die schweren Kannen, schuftete wie ein Mann. Sie ertrug die anzüglichen Gesten und Blicke, suchte so oft wie möglich den Schutz der Frau, die um die Perversion des Mannes wusste und versuchte, das Schlimmste zu verhindern. Bei Erna ist es ihr gelungen, aber wie es den nachfolgenden Mädchen ergangen sein mag, kann man nur ahnen. Denn Erna ging nach einem Jahr, gab den Schlüssel zurück an die Bäuerin, die das Ihrige getan hatte, um ihr das erste Jahr auf dem Land zumindest etwas erträglich zu machen.

Erna ging jedoch nicht zurück nach Duisburg. Dort hätte sie keine Arbeit gehabt und wäre zuhause ein Esser mehr gewesen. Sie suchte sich eine neue Stelle, ganz allein, und handelte volle 40 Mark im Monat für sich heraus. Sogar in die Versicherung wollte man dort für sie einzahlen, damit die jetzt vierzehnjährige Erna einmal eine Rente bekäme. Davon hatte sie noch nie gehört, und ein Versicherungsheft „zum Kleben“ hatte sie auch nicht. So kam es, dass ihr neuer Arbeitgeber ihr nicht nur so ein Heft besorgte, sondern ihren alten Bauern auch noch dazu nötigte, die unterschlagenen Beiträge für das letzte Jahr nachzuzahlen. Erna hatte Glück gehabt mit ihrer neuen Arbeitsstelle. Sie blieb dort mehrere Jahre und brachte irgendwann auch ihre jüngere Schwester Martha dort unter.

Erna wurde erwachsen und entwickelte sich zu einer hübschen, beliebten jungen Frau. Wegen ihrer kessen, durchsetzungsfähigen Art nannte man sie „die freche Rheinländerin“. So eine bleibt natürlich nicht lange sitzen, und so kam es, dass ein junger Bauernsohn sie ins Heu lockte. Sie war inzwischen aufgeklärt und wusste um die Gefahr, aber sie mochte Johann und ließ es zu. Mit nicht mal 20 Jahren wurde sie schwanger.

Natürlich war eine zugereiste Magd keine adäquate Braut für einen Hoferben. Johanns Familie war keineswegs begeistert von der Idee, die freche Rheinländerin in die Familie aufzunehmen. Johann aber bewies Rückgrat und heiratete seine Erna gegen den Willen der Familie im Jahr 1939. Erna zog bei ihm ein, sie war glücklich. Mit seiner Familie würde sie schon zurechtkommen, schließlich war sie fleißig, tüchtig und freundlich. Wenn das Kind erst da wäre, würde gewiss alles gut werden.

Noch bevor das Kind geboren wurde, ging Johann in den Krieg. Er fiel in Frankreich, als Erna im achten Monat schwanger war. Wenige Tage später brachte sie das Kind tot zur Welt. Und kaum hatte sie aufgehört zu bluten, warfen die Schwiegereltern sie aus dem Haus. Wieder einmal hatte sie einen Koffer in der Hand und stand vor dem Nichts. Sie fand Arbeit und eine Kammer und fing von vorne an. Wieder blieb sie auf dem Land. Warum nur fuhr sie selbst in dieser Situation nicht nach Hause nach Duisburg? Hätte ich eine Tochter, der so etwas widerfahren wäre, würde ich sie doch nach Hause holen wollen. Aber die Zeiten waren wohl andere.

Erna war meine Großmutter. Sie heiratete meinen Großvater im Jahr 1941, da war sie schwanger mit meiner Mutter. Friedrich war 15 Jahre älter als sie und wirkte, klein, haarlos und untersetzt, ein bisschen „übriggeblieben“. So recht wollen die beiden auf dem Hochzeitsfoto nicht zueinanderpassen. Als ich in etwas in dem Alter war, in dem Erna ganz allein in die Welt geschickt wurde, fragte ich sie, wie sie mit Opa zusammengekommen sei. Ihre Antwort war so schlicht wie einleuchtend: „Er war anständig, hatte Arbeit, eine Wohnung und wollte mich haben.“ Sicherlich gibt es schlechtere Grundlagen für eine Ehe.

Hochzzeit 1941

Das Hochzeitsbild meiner Großeltern.

Erna und Friedrich blieben bis zu seinem Tod 1989 zusammen. Es war eine manchmal stürmische Ehe, in der sich beide nichts geschenkt haben. Noch im Alter drohte sie immer mal wieder: „Ich fahre zurück nach Duisburg!“ Doch immer blieb sie auf dem Land.

Wenige Jahre nach meinem Opa starb auch Oma Erna. Als wir ihren Nachlass sortierten, fiel uns auch das Bild von Opa Fidi in die Hände, das immer auf Omas Nachtschrank gestanden hatte. Wir nahmen es aus dem Rahmen und fanden, auf der Rückseite aufgeklebt, eine Aufnahme von Johann. Ein Bild von einem jungen Mann in Uniform, der ernst in die Kamera sieht. Es war zerknittert und abgegriffen.

3 Kommentare zu “Ein Mädchen aus Duisburg

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