Rollentausch

Wer kennt das nicht: Man sitzt irgendwo, im Café, der Straßenbahn oder einem anderen belebten Ort, hört unabsichtlich die Gespräche fremder Leute mit und plötzlich, durch eine aufgeschnappte Bemerkung irgendeiner wildfremden Person, beginnt das eigene Kopfkino. Mal ist es die Fantasie, die wahre Dramen vor dem inneren Auge entstehen lässt, dann wieder kommen Erinnerungen hoch und lassen einen Schwarzweißfilm ablaufen. Und manchmal sind es einfach kleine Einsichten, die einen erkennen lassen, dass menschliche Leben ähnlich ablaufen und man mit seinen Lebensdramen nicht allein dasteht. Ich dachte kürzlich in einer Borkumer Milchbude nach über den …

Rollentausch

 „Nenene, lass das mal da stehen.“ Die Männerstimme klang leicht ungeduldig und sehr energisch. „Nicht, dass das runterfällt. Ich räume das gleich weg, warte eben!“ Ich kenne diese Sätze, natürlich. So etwas sagte meine Mutter zu mir, wenn ich als kleines Kind im Restaurant bei Horten in Oldenburg (heute Kaufhof) das übervolle Tablett zum Abräumband tragen wollte. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Hälfte des schmutzigen Geschirrs auf dem Kaufhausteppich zu liegen gekommen wäre, war damals recht hoch. Genau so hoch wahrscheinlich wie bei der uralten Dame, die an diesem Tag stur mit ihrem Tablett in der Hand an mir vorbei zitterte, ängstlich gefolgt von ihrem sicher fünfzigjährigen Sohn, der argwöhnisch das Geschirr im Auge behielt. Die Mutter hatte sich durchgesetzt, oder sie hatte einfach das Tablett nicht losgelassen. Einer Fünfjährigen nimmt man sowas einfach weg, bei einer Achtzigjährigen ist das irgendwie schwieriger, schließlich ist sie nur alt, nicht unmündig. Und eine Mutter behandelt man instinktiv etwas anders als ein Kind – zumindest meistens.

Ich denke an meine Mutter, die in Norddeutschland bei meiner Schwester wohnt. Irgendwann in unserem gemeinsamen Leben fand auch bei uns ein Rollentausch statt. Nicht komplett, aber irgendetwas ist anders als früher. Man merkt, dass es sich schleichend vollzieht: Dass das Kind erwachsen und an einem Punkt im Leben von den Eltern als zumindest einigermaßen „gleichwertig“ angesehen wird, was Erfahrung und Lebenstüchtigkeit angeht. Und dass dann irgendwann die Eltern hilfebedürftig werden und die Kinder sich dann um sie kümmern. Das erscheint mir normal.

Ich stelle allerdings oft fest, dass meine Mutter in mir immer noch ihr Kind sieht: Wenn ich bei ihr bin, ermahnt sie mich ständig. Ich solle mal auf die Uhr sehen, sagt sie dann, ich wolle doch um 12 Uhr meine Schwester abholen, das könne ich doch im Leben nicht mehr schaffen. Meine Bemerkung, dass ich mit dem Auto fahren und die zehn Kilometer nicht laufen wolle, wird beiseite gewischt – „Sieh zu, es wird Zeit“. Auch vor Zugabfahrten werde ich über die Maßen früh losgescheucht, gerade noch ein kurzer Toilettengang wird mir gestattet. Wie ich es schaffe, all meine geschäftlichen und privaten Termine im täglichen Leben überaus pünktlich einzuhalten, und das ohne Muttis Hilfe, ist mir ein Rätsel. Sie zuppelt auch immer noch gerne an meiner Kleidung herum: „Zieh‘ das mal ordentlich hoch!“ und findet, dass die meisten meiner Hosen unmöglich aussehen. Die machen nämlich einen dicken Hintern, findet sie. In diesem Falle lasse ich sie einfach in dem Glauben, dass es an den Hosen liegt. Und kürzlich zweifelte Frau Mutter sogar an, dass ich so etwas Kompliziertes wie Pellkartoffeln kochen könne. Aber ich glaube, da wollte sie nur schon mal ein frisch gepelltes Kartöffelchen schnorren.

Trotz ihrer Mutterallüren spüre ich bei uns den Rollentausch jedoch sehr deutlich. Es begann schon vor vielen Jahren. Das erste Mal bemerkte ich es vor über 13 Jahren. Mein Vater lebte noch, das große Haus war verkauft und eine schöne, seniorengerechte Wohnung bezogen worden. Die beiden wollten einen Teppich kaufen, konnten sich nicht einigen und zogen mich zu Rate – ich sollte mitfahren und entscheiden. Natürlich musste der Teppich bei Glatteis gekauft werden, weil Muttern mit ihrem Rollator dann besonders gut laufen konnte, und der Teppich sollte auch nicht geliefert werden, weil das ja etwas hätte kosten können und mein betagter Vater das mit dem Transport und dem Verlegen unbedingt selber machen wollte. Im Laden wurde gezankt, das kannte ich von meinen Eltern gar nicht. Und ich konnte es nicht fassen: Für den Verkauf des Hauses und den Kauf der Wohnung brauchten die beiden von Freitag bis Dienstag, also fünf Tage. Und der Kauf eines gewöhnlichen Teppichs wuchs sich zu einem riesigen Projekt aus. An diesem Tag sprach ich zum ersten Mal ein Machtwort. Das heißt, ich versuchte es. Es half sogar: Meine Eltern verbündeten sich gegen mich, schimpften mit mir, wurden sich auf wundersame Weise einig und kauften einen schönen Teppich, der am nächsten Tag geliefert und gleich an die richtige Stelle gelegt wurde.

Meine Mutter ist chronisch krank, das hat sie früh altern und unbeweglich werden lassen. Wenn ich bei ihr bin, hüpfe ich um sie herum und erledige dies und das: Schrank aufräumen, Rechnungen angucken, Schreibkram. Manchmal werde ich energisch, etwa wenn sie sich am Telefon etwas hat aufschwatzen lassen, das Kosten ohne Gegenleistung verursacht – die typischen Betrügermaschen, mit denen alte Leute über den Tisch gezogen werden. Früher dachte ich immer, die Leute, die sich so etwas andrehen lassen, wären alle senil – aber nein, meine Mutter ist nicht senil. Sie ist nur gutgläubig und legt aus reiner Höflichkeit nicht den Hörer auf. Und sie scheut sich, diesen Mist dann wieder zu kündigen, oder den schlimmen Fingern gleich eine Klage anzudrohen. Da werde ich dann autoritär, packe die Unterlagen ein und erledige das ganz undemokratisch von zuhause aus.

Ich schimpfe auch, wenn meine Mutter meint, dass sie aus Asbest sei und ohne Creme in der Sonne sitzen möchte – weil sie keine Lust hat, sich eincremen zu lassen. Da werde ich ihr mit meiner Cremeflasche dann genau so lästig wie sie mir früher wurde, oder ich hänge ihr einen Schal über den geröteten Nacken. Himmel nochmal, dabei war sie früher so vernünftig!

Nach wie vor denke ich, dass der allmähliche Rollentausch zwischen Eltern und Kindern in vielen Familien ganz normal ist. Das Verhältnis ändert sich mit den sich verändernden Fähigkeiten. Bei mir hat diese Entwicklung jedoch bewirkt, dass es mir schwer fällt, meine Mutter wie früher mit „Mama“ anzusprechen. „Mama“, das sagt ein kleines Kind, und das bin ich nicht mehr. Immer öfter weiche ich auf ihren Vornamen aus, in der Koseform „Uschi“, mit dem mein Vater sie angesprochen hat. Und ich erinnere mich daran, dass auch meine Mutter meine Oma nie mit Mama oder Mutter angesprochen hat. Sie sagte Oma, wie wir Kinder auch. Vielleicht hatte sie das gleiche Problem?

Natürlich bleibt meine Uschi trotz der veränderten Rollen immer meine gute Mutter. Noch immer komme ich mir komisch vor, wenn sie mich wegen irgendeiner Sache um Rat fragt. Um manches möchte ich mich auch nicht kümmern: Vorsorgevollacht, Patientenverfügung – solche Dinge stehen derzeit bei uns auf der Agenda. Eigentlich will ich mich damit gar nicht beschäftigen. Und doch habe ich die Patientenverfügung dieses Mal im Gepäck. Denn diese Dinge gehören wohl zum Leben dazu, auch wenn das Kind in mir das immer noch nicht wahr haben möchte.

3 Kommentare zu “Rollentausch

  1. Egal wie die Rollenverteilung heute ist, wie sie sich im Laufe der Zeit verändert hat, es ist ein schönes „Rollenspiel“. Genieße es, solange du kannst. Uschi wird es auch genießen!

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  2. Dieses Thema hatten wir neulich bei unserer wöchentlichen Plauderrunde im Verein.

    Einer, der etwa so alt ist wie wir, klagte darüber, dass seine Eltern plötzlich Payback-Punkte sammeln – früher hätten sie darüber gelacht. Mein Vater kauft überteuerte Nahrungsergänzungsmittel aus irgendwelchen Katalogen, die quasi das ewige Leben versprechen, und die von mit mitgebrachten Vitamine (z. B. ein sinnvoll dosierter B-Komplex aus dem Drogeriemarkt) vergammeln unbeachtet im Schrank. Mein Vater ist auch nicht senil, er arbeitet sogar noch als Selbständiger, und meine Mutter organisiert ihm die Termine.

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