Der Hocker

Manche Dinge sind unerwartet kompliziert. Dies mussten meine liebe Freundin Antje und ich am letzten Samstag wieder einmal feststellen. Und dabei brauchte Antje doch nur ein paar Utensilien für ihre kleine Zweitwohnung.

Sie wollte doch nur diesen Hocker kaufen!

Hocker gelb grün türkis

Hocker – Bild von Antje Witgen

Der letzte Samstag war zum Einkaufen wie gemacht: Nicht zu kalt und nicht zu warm, kein Weihnachten in Sicht und auch keine komischen Segmüller-Sonderaktionen, die hätten bewirken können, dass massenweise Schnäppchenjäger unterwegs gewesen wären. Aber schon Schlussverkauf bei den Gartenmöbeln, oder vielmehr „Sale“, wie man das inzwischen nennt.

Wir brausten also frohen Mutes los, enterten das Möbelhaus und wurden schnell fündig: Ein wenig Kleinkram landete in unserem roten Einkaufstrolley. Weiter ging‘s – eine Wäschetonne und irgendetwas, wo man abends mal eben ein paar Kleider drauflegen kann, wurden noch gesucht. Wir schlenderten herum, es eilte uns nicht, guckten hier, guckten dort. Irgendwann schielte ich zwischen den Möbeln hindurch und sah Antje, die einen verzückten Gesichtsausdruck sehen ließ und eifrig einen bunten, würfelförmigen Hocker herumdrehte und betrachtete. Diesen Ausdruck kannte ich: „Will haben!“, sagte der – der Hocker sollte mit. Ich trat dazu, gab mein Urteil ab: „Geiles Teil!“, und checkte den Preis. Reduziertes Ausstellungsstück, auch das noch! Nur noch zwei davon da! Also schnell einen schnappen und los. Doch wir wurden ausgebremst: zuerst von der Tatsache, dass der Hocker, wenngleich auch nur ein Höckerchen, nicht in unseren roten Plastiktrolley passte. Und dann von der Verkäuferin, die nicht wollte, dass wir diesen entzückenden kleinen Poschmeichler gleich mitnehmen. Denn ein Hocker, ja, auch ein Höckerchen, ist ein Möbelstück, für den braucht es einen ordentlichen Kaufvertrag. Aha!

Antje ließ sich einen Kaufvertrag ausstellen – richtig schick, mit Lieferadresse und allem Drum und Dran. Der kleine Hocker bekam einen orangenen Aufkleber: „Verkauft“ stand da drauf. Ja, verkauft – an Antje! Aber mitnehmen sollte sie ihn nicht. Möbel holt man an der Warenausgabe ab.

Wir machten lange Gesichter. Was für ein Gedöns – da sollte jemand den Hocker durch den Laden ins Lager schleppen und wir sollten um den Laden rumfahren, einen Zettel abgeben, auf Aufruf warten und ihn da abholen. Die Verkäuferin zeigte sich einsichtig – wahrscheinlich hatte sie dazu auch keine Lust. Wir sollten doch einfach durch den Laden laufen, uns an der Kasse anstellen, bezahlen, zurücklaufen, das Sitzmöbel holen, fertig einkaufen, uns noch mal anstellen und den Rest bezahlen. Hmmm … ja, für die Verkäuferin war diese Variante besser. Wir blieben skeptisch und gaben uns stur.

Irgendwann willigte die arme Verkäuferin ein, uns das Objekt der Begierde sofort mitzugeben – wahrscheinlich wollte sie uns los werden. Also besorgte Antje einen Wagen, während ich das edle Stück bewachte. Aufladen, weitershoppen, irgendwann zur Kasse, anstellen … waaaarten. Irgendwann waren wir dran. Ich zahlte meine paar Teile, problemlos, wohlgemerkt. Antje hatte da mehr auszustehen: „Der Hocker ist ein Möbelstück, den können Sie so nicht mitnehmen. Für den brauchen Sie einen Kaufvertrag!“ Tadaa – der Vertrag wurde präsentiert. „Eigentlich müssen Sie so etwas erst bezahlen, dann abholen.“ Ja, eigentlich. Es gibt immer Leute, die unpraktisch veranlagt sind, das muss uns ja nicht kümmern. Mit sichtlichen Zweifeln an unserer Rechtschaffenheit ließ sich die Kassiererin auf die Sache ein und Antje durfte den Hocker bezahlen. Man klebte noch einen Aufkleber drauf, einen gelben dieses Mal. „Verkauft!“ stand da drauf – schon wieder.

Wir zogen heiter weiter – Sachen einladen und was trinken stand auf dem Programm. So ein Einkaufstrip macht schließlich durstig! Wir kamen leider nur bis zur Tür. Dort wurden wir von einem hoch motivierten Menschen von der Security – das sind die, die sich um die Unruhestifter kümmern – aufgehalten. Natürlich wegen des Hockers, was sonst. „Sie haben da diesen Hocker …!“ „Jaaaa, den habe ich gerade bezahlt!“ Wer Antje kennt, weiß, wie sie bei diesen Worten geguckt hat. Wir wiesen emsig auf die Aufkleber, den orangen und den gelben: „Verkauft!“ Der junge Mann schüttelte den Kopf. „Ich brauche den Kaufvertrag!“, sagte der, der die Ladendiebe fängt. Der Vertrag war inzwischen schon ganz abgegriffen, erfüllte aber seinen Zweck. Wir durften passieren.

Im Nachhinein wunderte ich mich darüber, dass der, der die Unholde bekämpft, sich so zielstrebig auf uns gestürzt hat. Ohne Zweifel, der hat auf uns gewartet. Irgendjemand, wahrscheinlich die geplagte Verkäuferin, hat den vor uns gewarnt: „Kollege, da kommen gleich zwei ganz zweifelhafte Subjekte raus, die wollen einen Hocker klauen! Verhafte die!“ Nur so und nicht anders wird das gewesen sein.

2 Kommentare zu “Der Hocker

    • Jaja, mach dich nur lustig! Wir waren froh, das uns kein SEK erwartet hat, das uns mit Waffen bedroht und zu Boden geworfen hat!

      Und, ganz im Ernst: Die haben da ganz eigenartige Prozesse. Es musste auch auf alles dieser komische Aufkleber drauw, was man nicht in eine Tüte stecken konnte/wollte. Auch, wenn es in Segmüller-Packpapier gewickelt war, so wie mein Kaffeebecher, den ich einfach unbetütet in die Handtasche stecken wollte. Papier und Kassenbon reichte nicht, da musste noch ein Aufkleber drauf. Das dauert vielleicht!

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