When animals dream – vom Charme des schlechten Films

Heute habe ich lange überlegt, ob ich diese Rezension schreiben sollte oder nicht: Denn eigentlich wollte ich in meine bunten Empfehlungen nur solche Dinge aufnehmen, die ich ohne Wenn und Aber weiterempfehlen kann. Das ist bei diesem Film nicht der Fall. Ich würde allerdings auch niemandem davon abraten, ihn sich anzugucken. Und ich habe furchtbar viel Lust diese Rezension zu schreiben. Also, auf geht’s.

Zunächst einmal möchte ich erwähnen, wie ich überhaupt in diesen Film hineingeraten bin: Das war nämlich keine bewusste Entscheidung. Ich habe kürzlich die Sneakpreviews wieder entdeckt, also die Wundertüte der Kinovorstellungen. Man geht dabei für kleines Geld – bei den Frankfurter E-Kinos sind das vier Euro pro Vorstellung – ins Kino und bekommt einen Film zu sehen, der noch nicht offiziell angelaufen ist. Danach darf man seinen Kartenabschnitt in eine von drei Bewertungsboxen einwerfen: Daumen hoch, Daumen gerade oder Daumen runter. Das macht Spaß und bringt einen dazu, auch einmal etwas zu gucken, das einem ansonsten im Kinoprogramm vielleicht gar nicht aufgefallen wäre. Folglich erweitert es den Horizont, und das ist gut.

Die „Perle“, die man uns gestern präsentierte, war der dänische Film

When animals dream                                           

Achtung Spoilerwarnung: Ich habe vor, hier hemmungslos den Inhalt des Films auszuplaudern. Wer also noch gucken und dabei überrascht werden möchte, der lese hier besser nicht weiter.

Darum geht es: In einem Fischerdorf lebt die junge Marie gemeinsam mit ihrem fürsorglichen Vater und der Mutter, die an einer zunächst unbekannten Krankheit leidet und ihre Tage regungslos im Rollstuhl verbringt. Marie geht liebevoll mit der Mutter um, scheint aber nicht so recht zu wissen, was ihr eigentlich fehlt. Sie selber hat zu Beginn des Films ihren ersten Arbeitstag in einer Fischfabrik, in der fast alle Menschen im Dorf zu arbeiten scheinen. Dort herrschen raue Sitten, die Marie jedoch einigermaßen stoisch akzeptiert.

Der Dorfarzt vermutet, dass Marie an der gleichen Krankheit wie die Mutter leidet und versucht gemeinsam mit dem Vater, das Mädchen von der Einnahme von Medikamenten zu überzeugen. Nach und nach erschließt sich dem aufmerksamen Zuschauer, dass die Mutter eine Art Werwolf ist und durch Medikamente ruhiggestellt wurde. Auch bei Marie setzt an einigen Körperstellen verstärkter Haarwuchs ein, sie wird aggressiver. Ihr gerät die Krankenakte ihrer Mutter in die Hände, sie stellt Nachforschungen an und akzeptiert erstaunlich bereitwillig die Tatsache, dass sie sich „in ein Monster verwandeln“ wird. Anscheinend wissen auch alle Leute im Dorf von der merkwürdigen „Krankheit“, beobachten das Mädchen und mobben sie. Lediglich zum freundlichen und angenehmerweise auch noch attraktiven Daniel baut sie ein gutes Verhältnis auf, die beiden werden ein Paar.

Soweit lässt sich der Film einigermaßen nachvollziehen, auch wenn es schon früh erste skurrile Szenen gibt. Über Logik sollte man besser nicht nachdenken. Denn es ist für den Zuschauer nicht wirklich nachvollziehbar, warum sich die gelähmte Mutter plötzlich wie der Blitz aus dem Rollstuhl bewegt und den braven Dorfarzt niedermetzelt, nur weil der dem Mädchen mit einer Spritze an den Leib rückt, um Todesfälle unter den Dorfbewohnern zu verhindern. Der arme Mann wird von Vater und Tochter unter lautem Gestöhne in einer sehr flachen Grube im Garten beigesetzt, was im Kino zu wahren Lachsalven führte – besonders, als das kühle Grab auch noch mit einer hölzernen Windmühle dekoriert wurde.

Das Verschwinden des Landarztes schreiben die Dorfbewohner der reglos im Stuhl sitzenden Werwölfinnenmutter zu und ersäufen das Biest daraufhin in der heimischen Badewanne. Diese Szenen bleiben uns erspart, nicht jedoch Marie, die die tote Mutter findet. Daraufhin verschlechtert sich ihr eigener Zustand, sie verändert sich körperlich, wird aggressiver und will doch selbstbewusst zu dem stehen, was sie nun einmal ist. Das Verhältnis zu ihren Kollegen wird immer angespannter, aus Mobbing wird eine offene Jagd, ein Fabrikarbeiter wird von Marie getötet. Nur Daniel hält weiterhin zu ihr, die beiden wollen zusammen fliehen. Dies misslingt, Marie wird von einigen Dorfbewohnern niedergeschlagen, auf einen Kutter verschleppt und dort eingesperrt. Daniel kann sie befreien, sie richtet ein Blutbad an, alles wird gut.

Was ist das Besondere: Obwohl dieser Film für mich einer der schlechtesten ist, die ich je im Kino gesehen habe, hat er doch das Potenzial zu einem Kultfilm. Mit diesem Eindruck stand ich nach der Vorstellung übrigens nicht alleine da: Obwohl der überwiegende Teil der Preview-Gucker den Kartenabschnitt in die Voting-Box für „Das war nix“ einwarf, wirkten die meisten doch so, als hätten sie sich glänzend unterhalten. Es wurde gelacht und geplappert, die besten der schlechten Szenen wurden fröhlich gleich noch mal nachgespielt. Also kann es so grausig nicht gewesen sein.

Und so schlimm war es auch für mich nicht: Denn die unfreiwillige Komik, die uns im Kino immer wieder verblüfft herauslachen ließ, macht wirklich Spaß. Dabei ist dieser Film ganz gewiss nicht als Komödie gedacht, sondern soll wohl eher das Genre des „kunstvollen Horrors“ bedienen. Wenn aber die hübsche Marie plötzlich in ihr Wasserglas beißt und mit blutenden Lippen die Splitter zermalmt, dann ist das einfach absurd komisch. Ebenso der sonderbare Wandteppich mit dem Hasen drauf, der über Maries Bett hängt: Er soll wohl in aller Unschuld einen Kontrast zum blutverschmierten Grauen in Maries Gesicht darstellen – ist aber einfach nur mitleiderregend hässlich.

Auch die sonderbaren logischen Lücken lassen den Zuschauer ratlos aus der Wäsche gucken: Denn die Dorfbewohner, allesamt grob, langsam im Denken und leicht boshaft, wissen genau, dass im Haus von Maries Familie das Verderben lauert. Trotzdem sehen sie sich das recht lange an. Dass sie irgendwann zur Lynchjustiz greifen, ist einerseits zwar nicht die feine Art, andererseits aber auch nicht erstaunlich: Denn gerade in einem so kleinen Dorf ist es doch nicht schön, wenn immer mal wieder einer fehlt.

Warum der Lynchmob Marie nicht wie ihre Mutter gleich tötet, sondern mit ihr auf einem Fischkutter auf die offene See hinausfährt, erschließt sich ebenfalls nicht. Es ergibt sich daraus jedoch die Möglichkeit eines Happy Ends: Nachdem Marie ihre Verfolger erfolgreich zerbissen hat, ergreift der gute Daniel zärtlich die Hand seiner knurrigen, haarigen Holden und flüstert: „Ich bin da!“ Gemeinsam schippern sie dem Sonnenaufgang entgegen, auf einem Schiff voller Leichen und Fischabfälle. Ach, ist das romantisch!

 

Nachbemerkung: Ich möchte nicht verschweigen, dass man den Film auch anders sehen kann. Schon jetzt gibt es im Netz einige Kritiken zu dem Film, die Meinung von Peter Osterried auf Kritiken.de weicht beispielsweise von meiner deutlich ab. Er findet den Film exzellent – so unterschiedlich sind halt die Leut‘. Zustimmen kann ich ihm nur in seiner Meinung über die junge Hauptdarstellerin Sonia Suhl – die fand auch ich wirklich gut.

 

Ostseeküste im Nebel

Ostseeküste im Nebel

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