Liedgut

Kürzlich unterhielt ich mich mit einigen Kolleginnen über die unsäglichen Lieder, die wir im Musikunterricht in der Schule singen mussten. Interessanterweise war es nicht nur bei mir so, dass die von den Musiklehrern ausgewählten Lieder oftmals sehr eigenartig waren. Auch deutlich jüngere Kolleginnen sangen noch dieses Zeug, das Kindern bestenfalls ein Rätsel ist.

Hafen Flensburg

Auf zur Kaperfahrt!

Von 1976 bis 1980 ging ich in die Grundschule. Dort entrang man unseren zarten Kehlen unendlich viele Lieder, die sich um so zeitgemäße Dinge wie das Jagen bei Tagesanbruch sowie die klappernden Mühlen am rauschenden Bach drehten. Auch waren wir musikalisch viel auf Schiffen unterwegs – bevorzugt mit der Pest an Bord. Mein Lieblingslied war jedoch der Kanon „Kaperfahrt“. Den Text habe ich während der Grundschulzeit überhaupt nicht begriffen, und darüber gesprochen wurde auch nicht: „Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren, müssen Männer mit Bärten sein …“ Ich verstand das als Kind so, dass mein glatt rasierter Vater trotz seiner fast 50 Lenze auf einer Kaperfahrt nicht gern gesehen wäre. Das machte mir jedoch nicht viel aus, kannte ich Kapern doch nur aus der Soße zu Königsberger Klopsen, und die sortierte ich immer aus. Sollte also jemand anderes sich um die Beschaffung dieser nutzlosen Dinger kümmern, was ging mich das an? Ich mochte das Lied jedoch wegen des herrlichen Geleiers: „Jaaaan und Heiiin und Klaaaas und Pitt, die haben Bärte, die haben Bärte, Jaaaan und Heiiin und Klaaaas und Pitt, die haben Bärte, die fahren mit.“ Im Kanon gesungen, hörte man bald nur noch „Jaaaan und Heiiin und Klaaaas und Pitt“, und wenn man den Text vergessen hatte, lag man damit immer richtig.

Etwa in der fünften oder sechsten Klasse sangen wir „Tomatensalat“. Das war einfach zu verstehen, wenngleich nicht näher darauf eingegangen wurde, ob es sich um Salat mit oder ohne Zwiebeln handelte: Der Text dieses Liedes lautet einfach „Tomatensalat“, dieses schöne Wort wird immer wiederholt und in eine Melodie eingefügt. Ziel des Spiels ist es anscheinend, die Silben des Tomatensalats immer weiter zu verschieben und irgendwann mit einem vollständigen Tomatensalat abzuschließen. Die Begeisterung dafür hielt sich bei mir damals schon in recht engen Grenzen, aber wahrscheinlich entging mir der pädagogische Nutzen dieses Gesangssalates. Auf Wikipedia las ich soeben, dass das Ganze auch mit Kartoffelpüree funktionieren würde – das wäre doch vielleicht mal eine Idee für einen mehrstimmigen Chor.

In der siebten Klasse sangen wir das Lied vom C-A-F-F-E-E. Beim darüber Nachdenken wurde mir so richtig bewusst, wie herrlich politisch unkorrekt man in den 80er Jahren noch sein konnte. Für die Aufforderung „Sei doch kein Muselmann …“ würde so ein armer Lehrer heutzutage wahrscheinlich öffentlich an den Pranger der elterlichen Empörung gestellt – meiner Meinung nach in diesem Fall übrigens zurecht. Dieses Lied, geschrieben vom bereits 1853 verstorbenen und durchaus verdienten Carl Gottlieb Hering, ist vom Text her heutzutage völlig daneben, und das schreibe ich nicht nur als leidenschaftliche Kaffeetrinkerin:

C-a-f-f-e-e, trink nicht so viel Caffee! Nicht für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht dich blass und krank. Sei doch kein Muselmann, der ihn nicht lassen kann!

Dieses Stück sang auch noch meine Kollegin Anja in der Schule. Sie ist viel jünger als ich: Anscheinend hat sich das grausliche Lied über Jahrzehnte im Schulrepertoire gehalten. Nach diesem musikalischen Meisterwerk hatte ich die Nase voll und wählte Musik als Unterrichtsfach ab. Über meine Erlebnisse im Fach Kunst werde ich an anderer Stelle berichten.

Zum Abschluss bleibt mir nur noch zu berichten, dass auch heutzutage noch seltsame Lieder im Unterricht behandelt werden: Mein inzwischen vierzehnjähriger Neffe sang vor einigen Jahren das Lied vom Klopapier: „Auf dem Donnerbalken saßen zwei Gestalten …“ Unabhängig davon, ob einem das Lied gefällt oder nicht, ist es zumindest zeitgemäß: Denn wenn es auch kaum noch Donnerbalken gibt, so ist ein Mangel an Klopapier auch heute noch äußerst unangenehm. Also singe, wem Gesang gegeben – ich bin aus der Nummer raus und mache mir nun noch einen Türkentrank!

9 Kommentare zu “Liedgut

    • Ja, so motiviert man die Kinder – bloß nichts hören lassen, das nicht völlig perfekt ist 😦

      Es waren übrigens nicht alle Musikstunden schlecht: Wir hatten auch manchmal Stunden, in denen wir mit Instrumenten experimentieren oder tannzen durften. Das war in der fünften Klasse. Dem Lehrer wurde allerdings nahe gelegt, etwas anderes als Lehrer sein zu wollen – das war wohl zu modern. Hat aber Spaß gemacht.

      Gefällt mir

  1. Das Lied vom Klopapier lernte ich (neben vielen anderen anstößigeren) von meinem großen Bruder, das Caffe-Lied von meiner Mutter.
    Auf die schnelle Erinnerung war das Gesinge in meiner Grundschulzeit 1987- 93recht seriös.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s