Hey, Wickie, hey – Besuch in Haithabu

Nach einem langen, sonnigen Ostseewochenende nutzten meine Freundin Kerstin und ich einen bewölkten Sonntag, um unseren Aufenthalt in Schleswig-Holstein mit ein wenig Bildung und Kultur abzurunden. Wir besuchten das Museum sowie die rekonstruierten Wikingerhäuser des einstigen Handelszentrums

Haithabu

Ganz in der Nähe von Schleswig liegt, direkt an der Schlei, das Museum, das sich schwerpunktmäßig mit der Stadt Haithabu sowie dem Leben der Wikinger in den drei Jahrhunderten der Blütezeit dieses Städtchens beschäftigt. Gegründet wurde Haithabu im 8. Jahrhundert, zerstört wurde es durch mehrere Angriffe im elften Jahrhundert.

Kanu Haithabu

Kanu im Hafen von Haithabu

Das gibt es dort: Mir als geschichtlich interessierter Kulturmathilde war die Geschichte Haithabus weitgehend bekannt. Trotzdem gefiel mir die Aufmachung sowohl des Museums als auch der rekonstruierten Häuser. Im Museum fanden sich neben den üblichen Schrifttafeln, Karten und Modellen auch jede Menge Ausgrabungsstücke, die Dinge des täglichen Lebens darstellten. Überraschend war für mich die Vielfalt und Feinheit des Handwerks – stellt man sich doch sonst die Wikinger eher als grobe Wilde mit Keulen vor, die laut johlend Verderben über die Küsten Europas brachten. Die bunten Glasperlen und feinen Schmuckstücke passen da erst mal weniger ins Bild. Und auch den weltweiten Handel hätte ich nicht gerade den Wikingern zugeordnet, wenngleich ich natürlich weiß, dass dieses Volk auf allen Weltmeeren unterwegs war und dort nicht nur geangelt haben wird.

Das tägliche Leben der Wikinger wurde im Museum so einfach wie anschaulich dargestellt: Auf zahlreichen Monitoren liefen so etwas wie Stummfilme. Sie zeigten alltägliche Szenen, zum Beispiel Personen, die in der Kleidung dieser Zeit einen See entlangliefen, Männer, Frauen und Kinder, alleine oder in Gruppen. An anderer Stelle sah man geschäftliche Verhandlungen – mal erfolgreich, mal nicht. Essen wurde zubereitet, Silber gewogen, ein mürrisch dreinblickender Sklave verkauft (diese Idee gefiel mir mal wieder, brauche ich doch dringend jemanden, der bei mir aufräumt und putzt – ob es das Modell auch in freundlich gibt? Und was mag so ein frühmittelalterlicher Sklave im Unterhalt kosten?). Alle Darstellungen waren simpel, ohne Text einfach verständlich.

Wikingerhäuser in Haithabu

rekonstruierte Wikingerhäuser

Neben der Ausstellung im Museum gibt es außerdem acht Häuser, die mit Hilfe örtlicher Handwerker rekonstruiert wurden. Sie zeigen beispielhaft die Bauweise der alten Stadt. Wobei mir immer wieder auffällt, dass das, was ich heute unter einer Stadt verstehe, erheblich von dem abweicht, was Haithabu damals war: Dieses bedeutende Handelszentrum hatte zwischen 1000 und 2000 Einwohner, war nach heutigem Verständnis also ein Kaff. Alles ist relativ – wer sagte das nochmal?

Um die reetgedeckten Häuschen der winzigen „Siedlung“ zu erreichen, sollte man einigermaßen gut zu Fuß sein: Man erreicht sie über einen rund anderthalb Kilometer langen Fußweg, der durch einen Wald und über ein paar Hügel führt. Unterwegs trifft man kleine Rinder und Schafe, die Rassen sind den damals üblichen Nutzviehsorten nachempfunden. Es ist angenehm, dort zu laufen, und zahlreiche Bänke laden zur Ruhepause mit Blick auf die Schlei ein.

Hahn

Hahn im Gemüsebeet

Was ist das Besondere: Mir hat das „Gesamtpaket“ unseres Haithabu-Ausflugs gefallen. Das Museum ist ansprechend, verständlich und interessant. Mir fiel auf, dass man nicht mit Fachchinesisch oder langweiligen Endlostexten gelangweilt wurde – obwohl ich für sowas durchaus eine kleine Schwäche habe. Für etwas ältere Kinder ist diese Ausstellung sicherlich geeignet.

Das Dorf ist an sich nichts Besonderes, wenn man schon einige Museumsdörfer besucht hat. Aber die dort „wohnenden“ Wikinger waren allesamt sehr nett und aufgeschlossen. Gerade Kinder fanden freundliche Ansprache und wurden auf kindgerechte Weise dazu animiert, Fragen zu stellen. Und auch für mich, die ich schon etliches über Haithabu wusste, gab es noch allerhand Neues und Interessantes zu sehen. Nicht zuletzt machte der Besuch in Haithabu mir klar, wie sehr ich inzwischen zum Stadtmenschen geworden bin: Ich fühlte mich nämlich bemüßigt, einen Hahn im Gemüsebeet zu knipsen. Früher war das für mich das Normalste der Welt und wäre niemals ein Foto wert gewesen – heute finde ich sowas „malerisch“.

Was gibt es noch: Lobend erwähnen möchte ich noch die weitgehende Barrierefreiheit des Museums, denn meine Freundin ist im Elektrorollstuhl unterwegs. Das Museum und das Café sind komplett zugänglich, im Dorf können einige Häuser befahren werden. Lediglich eine kleine Brücke ließ Kerstin zögernd fragen: „Ob die wohl hält?“ Meine Antwort: „Versuch’s einfach, so tief ist der Graben ja nicht!“, sorgte für Heiterkeit und dafür, dass zwei kräftige Wikinger bereitstanden, um Kerstins Untergang zu verhindern. Sie wagte es und die Brücke hielt – natürlich.

Es wäre uns übrigens sogar erlaubt gewesen, mit Kerstins Auto bis zum Dorf vorzufahren – mit Rollstuhlplakette ist das erlaubt. Wir verzichteten auf dieses Privileg. Den vergünstigten Eintritt hingegen nahmen wir gerne und sparten so neun Euro. Im Normalfall ist der Eintritt mit 7 Euro pro Erwachsenem zwar kein Schnäppchen, aber auch nicht zu teuer – meiner Ansicht nach.

11 Kommentare zu “Hey, Wickie, hey – Besuch in Haithabu

  1. Für die „Hey Wickie,hey-Generation“ ein Muss, aber auch für mich als einer, der die alten Wikinger noch persönlich kennt! Und alle, die altersmäßig dazwischen sind, sollten auch mal auf Haithabu fahren!

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      • Dann wünsche ich dir viel Spaß bei den Wikingern. In Schleswig-Holstein war ich jetzt eigentlich das erste Mal „so richtig“ unterwegs. Viel Gegend hier 🙂 Aber Flensburg hat mir sehr gefallen, da wohnst du schön!

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      • Ja, Schleswig-Holstein ist schon schick! Ich fahr besonders gern nach Amrum, da kann man sich wirklich nur erholen und ewig über den Strand laufen 🙂
        Und in Flensburg zu wohnen, zu Fuß ins Büro gehen zu können ist auch ein Stück Luxus.

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  2. Meine Antwort auf Meikes These „Unterschied“.
    Es kommt sicher auf das Museum an und was dort gezeigt wird. Weder mit meinen Kindern noch mit meiner Enkeltochter wäre ich in deren Vorschul-/Grundschulalter in eine Ausstellung von Gemälden Alter Meister gegangen. Es gibt aber Museen, die sehr kindgerechte Ausstellungen für diese Altersgruppe bieten:
    http://philipp1112.wordpress.com/2012/02/09/%E2%80%9Ewie-riecht-gelb-und-%E2%80%9E-blau-machen/
    Das Senckenberg-Museum in Frankfurt mit seinen Dinosaurien fasziniert die kleinen Dino-Fans und es gibt sicher mehr Beispiele, wo (kleine) begeisterte Museumsbesucher sind.

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    • So, nun bin ich aus dem Urlaub zurück und habe wieder einen vernünftigen Empfang 🙂

      Du hast recht, Philipp, es kommt immer auf die Ausgestaltung des Museums, die Kunstfertigkeit des Museumsführers und auch auf das Kind an. Ich war als Kind gerne im Oldenburger Landesmuseum – aber nur, um den ausgestopften Elch und die Moorleichen anzugucken. Alles andere war Beiwerk, das ich inzwischen vergessen habe. Mehr beeindruckt hat mich damals das Deutsche Museum mit seinen vielen Knöpfen und Kurbeln, an denen man rumspielen konnte. Und das Museumsdorf in Cloppenburg habe ich als Kind gemocht und als Erwachsene geliebt. Ich glaube, das muss ich auch mal mit einem Blogbeitrag bedenken 😉

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