Business as usual

Heute gibt es mal wieder eine kleine, unspektakuläre Alltagsbeobachtung. Ich glaube, es gibt Situationen, in denen kann man es nicht richtig machen.

Business as usual

Nach einem langen Arbeitstag bin ich oft etwas unleidlich und will nur noch nach Hause. So war es auch an diesem Mittwoch, einem Tag mit unangenehmem Schmuddelwetter. Ich saß abgeschlafft in der Straßenbahn, hörte Musik und sehnte mich nach meinem Sofa. Wie gewöhnlich war die Bahn voll, es wurde geschubst und gedrängelt. Am Uniklinikum stiegen eine ganze Menge Leute zu, einer schien sich besonders Zeit zu lassen. Ich hörte am Klappern der Tür, die hinter mir mehrmals auf- und zuschwang, dass jemand auf den Stufen herumstand. Das kommt immer mal wieder vor – mit dem Hintern noch draußen warten diese Mitreisenden gespannt auf die Abfahrt des Zuges und können sich zumeist gar nicht vorstellen, dass dieses Unterfangen an ihnen scheitern könnte.

‚Himmel‘, dachte ich genervt, ‚wie kann man so ungeschickt sein und den ganzen Laden aufhalten? So kommen wir nie an!‘ Unwillig drehte ich mich um, um den Türsteher vorwurfsvoll-tadelnd anzugucken. Ich sah, wie zwei Herren mit Migrationshintergrund sich bemühten, eine uralte, verhutzelte Frau in die Bahn zu hieven. Das Einsteigen war für sie schwierig und auch den Platz, den ich eilig für sie freigemacht hatte, hätte die gut gekleidete alte Dame beim Niedersetzen beinahe verpasst – fast wäre sie neben dem Sitz gelandet. ‚Die hätte sich besser ein Taxi gegönnt‘, dachte ich. Mit dem Sehfehler würde die Frau wohl kaum nach Hause finden.

Ich musterte die alte Frau. Und während ich den Blick über die Pelzjacke hinauf zum dazu passenden Topfhut gleiten ließ, wurde mir klar, warum sie so schlecht sah: Sie weinte hemmungslos. Den Ellenbogen auf den schmalen Fenstersims gestützt, die Augen blicklos aus dem Fenster gerichtet, saß sie da und schluchzte vor sich hin. Und ich stand da, mit einem Mal unangenehm berührt, und bemühte mich, sie nicht anzustarren. Meine Gedanken zogen im Kreis – warum weinte sie so? Hatte sie jemanden im Krankenhaus zurücklassen müssen? War sie am Ende gerade Witwe geworden? Hatte ein Mann sie jahrzehntelang begleitet und sie nun verlassen müssen? Ich fühlte mich hilflos und irgendwie schlecht, obwohl ich nichts für ihr Elend konnte. Denn wie tröstet man einen wildfremden Menschen, von dem man nicht mal weiß, was ihn bedrückt?

Krampfhaft starrte ich in eine andere Richtung. Ich wollte ihr ein bisschen Privatsphäre lassen und kam mir dabei doch ignorant vor. Ist es nicht genau dieses Wegsehen, dass in unserer Gesellschaft immer so beklagt wird? Wegsehen, nicht wahrnehmen – business as usual? Ich hatte das Gefühl, dass alles, was ich tat oder theoretisch hätte tun können, nur falsch sein konnte. Am liebsten hätte ich mich dazugehockt und mitgeheult.

Neben mir schien sich die Omi ein wenig zu beruhigen. Sie begann, mit ihren kleinen faltigen Händen in ihrer altmodischen Handtasche zu wühlen. Ohne Zweifel suchte sie nach einem Taschentuch. Das Papiertuch, das sie fand, war gebraucht und ging schon in Fetzen. Auch in den Manteltaschen wurde sie nicht fündig. Ich konnte es nicht mehr mit ansehen, holte die Packung Taschentücher heraus, die ich immer in der Jackentasche habe, und schob sie ihr in die Hand. Als sie mich ansah und sich leise bedankte, hielt ich es nicht mehr aus und verließ an der nächsten Haltestelle die Bahn. Lieber wollte ich die letzten beiden Haltestellen laufen, als noch länger diesen Jammer mitzuerleben.

Ich war nicht die Einzige, die an der Haltestelle stand und sich die Augen wischen musste: Die beiden Herren, die dem Mütterchen in die Bahn geholfen hatten, standen sichtlich mitgenommen neben mir. Schließlich straffte sich der ältere der beiden, klopfte dem anderen aufmunternd auf die Schulter und ging seiner Wege. Und auch ich lief los, geduckt im Regen und eiligen Schrittes. Ich wollte endlich heim und musste noch etwas einkaufen. Business as usual.

Wolken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s