Und irgendwo ist mein Zuhause

Kürzlich hatte ich mit einer Freundin ein ulkiges Missverständnis. Das brachte mich dazu, über den Begriff „zu Hause sein“ nachzudenken. Natürlich guckte ich wie immer auch in die Online-Version des Dudens. Da standen folgende Synonyme: „daheim; am häuslichen/heimischen Herd, im Kreis/Schoß der Familie, im trauten Heim, in den eigenen vier Wänden; (landschaftlich umgangssprachlich) bei Muttern“. Und das zeigt genau das Problem, das ich mit meiner Freundin hatte.

Und irgendwo ist mein Zuhause

Huntedeich

Bei meiner Schwester – Straße über den Huntedeich

Meine Freundin Petra ist im Grunde das letzte „Überbleibsel“ an guten Freunden, die noch in meinem alten Heimatdorf in Norddeutschland wohnt („auf der Hallig“, wie es ein geografisch unbedarfter Kollege gerne ausdrückt). Alle anderen Schul- und Studienfreunde sind umgezogen, die meisten der Arbeit, einige auch der Liebe hinterher. Sie haben sich quer durch Deutschland verteilt. Ich halte mit vielen Kontakt, sehe sie ein- oder zweimal im Jahr. Und wir schreiben uns über Facebook, teilen unsere aufregenden Erlebnisse (z. B. „Cocktails mit Antje in Sachsenhausen“ oder „Guckt mal, Tomte kann laufen!“ -> Daumen hoch!). Das macht Spaß und gibt einem das Gefühl, zumindest ein bisschen an den alten Freunden dranbleiben zu können. Allerdings führen diese kurzen Kommunikationen auch zu Missverständnissen, wie kürzlich mit Petra.

Es ging damit los, dass wir einen gemeinsamen Termin finden wollten: Ein Wochenende, an dem wir beide Zeit haben und ein schönes Wochenende in Frankfurt verbringen möchten. Wie immer war es schwierig. Wir verabredeten, beide mal gut in unsere Kalender zu gucken und das Resultat am Wochenende zu bereden. Die Kommunikation lief, stark verkürzt, in etwa so ab:

Petra: „Bist du am Wochenende zu Hause?“

Meike: „Ja, dieses Wochenende bin ich zu Hause, dann können wir mal ausgiebig quatschen.“

Petra: „Au ja, wann denn?“

Meike: „Sonntag?“

An dieser Stelle machten wir eine Pause, wie so oft kam irgendwas dazwischen. Ein bimmelndes Telefon, in Petras Fall ein Kind, das ein Anliegen hat – Ablenkungen gibt es ja reichlich. Aber das macht nichts, Facebook ist ja immer da und man kann weiterschreiben, wenn es wieder passt. Eine Stunde später:

Petra: „Uhrzeit wäre noch gut.“

Ich dachte, dass sie nun ein bisschen komisch wird, denn so genau müssen wir es doch eigentlich auch nicht nehmen mit unseren Telefonterminen. Mehr im Scherz schrieb ich:

Meike: „Bist du auch immer noch so eine Frühaufsteherin? Um neun?“

Petra: „Ja gerne. Ich mache Frühstück!“

Ich wunderte mich noch mehr. Warum wollte sie nun unbedingt auf ihrem Brötchen rumkauen, während wir telefonieren? Das erschien mir wenig praktisch. Erst langsam schwante mir, dass wir komplett aneinander vorbei geredet hatten. Petra wollte nicht mit mir telefonieren, sie dachte, ich käme zu ihr und wollte mich mit einem schönen Sonntagsfrühstück verwöhnen. Gut, das wir das noch rechtzeitig gemerkt haben!

Zuerst verstand ich nicht, warum meine Freundin eigentlich darauf gekommen war, dass ich in Norddeutschland sein könnte. Dann sah ich das Wort „zuhause“. Und ich dachte an ein Gespräch, dass ich vor einigen Jahren mit meiner Mutter geführt hatte, die ich gerade besuchte:

Meike: „Am Donnerstag fahre ich nach Hause.“

Mutter: „Aber dein Zuhause ist doch hier.“

Eschenheimer Turm

Mein Frankfurt der Kontraste – Eschenheimer Turm

Und genau das ist das Problem. Früher war alles ganz einfach, ich war da zu Hause, wo Mama war. Inzwischen aber hat sich vieles verändert: Mein Elternhaus gibt es so nicht mehr. Es steht noch, aber es wurde verkauft. Danach war ich noch ein paar Mal da, aber die früher vertrauten Räume sind mir fremd. Es stehen fremde Möbel darin und es riecht nicht, wie es riechen sollte. Alles wirkt viel kleiner, sogar der Garten, der jetzt ganz anders aussieht. Meine Mutter wohnt inzwischen bei meiner Schwester, wo sie es gut hat. Das ist ganz in der Nähe unseres Heimatdorfes, dort gibt es die üblichen Klinkerbauten und die gewohnte leere Landschaft. Und doch ist das nicht mein Zuhause, es ist das Zuhause meiner Schwester. Mein Zuhause ist inzwischen da, wo mein Leben ist: in Frankfurt. Hier habe ich nicht nur meine gemütliche Wohnung und meine Arbeit, sondern auch einen in über elf Jahren gewachsenen Freundeskreis. Und meine Augen habe sich daran gewöhnt, nur noch im Urlaub so weit zu gucken.

Selbst der Duden legt sich nicht genau fest, wo man zu Hause ist: In den eigenen vier Wänden oder bei Muttern. Wahrscheinlich entstand dieser Begriff in einer Zeit, als die Leute noch nicht so viel hin- und herzogen. Oder er ist so subjektiv, dass man ihn einfach nicht genauer fassen kann. Ich bin eigentlich froh, dass ich mich hier in Frankfurt so zu Hause fühlen kann. Denn wenn das nicht so wäre, müsste ich dann nicht ständig Heimweh haben?

Ein Kommentar zu “Und irgendwo ist mein Zuhause

  1. Moin Meike,

    am Wochenende hatten wir das Thema: ich fahre von zu Hause nach zu Hause, habe ich gesagt. Ob im Norden oder im Westen ist ja egal.

    Mehr als ein zu Hause haben viele Leute, glaube ich. Und zwar für lange Zeit, nicht nur kurzfristig (wo ich meinen Hut hinhäng …). Treffender finde ich die Beschreibung „Zu Hause ist da, wo die Rechnungen ankommen“. Wobei das Ankommen der Rechnungen Folge, nicht Ursache ist.

    Viele Grüße

    Harry

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