Im Zugabteil

Erst kürzlich habe ich mit zwei Kollegen über das Zugfahren im Sechser-Abteil gesprochen. Es gab darüber durchaus unterschiedliche Ansichten. Heute hatte ich mal wieder das „Glück“ und durfte es mehrere Stunden lang auskosten – das Reisen …

Im Zugabteil

Früher war es ja üblich, längere Reisen im Intercity im voll besetzten Sechser-Abteil durchstehen zu müssen. Ich erinnere mich gut daran, dass meine Schwester und ich immer in diesen vollgestopften Sardinendosen nach München reisten, um dort unsere Tante zu besuchen. Damals gab es noch keine Großraumwagen (und auch keine Klimaanlagen, die ausfallen konnten). Außerdem war ich noch ein Kind, wusste es nicht besser und dachte, dass es halt so sein müsste: dass man sich so eng auf der Pelle sitzt, sich gegenseitig unfreiwillig stundenlang beobachtet und von Mitreisenden zugetextet wird. Reisen wie mit der Postkutsche halt. Meine erste Fahrt in einem Großraumwagen, in dem ich die Beine wunderbar nach vorne ausstrecken und den Blick entspannt auf der Rückenlehne des vor mir Sitzenden ruhen lassen konnte, belehrte mich eines Besseren – seitdem buche ich nur noch Großraum, wenn es denn möglich ist.

Auch heute hatte ich ab Hannover einen Großraumwagen gebucht. Leider fehlte dieser Wagen – da nützte mir meine schöne Reservierung nichts. Zum Glück konnte ich per Express-Reservierung am Bahnhof noch einen anderen Platz buchen, ansonsten wäre die Fahrt im überfüllten Bummel-IC von Hannover nach Frankfurt wohl richtig unkommod geworden. Schließlich war ich nicht die Einzige, die am Ostermontag unterwegs war. So aber gab es zumindest noch einen Platz in einem Sechser-Abteil. Und dort war es wie immer ziemlich ungemütlich.

Im Grunde hatte ich noch Glück: Mein Gegenüber war nicht besonders groß (sorry, MarkusS., ich weiß, diese Vorbehalte gegen hochgewachsene Mitreisende sind nicht nett, aber diese Verwicklungen mit ganz und gar fremden Beinen sind einfach nicht mein Fall). Die hochschwangere Frau mir gegenüber konnte jedoch nicht mehr so recht sitzen, rutschte immer wieder vor und zurück und machte uns wahrscheinlich alle ein wenig nervös. Außerdem blieb unser Zug immer wieder auf freier Strecke einfach stehen – was, wenn das Baby gerade in einem solchen Moment auf die Welt hätte kommen wollen? Entbinden im Zugabteil, keine schöne Vorstellung. Ich ertrug also die häufigen Schubser der unruhigen Schwangerenbeine ohne ein Wort der Klage – bloß die arme Frau nicht aufregen!

Ansonsten war es recht ruhig im Abteil, zumindest bis Kassel. Dort stieg ein Plauderer zu. Also so einer, den es nicht weiter störte, dass seine fünf Mitreisenden allesamt Bücher oder Zeitschriften vor der Nase hatten und offensichtlich gut zufrieden damit waren, in aller Ruhe ein wenig zu lesen. Er schwatzte einfach mal so in den Raum hinein, stellte Fragen und interessierte sich für seine Umwelt. Ob man in Kassel immer so lange halte, wollte er wissen, und bemerkte scharfsinnig, dass der Zug recht voll sei. Ja, Ostern halt, haha. Und wo wir denn wohl alle hinwollten – nach Frankfurt, oder gar bis Karlsruhe, so wie er? Oder noch weiter vielleicht? Dann und wann erbarmte sich jemand, sah von der Lektüre hoch und antwortete sparsam. Als dem Plauderer diese Art der Konversation zu langweilig wurde, verlegte er sich auf das, was gemeinhin eher ältere Damen tun: Er begann, in seiner Tasche zu wühlen. Ich ergründete nicht, was er dort suchte, und versuchte, das Gewühle auszublenden. Natürlich erfolglos. Irgendwann fühlte ich mich an das Lied vom Handtäschchen von Horst Koch erinnert – macht das Handtäschchen auf, holt das Geldtäschchen raus … – nur, dass dieser Herr nichts aus der Tasche heraus holte. Er wühlte nur. Taschenbuddeln in Vollendung, mit einer Energie, die an den großen Goldrausch erinnerte. Schloss die Tasche wieder, stand auf, stellte die Tasche auf die Kofferablage, setzte sich, stand wieder auf, holte die Tasche runter, wühlte darin herum. Wahrscheinlich war diese Aktivität unsere Strafe dafür, dass wir nicht mit ihm plaudern wollten. Wir anderen hielten tapfer durch: Keiner fragte, was denn gesucht würde, alle starrten fest auf den Lesestoff und dachten an das Lied vom Handtäschchen.

Mit nur einer halben Stunde Verspätung erreichten wir schließlich Frankfurt – für einen Feiertag gar nicht so schlecht. Drei von sechs Reisenden aus unserem Abteil stiegen dort aus. Alle wirkten erleichtert. Den Wühler ließen wir in der Obhut des Paares zurück, das nach Karlsruhe wollte. Die Drei hatten also noch schön Zeit, miteinander zu plaudern.

11 Kommentare zu “Im Zugabteil

  1. Bei mir ist es umgekehrt. Ich vermeide nach Möglichkeit Großraumabteile. Meine erste Erfahrung: Spätabends, am anderen Ende des Abteils eine Familie mit Kleinkind. Das Kind war übermüdet und schrie fünf Stunden lang … Sitznachbarin liest Zeitung, ein Teil befindet sich vor meinem Gesicht, beim Umblättern werde ich regelmäßig angestoßen. Muss meine Sitznachbarin einmal auf Toilette, muss ich aufstehen, um ihr Platz zu machen. An jedem Bahnhof drängen Reisende an mir vorbei und stoßen mich mit den Koffern an. Vor mir und hinter mir telefonieren Teenies lautstark, dadurch kann ich mich leider nicht auf mein Buch konzentrieren …

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  2. Ich bevorzuge jetzt die kleinen Abteile und ich reserviere zwei Plätze, weil ich mit meinem Kater reise. Da ist es ruhiger und die Leute mit Katzenallergie können ins Großraumabteil. 2 Plätze, weil nicht immer Platz für den Transportkorb ist und ich ihn im Blick behalten will. So kann ich sagen, dass ich für den Platz bezahlt hbe und muss ihn nicht vor meinen Sitz stellen und meine Füsse auf den Korb drauf. War keine schöne Fahrt. Alleine war ich lieber im Großraum als mit jemandem im kleinen Abteil.

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