Eine Frage der Sichtweise

Manche Leute haben ja ein Problem mit dem Älterwerden. Besonders Frauen werden gerne dreizehn Mal 29. Diese Befindlichkeit kenne ich nicht, ich bin sogar gerne über 40. Trotzdem finde ich nicht, dass jeder Geburtstag gefeiert werden muss. Aber auch nicht betrauert. Denn alt oder nicht alt, das ist einfach …

Eine Frage der Sichtweise

Heute bin ich 44 geworden. Kein besonderer Geburtstag, also wird er nicht gefeiert. Nicht mal ein bisschen, denn ich schleppe seit dem Wochenende eine mordsmäßige Erkältung mit mir herum und huste wie ein asthmatischer Dackel. Der Rücken kracht dabei melodisch und erinnert mich daran, dass es so etwas wie Bandscheiben gibt – ich glaube, das sind diese ausgeleierten, rauen Dinger, die beim Bücken immer dieses sonore Kratzen hören lassen. Einen alten Hund in meinem Zustand würde man wahrscheinlich einschläfern lassen, und ein Sofa, das so knarrt, käme auf den Sperrmüll. Also ist schlicht alles so, wie es mit 44 sein sollte.

Ja, so dachte ich zumindest früher. Und so war das früher auch. Ganz bestimmt: Früher waren Leute, die 44 waren, alt. Und das nicht nur, weil ich selber jung war und mir nicht vorstellen konnte, dass man jenseits der dreißig noch Spaß haben könnte. Nein, auf alten Fotos sehen die Leute deutlich älter aus. Würdevoll, seriös und stattlich. So sehen zumindest meine Eltern auf den Fotos aus, die zu meiner Konfirmation aufgenommen wurden. Da war meine Mutter 42, also zwei Jahre jünger als ich jetzt. Ich sehe nie seriös aus, immer eher wie eine dahergelaufene Trümmerlotte. Vielleicht sollte ich mir doch noch irgendwie Kinder beschaffen, um neben ihnen einen soliden Eindruck machen zu können?

Als mein Vater 50 wurde, sah er aus wie ein netter älterer Herr. Komischerweise wurde er danach irgendwie jünger, auf dem Bild anlässlich seines 70sten sieht er richtig flott aus. Zumindest bilde ich mir das ein. Ob es daran liegt, dass er mit fünfzig fünf Mal so alt war wie ich, mit siebzig hingegen nur noch zweieindrittel Mal? Der Unterschied zwischen uns ist im Verhältnis geschrumpft, das wird etwas ausmachen. Außerdem ziehen sich inzwischen auch „ältere“ Leute modischer an. Wahrscheinlich ist die unheimliche Verjüngung meines Vaters auf eine Mischung von mehreren Faktoren inclusive genverändernder Erdstrahlen und einer Brille ohne Horngestell zurückzuführen.

Natürlich sind die eigenen Eltern Sonderfälle, was das Alter angeht. Schließlich sind das meine Eltern, die müssen ja alt und seriös sein. Und sie müssen es auch schon immer gewesen sein. Ich bin immer ganz verdattert, wenn ich in Mutters Album Fotos finde, auf denen meine Eltern komische Dinge tun, die Eltern eigentlich nicht tun sollten: sichtlich angeschickert, Vattern wild tanzend, Muttern mit einer Zigarre in der Hand auf dem Knie eines Bekannten. Was soll das denn? Wie führen die sich denn auf? Am Ende hatten die noch Sex, vielleicht sogar miteinander? Nein, das kann nicht sein, davon will ich nichts wissen! Kopfkino, aufhören, sofort! Und das ist auch gar nicht das Thema hier, ich schweife ja ab wie eine alte Frau. Teufel auch!

Ein weiteres Beispiel für falsche Alterseinschätzungen sind Lehrer. Was hatten wir nicht alles für uralte Lehrer damals! Jedes leichte Hinken hielt ich für eine Kriegsverletzung. Viele von denen, die ich damals auf mindestens fünfzig schätzte, unterrichten heute noch, müssten also inzwischen deutlich über siebzig sein. Irgendwann traf ich mal eine meiner Lehrerinnen in einer Oldenburger Kneipe. Ich fand es damals nicht angemessen, dass die sich da herumdrückte, schließlich sind Musikkneipen etwas für junge Leute. Auch diese Frau unterrichtet noch, war also damals maximal vierzig. Angesichts der Tatsache, dass auch ich noch immer gerne in Kneipen gehe, bin ich inzwischen bereit, ihr das Fehlverhalten von damals nachzusehen. Schließlich würde auch ich mir nicht von einer dahergelaufenen Rotznase meine Lieblingskneipe verbieten lassen.

Was mich wirklich verwundert ist, wie sehr auch mein persönlicher Geschmack gemeinsam mit meinem Körper altert. Früher waren für mich Männer um die fünfzig bemitleidenswert engstirnige Geschöpfe, bei denen man froh sein musste, wenn man ihnen keinen Rollator unterschieben musste und sie nicht nach Mottenkugeln rochen. Heute sind das oft tolle Gesprächspartner, und es sind sogar ein paar richtig scharfe Fetzen dabei. War das schon immer so? Es verwirrt und amüsiert mich, und manchmal frage ich mich, wie ich selber wohl gesehen werde. Sehen die schnatternden Teenagergören in der Schlange an der Kasse in mir eine ältere Frau? Wundern sich die Studenten, was meine Freunde und ich noch spät am Abend in der Kneipe wollen? Fürchten die, wir sind zum Sterben gekommen? Nun, zumindest steht noch keiner auf, wenn ich in die Straßenbahn steige – beruhigend.

Heute war nun also mein Geburtstag. Kein Grund zum Feiern, keiner zum Trauern. Aber Grund genug für ein gutes Glas Weißwein aus der Sonntagskiste. Denn das ist eindeutig ein Vorteil an meinem jetzigen Alter: Die Zeiten, in denen es Fusel aus dem Tetrapack zu trinken gab, sind erst mal vorbei.

Cheers!

Riesling

10 Kommentare zu “Eine Frage der Sichtweise

  1. Liebe Meike, ist der Post aktuell? Heute dein Geburtstag? Dann allerherzlichsten Glückwunsch :*

    Der Mann (35) war vorgestern mit nem Kumpel aus, kam wieder und erzählte ziemlich bedröppelt, er wurde gemobbt. Ein Anfang Zwanziger kam zu ihnen und wollte wissen, wie alt er denn sei. Auf Nachfrage kam die Antwort „wir haben eben gedacht, wir wären die Ältesten hier, aber ihr seid ja noch älter“.

    Ja, so kanns gehen. Ich werde am Freitag 33, fühle mich aber irgendwie immer noch wie jung. So Anfang 20, oder so. Manchmal auch wie 13 😉 Solide? Würdevoll? Seriös? Hm, eher nicht. Find ich aber gut so.

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  2. Liebe Meike, ich möchte mich diesmal nicht klam heimlich davon schleichen: Sondern dir nachträglich alles Liebe, ein bischen Gesundheit für die ledierten Bandscheiben und kleinen Wehwehchen die man ab 40 so hat und ganz viel Glück zu deinem Geburtstag wünschen.
    Ich lese immer gerne in deinen Blog und freu mich schon auf einen neuen Beitrag 🙂

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  3. Nachträglich alles Gute zum Geburtstag. Wir leben länger, bleiben wohl auch länger jung. Und seriös will kaum einer mehr wirken. Eine Bekannte fühlte sich neulich alt, weil ihr in der Bahn Platz gemacht wurde. Meine Eltern hätten so etwas schon in jungen Jahren von Kindern und Jugendlichen erwartet …

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  4. Als ich in die 5. Klasse ging, also so mit 10 oder 11 Jahren, brachte unser Englischlehrer jemanden mit in den Unterricht, der dort hospitierte und auch mal eine Unterrichtsstunde halten durfte. Für uns war klar, unser geliebter Englischlehrer würde bald in Pension gehen. Er brachte ja bereits seinen Nachfolger mit. So vermuteten wir. Mit dieser Erkenntnis bin ich dann zu meinen Eltern gegangen und mein Vater war überrascht, dass beim Elternsprechtag dieser „alte Knacker“ immer noch da war. Die beiden müssen wohl über unsere Eindrücke geredet haben. Jedenfalls kam mein Vater doch recht deprimiert nach Hause: Es hatte sich herausgestellt, dass der Lehrer genauso alt war wie er, Ende 30!
    Ich war bereits auf der anderen Seite des Lebens als ich mit 31 Jahren in eine andere Stadt zog, um dort einen neuen Job anzutreten. Als ich nach einiger Zeit eine Auszubildende in knackigen Jeans fragte, wo man denn hier am besten Jeans kaufen könne, meinte sie naserümpfend-ungläubig: „Was, in ihrem Alter tragen Sie noch Jeans?“ Wie hieß es doch weiter oben: „Eine Frage der Sichtweise!“, qed

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    • Jaja, die armen Lehrer 🙂 Als ich in der dritten Klasse war, bekamen wir eine neue Lehrerin. Meine Eltern fragte, wie alt die Dame denn sei. Ich, altklug, fällte gnadenlos mein Urteil mit der Bemerkung: „Aus den besten Jahren ist sie raus!“ Ich denke, sie war wohl in etwa 40, also jünger als ich jetzt.

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