Wer macht sowas?

Heute war es mal wieder so weit: Ich bin durch meine Wohnung gegangen, als sähe ich sie zum ersten Mal. Und dabei wohne ich seit mittlerweile zwei Jahren hier. Ich erinnere mich aber, dass es mir in meinen anderen Wohnungen auch schon so ging, dass ich zwischendurch fassungslos dastand, ungläubig guckte und mich fragte:

Wer macht sowas?

Als ich heute Morgen aufwache, geht mein Blick wie immer erst mal träge zum Wecker. 7:03 zeigt der an. Und da ich mit offenem Rollo schlafe, ist es recht hell im Zimmer, sodass ich den kleinen grauen Pelz auf dem Gerät gut erkennen kann. Der scheint dort schon so zwei, drei Tage draufzuliegen, denn da, wo ich ihn in den letzten Tagen ausgeknipst habe, ist nichts. Ein weiterer Blick durch den Raum zeigt mir, dass das ganze Schlafzimmer in einem desolaten Zustand ist: unaufgeräumt und staubig. Gut, das mit der Unordnung nehme ich auf mich, ich bin wahrlich nicht die Ordentlichste. Aber wer zum Teufel hat den ganzen Staub hier hingeschmissen?

Wo ich schon mal wach bin, stehe ich auf und sichte den Rest meiner Behausung: überall das gleiche Bild. Kram und Krempel überall, Staub, Wollmäuse in allen Ecken. Ja, ich weiß, ich wollte immer gerne Haustiere haben, aber nicht solche.

Allmählich gibt mir die Sache Rätsel auf: Denn mir ist nicht klar, wer den ganzen Dreck in meiner Wohnung verteilt hat. Ich bin schon unter normalen Umständen kaum zu Hause und zurzeit komme ich im Grunde nur zum Wäsche wechseln und schlafen heim. Sogar an den Wochenenden habe ich in der letzten Zeit regelmäßig die Stadt verlassen und woanders herumgebröselt. Kinder, Tiere oder sonstige Nebengeräusche, die Dreck ins Haus schleppen, habe ich auch nicht. Es muss sich also jemand Fremdes in meiner Wohnung aufgehalten und sie eingesaut haben. Der war dabei gründlich: Ich finde nicht nur Unmengen von Staub, sondern auch eine klebrige Arbeitsplatte in der Küche, Brotkrümel auf dem Herd. Und die sind definitiv nicht von mir, denn das Brot, das ich letzte Woche in der Wiener Steinbäckerei gekauft habe, war von Anfang an so trocken, dass da kein Krümel mehr abzuspalten war. Wer also war das?

Mein Verdacht fällt auf meine Nachbarin, die hat meinen Schlüssel für Notfälle. Aber die war früher Krankenschwester und legt viel Wert auf Sauberkeit, die macht so was nicht. Wahrscheinlich waren das Leute vom örtlichen Haushaltsdiensteanbieter: Erst bröseln sie rum und morgen finde ich ein Blättchen im Postkasten, mit dem sie mir Putzpersonal anbieten wollen. Ein ganz billiger Marketingtrick also. Alles das, was sie bei anderen aufgesaugt haben, schmeißen sie bei potenziellen Kunden wieder hin. Eigentlich genial. Ich prüfe meine Wohnungstür auf Einbruchspuren. Nichts zu sehen – da waren Profis am Werk. Es wird also mit Sicherheit keinen Sinn haben, die Polizei zu rufen.

Ich habe ja in der Tat schon mal darüber nachgedacht, ob das mit der Putzhilfe nicht vielleicht eine gute Idee sein könnte. Denn ich putze überhaupt nicht gerne. Gut, wenn ich den ganzen Tag Zeit hätte, könnte das eine Aufgabe sein, aber in meiner knapp bemessenen Freizeit möchte ich lieber angenehmere Dinge tun. Mein einziger Hinderungsgrund, das Projekt Hauspersonal einmal konkret anzupacken, ist die Tatsache, dass ich auch nicht gerne aufräume. Und wenn nicht aufgeräumt ist, kann man nicht putzen – das habe ich schon von Mutti gelernt. Außerdem habe ich schon einen Masseur, der alle zwei Wochen kommt. Ist ein Putzdienst UND ein Masseur nicht dekadent? Nein, ich putze weiterhin selber.

Heute hilft also alles nichts, ich muss das von anderen verursachte Chaos beseitigen, will ich nicht noch vor Ablauf des Wochenendes an asthmatischen Anfällen verbleichen. Ich packe beherzt an – noch vor dem Frühstück das erste Zimmer. Irgendjemand hat auch meine Wäschebehälter mit Schmutzwäsche gefüllt, also wird die Waschmaschine vollgeladen und angeknipst. Aufhängen kann ich erst mal nichts, der Wäscheständer ist noch voll. Falten, wegräumen, Nasses aufhängen, neue Maschine anstellen – das passt nie alles in meinen Schrank. Wer hat das denn alles gekauft?

Um halb zehn habe ich keine Lust mehr. Und ich denke an meine Kollegin Sanja: Das ist eine ganz Ordentliche, die macht sowas jeden Abend mindestens dreieinhalb Stunden lang und wirkt zufrieden, frisch und so hübsch. Bestimmt ist Hausarbeit gesund und hält jung. Mich macht es alt, um elf habe ich Rücken und mache zwei bis vier Stunden Pause.

Dann aber muss ich feststellen, dass Hausarbeit auch hungrig macht. Ich nutze die Zeit, in der das Risotto brodelt, zum Staubsaugen (Wie bitte? Nein, natürlich kein selbst kreiertes Risotto, sondern eine Fertigtüte von Alnatura, angereichert mit diversen adeligen Zutaten des Adelsgeschlechts „von Vorgestern-muss weg“ und einem Rest Weißwein der Marke Saueressig). Staubsaugen kann sehr befriedigend sein, rede ich mir ein, während ich beobachte, wie sich der transparente Behälter allmählich füllt. Und es dauert seine Zeit. Zeit, in der ich lieber etwas anderes tun würde und Zeit, in der das Risotto anbrennt. Das hätte man da aber auch ruhig draufschreiben können, dass auch Bio-Risotto anbrennen kann.

Dann endlich ist alles fertig: Der Staubsauger steht wieder im Schrank, die Wohnung sieht leidlich aufgeräumt aus und das Risotto dampft appetitlich auf dem Teller. Ja, gut, okay, den Topf kriege ich wahrscheinlich nie wieder sauber. Ich stelle ihn optimistisch in die Spülette, mal gucken, was die daraus macht.

Nach dem Essen diszipliniere ich mich und trage den Teller sofort in die Küche, wo ich ihn ordentlich in die Spülmaschine räume. Ich fühle mich angenehm erschöpft und sehr tüchtig. Aus dem Rückweg zum Sofa fällt mein Blick auf eine lange Wollfluse, die sich wie in einer sanften Sommerbrise träge auf dem Flurfußboden windet. Da habe ich doch gerade eben gesaugt. Wer hat das da hingelegt? WER WAR DAS?

Mir wird klar, dass mein Leben weiterhin ein Kreislauf aus Waschen, Putzen und Saugen sein wird. Alle Lebensgeister verlassen mich, ich sinke auf mein Sofa. Ich muss mich hinlegen!

Und für den Abend lege ich mir einen guten Weißwein kalt.

Blumenstauß

Endlich abgestaubt!

 

5 Kommentare zu “Wer macht sowas?

  1. Ja ja, der Haushalt. Bei mir war die Dreckmafia auch wieder aktiv. Muss so sein, wir waren bis vor kurzem im Urlaub. Bei Flächen, die man nicht berührt (TV-Schrank z.B.) hilft auch konsequentes Nicht-Staubwischen. Wenns einheitlich ist, fällts nicht auf. Aber verrat das nicht im Casa 😉

    LG Andrea

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