Melanie

Wenn man wie ich in einem sehr großen Unternehmen arbeitet, kennt man nicht jeden Kollegen. Das geht gar nicht und ist auch völlig in Ordnung. Ich kenne sogar noch weniger Leute, als umgekehrt Leute mich kennen: Zum einen, weil ich einfach kein gutes Personengedächtnis habe. Und zum anderen habe ich schon manchmal auf Tagungen etwas präsentiert, vor den Kollegen aus dem Außendienst. Die konnten mich dabei alle ausgiebig betrachten und sich mein schönes Gesicht einprägen. Und bei mir prägte sich wie üblich gar nichts ein. Es ist immer ein bisschen peinlich, von jemandem mit dem Namen angesprochen zu werden und selber keinen Schimmer zu haben, mit wem man eigentlich spricht. Zumeist finde ich eine mehr oder minder elegante Möglichkeit, nach dem Namen zu fragen, und wenn das Licht günstig steht und ich genügend Thai Ginseng genossen habe, kann ich mir mein Gegenüber vielleicht sogar merken.

Gestern aber war ich richtig in der Klemme: Vor dem Lift segelte eine Kollegin auf mich zu und begann gleich zu erzählen. Ohne Zweifel, die kannte mich. Und zwar richtig, nicht nur von einer Tagung. Und ich konnte sie überhaupt nicht zuordnen. Ich starrte sie an – war sie aus dem Außendienst? Oder aus der Buchhaltung, der Poststelle? Oder war das nicht – doch, das konnte sein – die Schwester von der, die dahinten saß, die Nette mit den braunen Haaren. Oder die Schwägerin? Irgend so was zumindest, Familie halt. Die hatte ich mal zusammen getroffen, damals in Oberrad. Mein aktuelles Gegenüber hatte auch braune Haare, und braune Augen in einem freundlichen Gesicht. Gewiss waren das Schwestern, die von da hinten und diese hier.

Gemeinsam betraten wir den Lift. Sie hatte schon Feierabend, denn sie arbeitete immer noch Teilzeit, wegen der Jungs. Von denen hatte sie mir bestimmt schon ganz oft erzählt, und ich oberflächlicher Brocken hatte mir das nicht gemerkt. Ich stellte ein paar Fragen: Wie alt waren die Kinder jetzt, und wie hießen sie nochmal? Sie antwortete offen und lebhaft, fragte, wo ich jetzt wohne, und ich tappte noch immer völlig im Dunklen. Und ich schämte mich mal wieder. Denn ich finde es respektlos, wenn man sich seine Mitmenschen nicht merkt. Wenn man nicht in der Lage ist, jemanden mit seinem Namen anzusprechen. Gewiss sollte ich diese Frau kennen. Und das war bestimmt nicht nur die Schwester von irgendeiner Kollegin, die ich nur flüchtig kannte. Nein, mit dieser Frau hier hätte ich vertrauter sein müssen, wir kannten uns schon lange. Nur woher? Vor meinem geistigen Auge zogen Veranstaltungen vorbei, auf denen ich viel Spaß mit gut gelaunten Kollegen gehabt hatte. Hatten wir zusammen gelacht und sieben Fässer Wein geleert? Oder nebeneinander im Bus gesessen?

Gemeinsam verließen wir das Haus. Sie wollte zum Parkhaus, ich zu einem Nebengebäude, in dem ich ein „Meeting“ hatte. Wieder so eine Veranstaltung mit sonderbaren, wildfremden Leuten, die ich bislang wirklich nicht kannte und die ich gewiss nicht oft genug sehen würde, um mir ihre Gesichter und die dazu gehörigen Namen zu merken. Vielleicht sollte ich sie fotografieren und mir ein Album mit ihren Bildern und Namen anlegen. Und das dann in eine Cloud laden, so dass ich immer und überall darauf zugreifen konnte.

„Guten Tag, Herr… warten Sie kurz, ich hab’s gleich… Moment … waren Sie in der letzten Zeit beim Friseur? Ach nein, da sind Sie ja! Hallo Herr Müller, wie geht es ihnen denn? Ach so, wir dutzen uns? Ja, hallo… ääähhh… hallo Martin, ich bin Meike!“

Während ich mich beim Gehen verworrenen Gedanken hingab, schnatterte die Kollegin munter weiter. Die Jungs stritten immer noch so viel, das lag am großen Altersunterschied, aber bald würde das hoffentlich besser werden. Der Große kam ja nun schon auf’s Gymnasium, der war schon recht vernünftig. Ich hörte mit ganzem Ohr und halbem Hirn zu und nickte hoffentlich an den richtigen Stellen. Dann zweigte der Weg ab, sie musste links, ich rechts. Ich wünschte einen schönen Feierabend und lobte abschließend das Wetter. Sie freute sich ebenfalls über den Sonnenschein und verabschiedete sich von mir. „Ja, das muss man ausnutzen. Mach du auch nicht mehr so lange!“ Sie wandte sich zu gehen, drehte sich aber noch mal um und winkte mir fröhlich zu. „Ciao Melanie!“

Ich winkte automatisch zurück und sah ihr verblüfft nach. Die gab ja wohl überhaupt keine Ruhe. Wer zum Teufel war nun wieder diese Melanie?

6 Kommentare zu “Melanie

  1. Wir zwei Hübschen sind doch auch mal zusammen Fahrstuhl gefahren? In den 5.? Oder runter? Irgendwie kommt mir Dein Name bekannt vor! Hätte ja sein können. Bist doch die von der Würze, oder etwa Kaffee oder so? Ach, eher Fencheltee! Ist auch egal. Biste noch im 5.?

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  2. Großartig, Meike. Du hast mir -wie schon so oft – aus der Seele gesprochen…. Da ich ja nun etwas „auffälliger“ bin, kennt mich auch immer jeder …. Und ich stehe immer erstaunt vor vielen unbekannten Gesichtern. Ganz peinlich ist es bei meinen Eltern aufm Dorf….da bin ich immer die Tochter von Inge und Karl. Und ich stehe ratlos da…. Versuche mich krampfhaft daran zu erinnern, ob ich die Person schon einmal in meiner Kinder- bzw Jugendzeit gesehen habe….. Aber keine Chance! Meistens lässt mich mein Gedächtnis im Stich. Überlagert von vielen Eindrücken der letzten 20 Jahre – mit Menschen, die in mein Leben traten und wieder gingen.
    Ach, Meike, hauptsache wir erkennen uns noch…..😉

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