Das fünfte Kind, von Doris Lessing

Das fünfte Kind von Doris Lessing

Ausgabe von 1991

Dieses Buch habe ich vor rund 20 Jahren zum ersten Mal gelesen und seitdem immer mal wieder reingeguckt. Es ist allerdings bislang das Einzige, was ich von Doris Lessing ( geb. 1919, gest. 2013), der Literaturnobelpreisträgerin von 2007, gelesen habe.

Worum geht es: Die Familie Lovatt lebt in einer scheinbar heilen Welt: David und Harriet sind ein nettes, glückliches Paar mit vier gut geratenen Kindern. Damit entspricht sie nicht ganz dem Zeitgeist der späten 60er Jahre, ihr Kinderreichtum wird nicht überall gerne gesehen. Als Harriet zum fünften Mal schwanger wird, runzelt manch Verwandter skeptisch die Stirn. Und so hält sich die allgemeine Hilfsbereitschaft auch sehr in Grenzen, als die Schwangerschaft ungewöhnlich anstrengend und schmerzhaft verläuft. Harriet spürt, dass dieses Kind, dass sie in sich trägt, auf ungute Art anders ist als seine Geschwister.

Als der kleine Ben auf der Welt ist, zeigt sich schnell, dass er körperlich und auch vom Wesen her anders ist als andere Kinder: Er ist ein ungewöhnlich kräftiges Baby mit groben Gesichtszügen, ist fordernd, nicht anschmiegsam und liebebedürftig, sondern unruhig und regelrecht bissig. Ihn zu stillen, ist für die Mutter eine Qual, und schon früh fürchten sich die älteren Geschwister vor ihm.

Mit den Jahren verstärkt sich die Unruhe, die Ben in das Familienleben bringt. Und so gibt Harriet dem Druck der Familie irgendwann nach und lässt den Jungen in ein Heim bringen. Sie ahnt jedoch, dass es ihm dort nicht gut geht, denn das Behindertenheim ist mehr eine Verwahranstalt als eine Pflegeeinrichtung. Gegen den Willen der restlichen Familie holt sie Ben zurück. Die Familie zerbricht.

Ben entwickelt sich zu einem primitiven Kraftpaket. Früh verlässt er die Familie und schließt sich einer Jugendbande an. Wann immer Harriet von Gewaltverbrechen in der Zeitung liest, ordnet sie diese in Gedanken ihrem fünften Kind zu. Sie ahnt, dass von Ben Gefahr, wenn nicht sogar das Grauen ausgeht. Trotzdem wünscht sie ihm, dass es ihm gelingen möge, sich nicht erwischen zu lassen.

Was ist das Besondere? Das Buch hat etwas unglaublich Faszinierendes, obwohl es vieles nicht ist: Es ist keine heitere Geschichte, kein Krimi und auch keine reine Gruselgeschichte. Es gibt kein Happy End und keine befriedigende Auflösung. Aber es bewirkt, zumindest bei mir, dass ich tagelang daran denken muss und mich immer mal wieder gedanklich damit beschäftige. Also ist es für mich ein gutes Buch.

Spannend finde ich die Ausweglosigkeit, in der Harriet sich befindet: Sie weiß, dass dieses Kind für ihre Familie das Verderben bedeutet. Trotzdem kann sie es als Mutter nicht zulassen, dass er in der Klinik eingesperrt und ruhiggestellt wird. Sie entscheidet sich für ihr fünftes Kind und damit, ohne es zu wollen, gegen ihre vier anderen Kinder. Wie realistisch ist das? Würde eine Mutter das so machen? Ich würde es nicht ausschließen.

Auch die Beschreibung, wie andere Menschen auf Ben reagieren, fand ich sehr realistisch: Die Krankenschwestern in der Entbindungsklinik, die kurz hin- und dann schnell wieder wegsehen.  Die Verwandten, die das Kind zwar nicht so richtig in Ordnung finden, aber vorsichtshalber mal keine Hilfe anbieten und mit der Unterbringung des Kindes in irgendeiner Anstalt zufrieden sind. Aus den Augen, aus dem Sinn – und doch wird die Welt nicht wieder heil.

Heute habe ich wieder in dem Buch herumgelesen. Es hat nichts von seiner Faszination auf mich verloren.

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