Weihnachten kam fast zu spät, von Klaus Reiner

Die geneigten Leser mögen sich nun vielleicht fragen, wieso ich im März, einen Monat vor Ostern, mit einer Weihnachtsgeschichte um die Ecke kommen. Nun, das ist ganz einfach, vor Weihnachten konnte ich diese Geschichte meines Schreibwerksttattskollegen Klaus Reiner noch nicht ergattern. Ich musste erst etwas für ihn schreiben und ihm diese schnurrige Geschichte so abtauschen. Er hat dieses menschliche Drama übrigens bei unserer Weihnachtslesung im Café Wacker vorgetragen, und da er genauso liest, wie er schreibt, blieb dabei kein Auge trocken. Hier nun also, zur Frühlingszeit, der Bericht über eine kulinarisch arme Kindheit.

Das Weihnachtsessen, oder: Weihnachten kam fast zu spät.

Meine Mutter war keine besonders gute Köchin. Rückblickend scheint es mir eher so gewesen zu sein, dass sie sich durch ihre zweifelhaften Künste für die Weltmeisterschaft der schlechtesten Köche qualifizieren wollte.

Tagtäglich kam ich – ein zarter Erstklässler – von der Schule nach Hause in eine Küche, in der ein fieser Dunst hing. Es roch nach gekochten Karotten. Oder Spinat. Die Küche dampfte, der süße Geruch des Gemüses war der Geruch eines Hinterhaltes. Und ich sollte das Opfer sein.

Ein schwerer Dampf stieg von meinem Teller auf und ich ließ alle Hoffnung fahren. Nach zwei, drei zaghaften Bissen hatte ich schon aufgegeben.

Ich stocherte in Kohlrabi oder Schwarzwurzeln herum, die in einer Mehlschwitze versunken waren wie Todgeweihte in den Sümpfen des Grauens. Ich drehte die Kartoffeln um, um zu sehen, ob auf ihrer Rückseite vielleicht die Tür zu einem geheimen Ort sein würde. Ich könnte durch ein kleine Tür fliehen, die sich da vielleicht auftat. Ich würde vielleicht in Paris leben, wenn ich erst entkommen war, oder in New York.

Aber nein – Verrat! – die Kartoffeln gaben ihr Geheimnis nicht Preis. Also erstach ich die winzigen Bröckchen ausgelaugten Rindfleisches, nur um sie an der Gabel hin und herzudrehen und sie von allen Seiten zu betrachten.

„Iss dein Mittagessen, es wird doch kalt!“ sagte meine Mutter. Sie nahm einen Löffel voller pelziger Kartoffeln und Kohlrabipampe und stopfte sie mir in den Mund. „So und jetzt kauen und schlucken!“ Sie hatte es ziemlich klein gehackt, man musste es fast nicht mehr kauen. Manchmal mahlte sie es sogar zusammen mit dem Rindfleisch klein, weil sie dachte, vielleicht ist das Kauen das Problem. Ich gab mir wirklich Mühe es zu schlucken, aber meine Fähigkeit zu schlucken war mir verloren gegangen. Also kaute ich nur. „Kauen und schlucken, kauen und schlucken!“ Sie wiederholte dieses Mantra, um es zu meinem zu machen. „Mir ist flecht“, rief ich mit halbvollem Mund und rannte zur Toilette.

Später saß ich wieder über dem Teller und starrte auf den Stellungskrieg, der sich zwischen Kartoffeln und Kohlrabipampe entwickelt hatte. Beide saßen in ihre Schützgräben und feuerten mutlos aufeinander, dazwischen versprengte Truppen von Rindfleischstückchen. Es gab keine Hoffnung, der Winter würde kommen, und er würde allen Gemüsesoldaten den Garaus machen. Aber er würde wenigstens diesen sinnlosen Krieg beenden.

“Du stehst nicht eher auf, als bis dein Teller leer ist“ maule meine Mutter über ihre Schulter, vom Abwasch herüber. Ich gab mir wirklich Mühe. Eine Stunde später war der Teller halb leer. Der Winter war tatsächlich eingekehrt und sämtliche übrig gebliebenen Kartoffel- und Kohlrabisoldaten waren erfroren.

„Mensch, das ist doch eiskalt jetzt!“ Meine Mutter war bissig geworden. Sie riss mir den halb vollen Teller weg und kratzte den Rest in den Mülleimer.

Ein Soldatengrab.

So oder so ähnlich ging es an 363 Tagen im Jahr. Und als das Jahr um war, kam ein neues Jahr. Inzwischen hatte meine Mutter mir einen Wärmeteller gekauft. Da ließ sich heißes Wasser einfüllen, und man konnte das Mittagessen so auf fast zwei Stunden ausdehnen. Die Karotten, Kohlrabis und Kartoffeln erfroren nicht mehr auf dem Schlachtfeld. Sie hielten verzweifelt durch und waren sogar noch ein bisschen warm, wenn sie in ihrem Soldatengrab landeten.

Das perfide ist, du glaubst die Lüge! Du glaubst irgendwann, dass du eine Schuld trägst an dem täglichen Stellungskrieg von Kartoffeln und Blumenkohl. An den tragischen Schicksalen von gebackenen Eiern und Spinat. Du glaubst irgendwann, dass du beteiligt bist, an der Erschaffung der Todeszone, die sich vor deinen Augen tagtäglich auftut.

Aber es ist eine Lüge.

Denn sie können nicht kochen, das ist alles. Sie können einfach nicht kochen, aber dir und dem Rest der Welt erzählen sie, wie schlecht du doch als Kind gegessen hast, und überhaupt, dass du nicht völlig verkümmert bist, das liegt daran, dass sie dir Vitamin- und Kalktabletten und Lebertran gegeben haben.  Mein Gott!

Aber dann kam Weihnachten, und es kam fast zu spät, aber dann halt doch gerade noch rechtzeitig.  Denn an zwei Tagen im Jahr gab es Gänsebraten, am ersten und am zweiten Weihnachtsfeiertag. Und den machte mein Vater.

Ich aß nicht, ich fraß.

„Mensch, der Bub kann was verputzen!“ sagten die Verwandten.

„Mach doch langsam!“ sagte meine Mutter, „man meint ja du kriegst sonst nichts!“

Gefühlt habe ich immer die Gans völlig alleine gegessen, an Weihnachten.

Weihnachten, die Rettungsinsel für einen kulinarisch Schiffbrüchigen.

Dieses ersehnte Weihnachten, das leider viel zu selten war und dann immer so spät gekommen ist.

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(Nachtrag: Allen besorgten Lesern möchte ich nun beruhigend mitteilen, dass Klaus diese Essensmisere gut überstanden hat und auch groß und stark geworden ist.)

2 Kommentare zu “Weihnachten kam fast zu spät, von Klaus Reiner

  1. Da hoffe ich, dass es dem Klaus jetzt besser geht. ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen, denn Muttern kochte gut und Philippine hat’s auch super drauf.

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    • Also, er sieht gut aus, der Klaus, in sofern scheint es nun besser zu gehen. Aber nachvollziehen kann ich es: Ich habe eine Tante, die entsetzlich schlecht kochte: Sie briet Speck in Butter, das Schwarze am Essen musste man abkratzen und die zuckersüßen Salate waren nicht das Dessert, sondern gehörten zum Hauptgericht. Das wurde auch nie besser. Ich konnte es als Kind immer nicht fassen, weil es auch für mich selbstverständlich war, dass Mütter kochen können.

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