A neverending story – von Maike Ruprecht

Ich freue mich über einen neuen Gastbeitrag von Maike Ruprecht. Bei ihr im Labor ist immer was los. Ich glaube, eigentlich forschen sie dort an Pflanzen. Manchmal aber auch am Bodenbelag …

A neverending story

Letztes Jahr im Herbst kamen zwei Männer, betrachteten seufzend unseren Fußbodenbelag, krochen ein bisschen darauf herum, schnitten auf jeder Flurseite ein tablettgroßes Stück heraus und machten sich damit davon. Warum? Das erfuhren wir nicht. Trophäenjäger waren es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Unser Linoleum dürfte sich an der Wand einer Professorenvilla nicht besonders gut machen.

Mehrere Monate lebten wir mit zwei Löchern im Linoleum, gleichmäßig verteilt auf jeder Flurseite eines. Bis letzte Woche.

Da kam ein Handwerker und verbrachte den Tag kniend an dem auf der Büroseite gelegenen Loch. Wann immer ich vorbeikam starrte er regungslos in die Kluft. Beim dritten Mal kam mir der Gedanke, dass er sich vielleicht erst bewegt, wenn man Geld in das Loch wirft. Da in meinen Kitteltaschen aber kein einziger Cent steckte konnte ich meine schöne Hypothese  nicht überprüfen. Irgendwann musste der gute Mann aber gearbeitet haben, brachte der nächste Morgen doch eine Überraschung.

Das Loch hatte sich um das vierfache vergrößert und damit keiner in die 0,3 cm tiefe Grube hineinstürzen sollte spannte sich darüber ein Kreuz aus rotweißem Absperrband.

Gehorsam übersprangen wir fortan auf dem Weg in die Küche regelmäßig eine Distanz von annähernd einem Meter. Handwerker ließen sich in den folgenden Wochen keine blicken, somit blieb die Sprunggrube unverändert. Warum auch nicht?

Unvollendete Großbaustellen sind ja schwer angesagt zurzeit. Berlin hat seinen Flughafen, Stuttgart seinen Bahnhof, warum sollen wir nicht mit unserem Linoleumboden für Frankfurt in die Bresche springen?

Dann, eines schönen Tages,  ich saß gemütlich am Computer und glich Sequenzen ab, erhob sich auf dem Flur unvermittelt ein Gebrumm wie von einer mit einem Zahnarztbohrer gekreuzten Riesenhornisse. Zaghaft öffnte ich die Tür einen Spalt breit und linste hinaus. Ein junger Bursche fräste die Klebstoffreste vom Boden des Laborflurlochs. Im Gegensatz zu seinem vorangegangenen Kollegen legte er immensen Arbeitseifer an den Tag.

Nach einem Tag lebhaften Gebrumms waren beide Löcher nicht nur sauber ausgefräst, sie hatten auch Zuwachs bekommen. Im Laborflurlinoleum klaffen seitdem vier Löcher, alle sauber ausgefräst.

Die exponentielle Lochzunahme erinnert mich auf beunruhigende Weise an das Betragen des Nichts in Michaels Endes „Unendlicher Geschichte“. Zuerst materialisiert es sich als vereinzelte Löcher hier und da, welche sich ausdehnen, sich ganze Städte und Landstriche einverleiben und schlussendlich das gesamte phantasische Reich verschlingen. Bis auf ein Sandkorn.

Unsere Handlanger des Nichts sind bislang nicht zurück gekehrt. Sollten sie es eines Tages doch tun, erwartet uns gewiss ein ebensolches Schicksal. Zuerst wird das Büroflurlinoleum Nachwuchs bekommen, dann werden sich die Löcher Stück für Stück ausdehnen und uns alle mitsamt unseren Zentrifugen und Pipetten verschlingen.

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