Danke, Enid Blyton

Kürzlich hatte ich ja krankheitsbedingt ein bisschen mehr Zeit und habe diese strickend auf dem Sofa verbracht. Um mich dabei nicht zu langweilen, gab es nebenher ein bisschen Fernsehprogramm oder auch DVD. Zu meinen großen Leidenschaften gehören dabei auch Kinderfilme. Und das bringt mich zu dem Ausruf:

„Danke, liebe Enid Blyton!“

Enid Blyton

Ein Bild von Enid Blyton im Innenteil der Fünf-Freunde-DVD

Die 1897 geborene Kinderbuchautorin Enid Blyton gehörte wohl mit zu den produktivsten Autoren aller Zeiten. Ob ihre Bücher etwas taugen, ist durchaus umstritten: Oftmals liest man in Kritiken etwas von schematischer Darstellung, Schwarz-Weiß-Malerei und ständiger Wiederholung. Trotzdem wird sie noch heute eifrig gelesen – irgendetwas muss sie also richtig gemacht haben.

Laut Wikipedia schrieb Enid Blyton über 750 Bücher und 10.000 Kurzgeschichten – eine beeindruckende Zahl. Diese Masse ist wohl der Grund für die Stärken und Schwächen im Werk von Enid Blyton. Denn die Bücher sind gewiss Massenware, schematisch geschrieben und nicht unbedingt literarische Meisterwerke. Das ist mir durchaus klar. Andererseits war aufgrund der schieren Masse wohl wirklich für jeden jungen Leser etwas dabei: Geschichten aus dem Internat für zickige kleine Mädchen oder spannende Geschichten für Kinder auf der Suche nach großen Abenteuern. Da kaum ein Kind es schafft, sich durch das Gesamtwerk zu buchstabieren, fallen Wiederholungen nicht besonders auf.

Bei uns zuhause waren wir gespalten in der Wahl unserer Enid Blyton-Bücher: Meine Schwester sammelte „Dolly“, die Bücher über das gescheite, aber leider jähzornige Mädchen, das ins Internat Burg Möwenfels geschickt wurde und sich dort bis ins Erwachsenenalter hinein jugend- und jungenfrei bei Mitternachtspartys, Sportwettkämpfen und Kochunterricht amüsierte. Ich las das auch, fand es aber nicht sonderlich spannend. Und die etwas dümmlichen Zwillinge Hanni und Nanni, die auch mit wenigen Bänden in unserem Bücherschrank vertreten waren, mochten wir beide nicht.

Ich war ja immer ein Fan der Fünf Freunde und der Abenteuer-Reihe. Gerade an diesen beiden Serien sieht man als erwachsener Leser, dass sie sich sehr ähneln: Zwei Jungs, zwei Mädchen, ein kluges Tier – fertig ist die Optimal-Crew zum Erleben großer Abenteuer. Als Kind hat mich das überhaupt nicht gestört. Auch, dass der arme Philipp in Band vier der Abenteuer-Serie schon zum zweiten Mal die Masern hat, fiel mir erst beim Wiederentdecken der Bücher im letzten Jahr auf. Und den kaum versteckten Rassismus in den Büchern verstand ich nicht. Ich wunderte mich nur ein wenig darüber, warum der kriminelle Neger sich nicht traute, das schöne Hotel zu betreten. Und auch die vielen Zigeuner, die entweder klauten und ihre Kinder misshandelten oder aber des Abends lachend ums Feuer tanzten, erschienen mir lediglich ein bisschen fremd. Lese ich die Bücher heute, fallen mir diese Dinge natürlich auf, aber angesichts der Tatsache, dass z. B. die Abenteuer-Reihe schon rund sechzig Jahre alt ist, sind politische Unkorrektheiten nicht wirklich erstaunlich.

Fünf Freunde und die Abenteuer-Serie

Fünf Freunde-DVD und die komplette Abenteuer-Serie

Ich tauchte also ein in die erfundenen Welten, freute mich darüber, dass an jeder Kurve ein Wanderzirkus oder ein geheimnisvolles Schloss auftauchte und übernahm diese spannenden Szenerien in mein tägliches Leben. So zog ich mit meinen Freundinnen los, um ein verschüttetes Römerlager zu suchen und auszubuddeln – so etwas gab es schließlich überall. Und wir fanden unsere historische Ausgrabungsstätte auf einer Weide an Töpkens Busch. Dort gruben wir mit unseren Strandspaten und legten römische Artefakte frei – das Schönste war eine gut erhaltene Tasse aus weißem Porzellan mit der berühmten Ostfriesenrose drauf, außerdem ein paar leere Konservendosen. Was die alles hatten da im alten Rom! Tagelang waren wir mit unseren Funden beschäftigt, die wahrscheinlich aus einem vor vielen Jahren über den Zaun geschleuderten Müllsack stammten. In unserer Fantasie aber legten wir gerade Pompejis Partnerstadt frei.

Nach den Ausgrabungen gab Enid Blyton unserer Fantasie Stoff genug für weitere Abenteuer. Wir observierten Verbrecher, die sich auffällig auf unserem Spielplatz herumgedrückt und dort den Drehpilz benutzt hatten, obwohl sie erwachsen waren. Was hatten die da gemacht? War die Drehpilzbenutzung ein geheimnisvolles Bandenzeichen? Kichernd schlichen wir hinter ihnen her, natürlich jede Deckung ausnutzend. Enid Blyton hatte uns gelehrt, dass man in allen Ferien das Recht auf ein vernünftiges Abenteuer hatte, und wir besorgten es uns auf unsere Weise.

Als ich nun vor einigen Wochen viel Zeit zum DVD-Gucken hatte, gönnte ich mir eine kleine Reise zurück in meine Kindheit: Ich guckte alle Folgen der Fünf Freunde-Verfilmung aus den siebziger Jahren. Die ist im Grunde ein ziemliches Durcheinander: Die Verfilmung zeigt die typischen 70er-Jahre-Kinder mit Schlaghose und Bonanzarad. Trotzdem muss Julian irgendwo ein Kurbeltelefon bedienen. Auch ist eigentlich immer Sommer, und Anne steht oftmals mit verzweifeltem Gesicht sinnlos in der Gegend herum. Über Logik sollte man sich einfach keine Gedanken machen. Trotzdem hat mir das Gucken viel Spaß gemacht, denn ich erinnerte mich daran, wie ich als Kind von Folge zu Folge gefiebert und mir die Serie immer wieder angeguckt habe.

Und deshalb legte ich bei meinem DVD-Marathon noch die Verfilmung der Abenteuer-Serie aus den 90er Jahren obendrauf. Die kannte ich bislang nicht, schließlich war ich bei deren Erstausstrahlung schon Mitte 20 und hatte andere Interessen als Kinderfilme. So auf den ersten Blick empfand ich die Verfilmung jedoch als durchaus gelungen: Der Transport der Geschichten in die Neuzeit erscheint sinnvoll und recht gut gemacht, die Figuren entsprechen (bis auf der viel zu gut aussehende Bill Cunningham) der Beschreibung und die kindgerechte Spannung kann einen auch als Erwachsenen noch ganz gut fesseln. Folglich hat Enid Blyton es mal wieder geschafft, mir ein paar schöne Stunden zu verschaffen.

4 Kommentare zu “Danke, Enid Blyton

  1. Oh wunderbar, die verordnete RuheZeit zu nutzen um in KindheitsErinnerungen einzutauchen! DAS hat Dir lesbar viel Spaß gemacht und bestimmt auch gut getan!
    Herzliche SonntagAbendGrüße
    von einem eingefleischten Hanni-und-Nanni-Fan 😉

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  2. Liebe Meike,
    nachstehend einige Ergänzungen zu Deinen, vielleicht aber auch nur zu meinen Kindheitserinnerungen:
    -Fantastische Abenteuer auf Geisterinseln endend mit dem Tod, der Wiedergeburt und anschließendem Höhepunkt: Das Backen für den König.
    – Spucken in den kleinen See (aufgestauter Graben an Jansens Weide), zu dessen Erhalt.
    – Campingübernachtungen in Ilkas Zimmer gemeinsam mit Peter Maffay und Mike Oldfield.
    – Eine herrliche Auswahl an Indianercomics in Deinem Zimmer sowie einer kleinen, bissigen Wasserschildkröte in einem noch kleineren runden Bassin, das zeitweise mit einem Warnschild dekoriert war.
    Herzlicher Gruß
    Silke

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    • Hallo liebe Silke – wie schön, dich hier zu lesen! Ich glaube, du erinnerst dich ziemlich richtig, nur dass es sogar zwei Schildkröten waren und das becken irgendwann eckig wurde. Anne und du, ihr seid fester Bestandteil meiner Erinnerungen. Ich schreibe dir dieser tage mal länger – bin doch neugierig, wie es dir geht 🙂

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