Ein Hypochonder geht ins Krankenhaus

KreuzIch muss „etwas“ machen lassen. Nichts Besonderes, ich werde das wohl überleben, wenn vielleicht auch nur knapp. Muss halt gemacht werden, wird ja nicht besser. Und sollte ich wider Erwarten doch dabei verbleichen, kann ich hinterher zumindest sagen: „Ich habe es ja immer gewusst, das Leben ist gefährlich!“

Im Grunde weiß ich es schon seit einem Jahr. Aber wie das so ist, man verbummelt das, verdrängt, hofft auf die Selbstheilungskräfte der Natur, wartet ab, jammert ein bisschen herum. Denn natürlich ist es schlimm, lästig, ganz doof. Aber vielleicht geht es wieder weg, man kann ja noch ein bisschen abwarten. Und es ist gut, einen Grund zum Klagen zu haben. Mit Grund klagt es sich substanzieller als über eingebildete Gebrechen.

Und dann fand ich mich vor lauter Abwarten in einer Dezembernacht in der Notaufnahme wieder. In Offenbach, da wollte ich ja schon immer mal hin. Nicht unbedingt nachts, und auch nicht unbedingt in die Notaufnahme, aber nun hatten wir das auch mal. War interessant. Besonders, als das Ding zum Puls messen gegen halb drei in der Nacht mit lautem Piepen meinen Tod verkündete. Nun ging es mir natürlich nicht gut, ich war auch mal wieder davon überzeugt, im Sterben zu liegen, aber da mein Bauch noch immer weh tat, erschien selbst mir dieses hektische, schrille Geräusch ein wenig übertrieben. Meine angeborenen Neugier brachte mich dazu, mich vom Sterbebett zu erheben und zu gucken, was es mit diesem Gefiepe auf sich haben könnte. Die herbeieilende Krankenschwester erwischte mich also beim Fummeln an den Kabeln und nahm mir mein Spielzeug weg.

Die wenig später auftretende Ärztin empfahl mir, „es“ endlich machen zu lassen. Am besten sofort, beziehungsweise am nächsten Morgen. Weil es ja nicht besser wird durch Abwarten. Außerdem sind Gallensteine nichts, was durch Lagerung im Wert steigt. Ach was, wirklich nicht? Nein! Trotzdem konnte ich mich nicht entscheiden. Weil wer lässt sich schon gerne aufschneiden? Ich merkte, dass ich keine 18 mehr bin: Damals habe ich nicht gezögert, als jemand mit dem Skalpell auf mich losgehen wollte. Mit 43 denkt man mehr nach. Was da alles passieren kann! Zu tief gebohrt, was Falsches angepiekt, ein schmuddeliges Messer … Ne, lieber nicht. Vielleicht erledigt sich das von selber. Ein Wunder, an so was wollte ich schon immer mal glauben.

Nun, was soll ich sagen – es hat sich nicht erledigt. Hat weiter Ärger gemacht und erledigt mich, langsam aber sicher, durch eine simple Zermürbungstaktik. Und nun lasse ich „es“ machen. Morgen schon. Wenn es gut geht, ist es schnell erledigt, ein paar Tage Vollpension und dann eine Weile zuhause auf dem Sofa, intensiv fernsehen ohne schlechtes Gewissen, oder einfach nur an die Decke gucken. Das wird bestimmt schön. Wenn ich es denn soweit schaffe. Denn wer weiß, was alles passiert. Ich wurde über die Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt, mit dem Erfolg, dass ich davon jetzt schon was merke. Und dann erst die Anästhesie – wenn die mal bloß nicht zu viel erwischen. Ist ja ohnehin gefährlich, dieser Medikamentenschlaf: Das Krankenhaus kann abbrennen, während ich in Narkose liege, oder einstürzen. Wer schleppt schon eine Narkotisierte mit raus, noch dazu so einen Brummer wie mich? Und wenn es einer tut, was dann? In diesem leichten OP-Hemdchen werde ich mir draußen den Tod holen. Tausche Gallensteine gegen Lungenentzündung, ist das ein guter Deal? Ich glaube es ja nicht.

Morgen früh geht es los. Wird schon gut gehen, warum auch nicht. Eigentlich bin ich ganz guter Dinge. Ich habe alles gelesen, was es darüber zu lesen gibt – die überaus meisten Patienten scheinen den Eingriff zu überleben. Zumindest hat sich keiner zu Wort gemeldet, bei dem das anders gewesen wäre. Das finde ich beruhigend, zumindest ein bisschen. Morgen um diese Zeit weiß ich mehr. Und was ich durch dieses Gejaule eigentlich sagen will, ist ganz einfach:

Meikes bunte Welt macht ein paar Tage Pause.

10 Kommentare zu “Ein Hypochonder geht ins Krankenhaus

  1. Also erstmal: Alles Gute! Wird schon schiefgeh’n.

    Dabei faällt mir ein: In meinem früheren Leben als Chemiker habe ich bekanntlich pflanzliche, tierische und menschliche Substanzen aus den diversen „Rohmaterialien“ isoliert. Bei den menschlichen war ein Rohmaterial Nabelschnüre, ein anderes Gallensteine. Aus letzteren wurde Cholesterin gewonnen. Aus dieser Zeit hatte ich immer noch ein durchgesägtes Prachtexemplar von einem Gallenstein irgendwo rumliegen. Die Häfte war wohl so ca. 3 cm lang und hatte an der Schnittfläche einen Durchmesser von mehr als 2 cm. Ich hoffe, die deinigen sind kleiner und können dir ohne Probleme entfernt werden.

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    • Danke für die guten Wünsche, Philipp. Gut zu wissen, dass ich wertvolle Rohmaterialien in mir trage.

      Angeblich kann man die entfernten Klunkern hinterher mit nach Hause nehmen, dann messe ich mal nach. Ich gebe aber gleich die ganze Gallenblase her, damit sich das Theater nicht wiederholt.

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