Tag des Grauens

Es gibt Tage, an denen geht einfach nichts zusammen. Am besten legt man sich dann gleich wieder hin und steht nicht mehr auf, bis die Gefahr vorbei ist. So klug bin ich leider nicht immer. Und so stolperte ich heute durch meinen Sonntag und verfiel irgendwann sogar einem dieser unheimlichen Grusel, von denen man sich einfach nicht abwenden kann.

Der komische Tag und die Faszination des Grauens

Heute ist Sonntag, noch dazu einer, an dem ich keinerlei Pflichten hatte. Das sind mir die liebsten Tage im Leben – einfach herumlumpen, im Schlafanzug frühstücken, fernsehen, ein wenig lesen oder stricken oder spazieren gehen… Es gibt viele Möglichkeiten, einen solchen Tag wunderbar zu verbringen.

Heute aber war irgendwie der Wurm drin: Schon als ich gegen halb sechs zum ersten Mal aufstand, ging’s los. Auf dem Flur fiel mir ein eigenartiger Geruch auf und ich tapste in die Küche, zwang meine müden Augen, sich trotz des grellen Lichts der Küchenlampe zu öffnen und entdeckte, dass meine Mandarinen über Nacht sprunghaft zu faulen begonnen hatten. Etliche Früchte im Netz waren weißlich-grün, weich und stanken zum Himmel. Sie wurden entsorgt, ich schlich wieder in mein Bett und versuchte, noch ein wenig zu schlummern.

Das scheiterte leider daran, dass ich mir irgendwas im Rücken verlegen hatte – es lag sich äußerst unbequem. Also früh raus aus dem Bett, ein bisschen frühstücken und entscheiden, was man mit diesem komischen Tag nun macht. Ich beschloss, schwimmen zu gehen, das rüttelt mich bei Schultersteifigkeit eigentlich immer ganz gut zurecht. Also die Sachen zusammensuchen, sportlich anziehen (ich nahm eine „Schlupfhose“, die sind ja so unglaublich praktisch) und lostraben, in einer Hand den Schwimmbeutel, in der anderen den Müllbeutel mit den Stinke-Mandarinen. Noch im Flur riss der Boden – zum Glück der der Badetasche und nicht der des Müllbeutels. Ich stand etwas dösig da, mit einer leeren Stoffhülle in der Hand. Aber wie heißt es so schön in einem meiner Lieblings-Schnulzenbücher (Es begann im Regen von Sanne van Havelte)? „Irgendwann wird auch der beste Stoff mal alt!“ Die Tasche wanderte zu den Mandarinen in den Müllbeutel, ich fand einen anderen Badesack, es konnte losgehen.

Die Fahrt zum Rebstockbad lief problemlos. Nur der kurze Fußweg gestaltete sich irgendwie schwierig, weil die ach so praktische Schlupfhose heimlich an mir herunterwanderte und ich zweimal fast über meine immer länger werdenden Hosenbeine gepoltert wäre. Anscheinend vertrug sich der Schlupfhosenjeansstoff nicht mit meinem darunter getragenen Badeanzug. Ich zog also immer wieder die Hose hoch und die Jacke runter. Hinter mir laufende Leute dachten wahrscheinlich, dass ich einen komischen Tick habe. Tourette oder so …

Im Kassenraum standen zwei Schlangen Menschen bis zur Tür – anscheinend hatten noch mehr Leute heute Rückenprobleme. Bei näherem Hinschauen stellte ich fest, dass es sich bei den Wartenden ausschließlich um Kindergeburtstagsgruppen zu handeln schien. Es war ordentlich laut, aber da ich mich größtenteils „im Tiefen“ aufhalte, störten mich die herumwimmelnden Kinder nicht weiter. Ich hopste fröhlich die Treppen herunter, stopfte meine Sachen in den erstbesten Schrank und stellte fest, dass der sich nicht abschließen ließ. Der nächste freie Spind war einen Gang weiter und innendrin ein bisschen nass. Das merkte ich aber erst später beim Anziehen – natürlich traf es die unselige Schlupfhose.

Ich schwamm fleißig und machte ein paar Dehnübungen, was meinem Rücken gut tat. Nach anderthalb Stunden wollte ich aus dem Becken wieder aussteigen und stellte fest, dass man „im Flachen“ vor lauter Leuten kaum noch treten konnte. Flucht! Duschen und ab nach Hause, aber schnell! Beim Duschen bekam ich mein kleines Shampoo nicht auf. Mit Hilfe der Zähne schaffte ich es, musste danach aber – „pt-pt-pt-pt“ – eine Menge kleine goldfarbene Plastikstückchen ausspucken.

Das Abtrocknen lief erstaunlich gut, keine besonderen Vorkommnisse. Allerdings fiel danach mein Deo auseinander, der Deckel rollte unter der Kabinentür hindurch und entfernte sich leise klimpernd von mir. Ich verzichtete darauf, nur in Unterbüx dem Teil hinterherzusprinten, und zog mich fertig an. Derweil hörte ich eine singende Dame draußen, ein Besen fuhr unter den Türen hindurch. Ein leises Klimpern erzählte mir, dass mein Deodeckel gerade aufgefegt und entsorgt wurde. Naja, Deckel sind ohnehin überbewertet.

Ich fuhr heim, angenehm müde und unangenehm hungrig. In meinem Kühlschrank wartete ein adeliges Essen auf mich – Auflauf von Gestern. Den schob ich in den Ofen und rief bei meiner Mutter an. Wir hielten einen netten Schwatz und ich gab dem Essen ausreichend Zeit, zumindest oben schön anzubrennen. Es war noch essbar, aber ich hatte schon Besseres. Nach diesem erneuten Misserfolg beschloss ich, mich heute nicht mehr vom Sofa zu rühren und nichts mehr anzufassen, was kaputt gehen könnte. Ich griff mir also die Fernbedienung und mein Strickzeug. Ein bisschen fernsehen und an Mütterkens neuer Strickjacke arbeiten, dabei konnte doch eigentlich nichts passieren.

Hier aber irrte ich. Denn nachdem ich ein Weilchen völlig uninteressanten Wintersport geguckt hatte, schaltete ich müßig ein wenig herum und fand – das Grauen! Und es fand mich!

Schafe

Ostsee-Lämmes

Kennt ihr das, wenn man irgendwo etwas Fieses sieht und einfach nicht in der Lage ist, wegzugucken? Manchen Leuten passiert das auf der Autobahn, vor lauter Faszination, der von einem brennenden Wagen ausgeht, fahren sie selber in die Leitplanke. Oder man denkt sich: „Nicht Hingucken, bloß nicht Hingucken!“, wenn man eine besonders hässliche Leggins an einem besonders ausladenden Hintern sieht, kann den Blick aber nicht abwenden. Und auch wenn man gewarnt ist und weiß, was passieren kann, muss man gucken – ungeachtet aller Konsequenzen.

Meinen Horror des Tages fand ich heute auf RTL: „Bauer sucht Frau – die drei Hochzeiten.“ Es fing gerade an, als ich zappte, und eigentlich wollte ich gleich wegschalten. Schließlich war Kollege Christian kürzlich der Fernseher implodiert, als er diese Sendung guckte. Aber ich konnte es nicht lassen! Die geplante Hochzeit dreier Paare ließ mich ungläubig gaffend in die Handarbeits-Leitplanke fahren, das heißt, ich versaute das Muster und strickte einen Schlamassel in beere und schwarz. Schuld daran waren Anna und Lämmes. Ja, wirklich, Lämmes. Ein ausgewachsener Mann, „Schafbauer“, über 40 Jahre alt und Lämmes genannt. Immer, während der ganzen Sendung. Das er eigentlich den schönen Namen Martin trägt, erfuhr man erst bei der Hochzeitszeremonie, als ohnehin schon alle heulten. Der Pastor stand wohl nicht so auf Spitznamen.

Außerdem traten hin und wieder noch zwei weitere Paare auf, deren Namen ich vergessen habe. Aber der eine war Schweinebauer. Klingt auch nicht so charmant, aber immerhin wurde der nicht Ferkels genannt. Ich glaube, der heiratet in der nächsten Folge, vielleicht gucke ich da mal rein. Es ist doch zum Heulen!

6 Kommentare zu “Tag des Grauens

  1. ja Meike, ich glaube wir allen kennen die Tages Grauens. Und auch die Faszinationen, die Augen nicht abwenden zu können 🙂
    Aber auch Schei… kann als guter Rosendünger herhalten. So geben mir solche Tage eine tolle Rückmeldung darauf, was ich innerlich ablehne. Da werden mir meine Werte auf dem Serviertablett gereicht: „Guck mal, diese Werte wurden gerade verletzt.“ Deshalb sagen diese Tage mehr über mich aus als über die Welt da draussen.

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