In unseren Adern

Zum 2. Advent gibt es von mir noch eine kleine Weihnachtsgeschichte. Diejenigen von euch, die die eWriters Weihnachtspost schon gelesen haben, kennen sie allerdings schon: Es ist die Geschichte von Inge, die einfach mal einen eigenen Weihnachtsbaum ohne Lametta haben möchte.

In unseren Adern

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Weihnachtsmann mit Laterne an Blautanne

Es war Weihnachten – wieder einmal. Dieses Mal war es jedoch anders als all die anderen Jahre: Es war schön, entspannt, harmonisch. Inge saß im Kreis ihrer Lieben, hörte einfach nur den Gesprächen zu und genoss den Unterschied. So also konnte Weihnachten sein, das Fest der Liebe, des Gänsebratens und der Familiendramen.

Doch was machte es so anders dieses Jahr? Es war im Grunde einfach: Inge hatte „Gar nicht“ gesagt, als ihre Schwester sie gefragt hatte, für wie lange sie denn dieses Jahr zum Fest nach Hause kommen würde.

‚Nach Hause‘ – ein komischer Begriff. Seit fast zwanzig Jahren war sie in Frankfurt zuhause. Das Dorf, in dem sie aufgewachsen war, war für sie nichts anderes als eine ferne Erinnerung an Kindheit, Schule und Erwartungen. Die Schwestern waren dort geblieben, sie aber hatte immer fort gewollt.

Und nun war also wieder Weihnachten. Sie hatte sich auf keine Diskussion eingelassen, war beim ‚Nein‘ geblieben und nicht ‚nach Hause‘ gefahren. Endlich einmal. Und so feierte sie den Heiligen Abend dieses Jahr nicht inmitten ihrer Verwandten, sondern mit Freunden.

„Es fließt das gleiche Blut in unseren Adern!“ Diese sonderbare Feststellung hatte Inge ihr Leben lang begleitet. Sie hörte sie als Kind, als sie die Mutter fragte, warum die ihren Bruder immer zu allen Festen einlud. ‚Onkel Geldsack‘, wie Inge und ihre Schwestern ihn heimlich nannten, war nämlich ein unangenehmer Geselle, den keiner mochte. Anscheinend nicht mal er selber.

Inge hörte solche Weisheiten auch, als sie sich mit 22 Jahren dazu entschied, sich von ihrem langweiligen Freund zu trennen. Sie wollte fortziehen, um woanders eine gute Stelle anzunehmen. Mutter war entsetzt: „Blut ist dicker als Wasser! Nur eine Familie ist in der Not für dich da. Heirate Peter. Schließlich willst du Kinder haben. Denk dran, Mädchen: Du wirst nicht jünger!“ Die Mutter hatte recht und unrecht zugleich: Inge wollte keine Kinder, aber sie wurde tatsächlich nicht jünger. 46 war sie jetzt und seit drei Jahren elternlos. Eine Waisenfrau, wenn es so etwas gab. Mit dem Tod der Mutter entschwand auch Onkel Geldsack aus ihrem Gesichtsfeld.

Inge kuschelte sich in ihre Sofaecke und lächelte in sich hinein. Heute hatte sie ihren ersten eigenen Weihnachtsbaum gekauft. Ein bisschen schief stand er auf seinem nagelneuen Fuß, trotz der etwas unbeholfenen Hilfe der beiden schwulen Opis von unten, die ihr beim Aufstellen zur Hand gegangen waren. Aber er war schön geschmückt, in warmen dunklen Farben und ohne Lametta. Inge mochte kein Lametta. Sie hatte erst in die Wechseljahre kommen müssen, bis sie endlich ein Weihnachtsfest ohne Lametta haben durfte. Aber mit Gans und Rotkohl – morgen, bei ihrer besten Freundin Monika. Denn heute hatte sie es sich leicht gemacht, ihre Gäste mit Kartoffelsalat und Würstchen bewirtet und damit offensichtlich den Geschmack aller getroffen. Zumindest sahen sie satt und zufrieden aus.

Gerade öffnete Helmut eine neue Flasche Rotwein. Er bediente sich ungeniert aus dem bereit stehenden Flaschenkorb und fand mit sicherem Griff den Korkenzieher. Genau wie Monika bewegte er sich in Inges Wohnung so selbstverständlich wie in seiner eigenen. Er fühlte sich bei ihr so zuhause wie sie sich bei ihm. Helmut war ihre letzte Affäre, aus der sich eine wunderbare Freundschaft entwickelt hatte. Auch mit Johanna, der Kollegin, die mit am Tisch saß, verband sie langjährige Zuneigung. Und dann waren noch Olaf und Ulrike da, die Nachbarn von gegenüber, die seit einigen Jahren diese Runde komplettierten. Sie waren ein eingespieltes Team, hatten allesamt keine Kinder und feierten seit einiger Zeit ihre Feste miteinander. Alle, bis auf Inge. Die war ja bis vor kurzem immer „zuhause“ gewesen. Zunächst wegen Mutter. Dann, weil es immer so gewesen war.

Sie ließ sich ihr Glas füllen und lachte über einen dummen Spruch von Olaf. Im nächsten Moment erschraken sie alle: Inges windschiefes kleines Weihnachtsbäumchen fiel mit einem satten Klatschen auf die Nase. Verblüfftes Schweigen, dann Gelächter aus sechs Kehlen. Denn natürlich hatten die Freunde Inge mit der Schlagseite ihres Baumes aufgezogen. Die beiden Männer hatten sich vor dem Essen sachkundig um Abhilfe bemüht. Mit Werkzeug und viel Muskelkraft, engagiert und erfolglos.

Alle griffen mit zu, um das Malheur zu beseitigen: Olaf und Ulrike hoben den Baum vom Boden auf, Monika fand den Besen und die anderen hängten wieder auf, was an Schmuck noch heil geblieben war. „Hätteste mal Lametta genommen“, ulkte Helmut, und Inge streckte ihm die Zunge heraus. Kindisch, aber heute fühlte sie sich jünger als an allen Weihnachtsfesten der letzten Jahre.  Sie alberten herum und hätten fast die Klingel überhört. Die beiden Opis von unten standen vor der Tür. „Ist er umgefallen?“ fragte der ältere von den beiden. Er klang so bekümmert, dass Inge ganz gerührt war. „Ja, aber es ist nichts passiert. Er steht schon wieder. Wollen Sie nicht reinkommen?“ Die beiden zögerten nur kurz, stießen dann zur Runde dazu.

Durch die beiden neuen Gäste bekam der Abend noch mehr Schwung. Die alten Herren waren gute Erzähler und wirkten im Gespräch viel jünger, als sie waren. Man ging zum „Du“ über – Friedrich und Paul hießen sie. Und zur Feier der neuen Freundschaft schlich Paul hinunter und holte ein paar Flaschen Zwetschenbrand zum Anstoßen. „Den macht er selber“, verriet Friedrich mit sichtbarem Stolz. „Er hat eine kleine Brennerei in unserer Laube!“ Große Bewunderung, liebevolle Blicke zwischen den beiden Alten. Inge fühlte ein warmes Gefühl im Leib, was nicht nur von Pauls Feuerwasser kam. Sie fühlte sich so unglaublich wohl. Und während sie an ihrem dritten Glas Schnaps schnüffelte, wurde ihr wieder einmal klar, dass sie mit diesen Leuten deutlich mehr gemein hatte als mit ihrer Familie. Blut hin oder her.

Inge lehnte sich zurück und nippte an ihrem Glas. Sie wusste schon, wie das in dieser Nacht enden würde: Morgen würde sie einen fürchterlichen Kater haben. Aber das störte sie nicht. Es war Weihnachten,  alles war schön. Und Mutter hatte tatsächlich recht gehabt: Es schaffte Geborgenheit, wenn man das Gleiche in den Adern hatte. Auch wenn es nur Pflaumenschnaps war.

4 Kommentare zu “In unseren Adern

  1. Das ist ja eine schöne Geschichte! So wahr… wir haben grad eben ein Essen mit lieben Freunden beendet – wir empfinden das Zusammensein mit ihnen immer als echtes Geschenk! Gern gelesen, liebe Meike! Ich freu mich schon auf mehr… 🙂

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