Strom?

Es gibt so Dinge, ohne die kann ich nicht sein. Ordentliche Sanitäranlagen gehören für mich dazu, und Strom. Mit beidem ist es manchmal schwierig.

Strom, oder kein Strom? Das ist hier die Frage!

LaterneEs ist wirklich merkwürdig: Kaum läuft man einmal schon am frühen Abend in einem ausgeleierten Schlafanzug herum und sieht aus wie der letzte Mensch, klingeln die hübschen Kerle an der Türe Sturm. Wirklich zum Mäusemelken. Wenigstens empfand ich das am letzten Dienstag so, als es gegen 19:30 bei mir läutete. Es war das Klingelsignal, dass ich mit meiner Lieblinsnachbarin vereinbart habe – zweimal nacheinander mittellang bimmeln. Ich öffnete also in meinem ollen roten Bademantel und stand verblüfft dem Mann gegenüber, der rechts von mir wohnt. Der war allerdings so verwirrt, dass er meinen unvorteilhaften Aufzug nicht bemerkte:

„Haben Sie Strom?“, wollte er wissen und ich bejahte. Er hatte keinen und fand das nicht lustig. Und ich, die ich eine gewisse Erfahrung mit stromlosen Zuständen habe, empfahl ihm, doch einmal mit unserer Hausmeisterin in den Keller zu gehen und zu gucken, ob unser lieber Energieversorger, die Frankfurter Mainova, ihm nicht zufällig den Saft abgereht habe.

„Warum sollten die das denn tun?“ wollte er wissen, ganz Vernunft und Unglaube.  Ich zuckte nur mit den Schultern. Ja, warum? Ich feixte ein bisschen vor mich hin. Nicht, dass ich irgendeinen Grund gehabt hätte, dem netten Nachbar etwas Schlechtes zu wünschen. Aber der Gedanke, dass er vielleicht auch zu dösig gewesen sein könnte, sich ordnungsgemäß bei der Mainova anzumelden, verschaffte mir irgendwie Erleichterung. Hatte ich doch schon seit fast einem Jahr das Gefühl, der einzige Trottel der deutschen Energiewirtschaft zu sein.

Mein Verhältnis zu Stromversorgern war jahrelang völlig unbelastet. Genau genommen solange, bis irgendwann im Jahr 2004 – oder vielleicht war es auch schon 2005 – mein Konto von einem von ihnen leergeräumt wurde. Damals waren es die Stadtwerke München, die sich bei mir bedienten, weil sich der Mensch, der nach mir die kleine Mansardenwohnung in Eching gemietet hatte, nicht ordnungsgemäß angemeldet hatte. Nach anderthalb, vielleicht auch zwei Jahren fiel das auf, der Stromzechpreller war inzwischen schon wieder verzogen und man zog die Energiekosten für anderthalb Jahre kurzerhand bei mir ein. Schließlich sei es meine Pflicht, dafür zu sorgen, dass mein Nachmieter sich anmeldet. Alternativ solle ich den Herrn aufspüren und den Stadtwerken seine neue Adresse mitteilen. Hä?

Nun bin ich nicht schüchtern und nach einem freundlichen Telefonat, mehreren vernünftigen Emails und einem abschließenden, sehr energischen und vor allem lauten Gespräch wurde das Geld zurückgegeben und man entschuldigte sich. Trotzdem bin ich seitdem etwas sensibel, was Stromversorger angeht, und nehme die Sache sehr genau.

So merkte ich im letzten Jahr auch, dass nach meinem Umzug im Frühjahr gar kein Stromkosten-Abschlag für die neue Wohnung abgebucht wurde. Ich besprach die Sache mit meiner Kollegin und beschloss, mich darum zu kümmern. Nun, es war zu spät. An genau diesem Abend kam ich heim und fand die Wohnung dunkel vor. Überall, sogar im Kühlschrank. Ich suchte nach einer Taschenlampe und fand keine. Komisch, dabei habe ich mindestens drei Stück. Statt dessen fand ich Streichhölzer und eine Kerze, die in einer sonst sinnlosen Dekolaterne steckte. So ausgerüstet tapste ich wie ein Wichtelmännchen durch die stockdunkle Bude und spähte nachdenklich in den Sicherungskasten. Nein, wenn mich meine wenigen technischen Kenntnisse nicht im Stick ließen, war hier alles in Ordnung. Also runter zur Hausmeisterin. Das ist eine Nette. Das half allerdings auch nicht so recht.

Im Keller stellten wir fest, dass mein Stromzähler irgendwie verdächtig aussah: Einfach anders als die meisten anderen. Sollte der Strom abgestellt worden sein – einfach so, ohne Benachrichtigung, ohne Zettelchen am Zähler: „Wir haben Sie abgeklemmt, bitte rufen Sie uns an!“ Unwahrscheinlich, oder nicht? Die Hausmeisterin konnte mit der Nummer des Mainova-Notdienstes aushelfen, wo man mir freundlich mitteilte, dass man den Strom abgestellt habe, weil die Wohnung nicht bewohnt sei. Ach was?

Um zu beweisen, dass die Wohnung doch bewohnt war, und zwar von mir, sollte ich am nächsten Tag vorsprechen und diverse Unterlagen mitbringen. Ich wichtelte also wieder im Kerzenschein durch meine Wohnung und suchte die Sachen zusammen. Gar nicht so einfach – wie haben die das nur gemacht früher, als ganze Bücher im Kerzenschein geschrieben wurden? Von der Gobelinstickerei ganz zu schweigen … Konnten die im Mittelalter besser gucken? Ich tat mich auf jeden Fall schwer.

Leichter fand ich es, die stromlose Nacht zu überstehen. In meinem Kühlschrank ist ohnehin nie viel drin, sodass ich das wenige, was dort stromlos warm wurde, aufessen und so den Kollateralschaden in Grenzen halten konnte. Ich hörte noch ein wenig Musik, bis der MP3-Player aufgab, ging dann schlafen und ließ über Nacht das Laternchen brennen – das hatte so etwas Tröstliches. Und ich ertappte mich dabei, dass ich es am Morgen recht heimelig fand, im Kerzenschein zu duschen.

Weniger angenehm fand ich es am nächsten Tag, im Mainova-Pavillon zu erscheinen und dort zu klären, warum und wieso ich denn nun keinen Strom hatte. Weniger, weil es ein echtes Problem gegeben hätte oder der Mitarbeiter etwa unfreundlich gewesen wäre. Nein, es schockte mich vielmehr, dass jeder dort alles mitbekam – es gab nicht den Hauch von Privatsphäre. Ein Wachdienst an der Tür – vielleicht werden Leute ausfällig oder aggressiv, wenn man sie ohne Aussicht auf Strom wieder heimschickt? Und drinnen ist es völlig offen: Wartezone und fünf oder sechs Bearbeiterplätze, alles in einem Raum.

Folglich konnte jedermann mithören, dass es bei mir wohl irgendein Durcheinander gegeben hatte, sodass ich für die alte Wohnung zwar abgemeldet, für die neue aber nicht angemeldet war. Das ließ sich beheben, am Nachmittag würde die Sache wieder laufen. Zur Sicherheit noch die fast rhetorische Frage des Sachbearbeiters: „Können Sie die angefallenen Kosten denn zahlen?“ „Ja, klar.“ Alles gut – zumindest bei mir. Aber während ich da saß, hörte ich zwangsläufig, wie ein Mann versuchte, für sich eine Ratenzahlung herauszuhandeln, um wieder Licht in die novemberdunkle Wohnung zu bekommen. Ein anderer fragte verzweifelt, an welches Amt er sich denn noch wenden könne – das Geld reiche hinten und vorne nicht für die elektrische Heizung, und der Winter hatte ja noch nicht mal richtig angefangen. Ich fühlte mich unangenehm privilegiert, mit warmer Bude, festem Job und ausreichend Geld auf dem Konto. Es war mir peinlich, das mit anhören zu müssen, denn das ging mich alles nichts an. Und ich frage mich heute noch, ob man das nicht anders lösen könnte.

Ich verließ den Pavillon mit der Zusage, dass ich am Abend beim Heimkommen wieder Strom haben würde. Außerdem gab man mir das Gefühl mit, ein kompletter Versager zu sein, weil es mir nicht gelungen war, mich richtig bei meinem Stromversorger anzumelden. Denn das der Fehler bei mir lag, galt als gesetzt – wo sollte er denn sonst liegen? Das versuchte man mir auch einige Wochen später einzureden, als ich mich weigerte, Stromabrechnungen aus dem Jahr 2011 zu bezahlen – denn ich hatte die Wohnung erst in 2012 bezogen. Auch hier gab ich mich hartleibig und wurde irgendwann laut – komisch, dass mir friedlichem Menschen das immer wieder passiert. Muss an meiner Uneinsichtigkeit liegen. Aber ich sah es halt nicht ein, 700 Euro für eine mir unbekannte Familie zu übernehmen. Irgendwann musste auch die Sachbearbeiterin der Mainova den Fehler eingestehen und stornierte die Rechnungen. Trotzdem berechnete man mir vorsichtshalber 100 Euro Abschlag im Monat – sicher ist sicher.

Inzwischen hat sich das ja alles wieder eingespielt mit mir und der Mainova. Mein monatlicher Abschlag beträgt inzwischen wieder die gewohnten 36 Euro, ich werde täglich erleuchtet und muss den Toast nicht mehr über der Kerze rösten. Nur dieses schlechte Gefühl, versagt zu haben, trage ich noch immer in mir. Da hilft es mir auch nichts, dass ich erfahren habe, dass ich nicht die Einzige war, der an diesem Tag in unserem Haus der Strom abgestellt wurde. Es traf auch zwei Familien, die schon länger dort wohnen und nicht mal begriffen, weshalb es in ihren kleinen Einliegerwohnungen dunkel blieb. Beide riefen den Elektriker, der sich nicht schlecht gewundert haben dürfte. Immerhin das ist mir erspart geblieben.

Und nun also mein adretter Nachbar. Er klingelte an jenem Abend noch einmal bei mir – offenbar konnte er von meinem Anblick im Bademantel gar nicht genug kriegen. Ich hatte recht gehabt, auch sein Zähler war abgeschaltet worden. Warum, weiß wohl nur die Mainova. Ich jedenfalls versuchte, mich als gute Nachbarin zu zeigen und bot dem frustrierten Mann großzügig meine Wichtellaterne an. Doch er lehnte ab und wollte lieber bei einem Freund schlafen als in seiner finsteren Wohnung. Das brachte mich zum Nachdenken – Mann oder Memme? Duschen bei Kerzenschein – der arme Kerl weiß gar nicht, was ihm entgangen ist!

2 Kommentare zu “Strom?

  1. Ich kenne da jemanden, der ist für die Stromsperrungen in einer Stadt in der Nähe Frankfurts zuständig. Es sind nicht alle gesperrten Kunden zahlungsfähig und auch nicht alle zahlungswillig (aber trotzdem zahlungsfähig). Die Security ist schon notwendig. Morddrohungen gegen die Obersperrerin hat’s schon gegeben. Von jemanden, der dann ein dickes Bündel Bares zückte als die Drohung für ihn keine positive Wirkung zeigte. Und die, die zu Unrecht ohne Licht dasitzen sind glücklicherweise in der Minderzahl und nicht immer erkennt jemand beim Versorger, dass dort auch Fehler passieren.

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