Untot unterwegs

Untote sind furchtbar in: Vampire, Zombies und Halbwesen jedweder Form begegnen uns in Büchern und Filmen und, zu allem Übel, Ende Oktober auch auf der Straße. Dem wollte ich nicht nachstehen und entschied mich in meinem Frankfurter Schreibworkshop dazu, mich auch einmal an diesem Thema zu versuchen. Die Fragestellung lautete damals ganz allgemein „Was wäre, wenn…?“, und das ist, ganz nebenbei bemerkt, meine Lieblingsfrage. Denn kein Ding ist zu absurd, als dass es nicht einmal hinterfragt werden könnte.

Was wäre, wenn Herrn Petersen sein Ableben entgangen wäre?

weiße TulpenHerr Petersen fuhr mit der Straßenbahn aus dem Vorort in die Innenstadt. Er hatte einiges vor an diesem Tag: Er musste zum Arzt und zur Bank, hatte eine Reklamation für das Sanitätshaus und wollte ein wenig einkaufen. Zuerst zum Sanitätshaus. Er betrat den Laden und grüßt die Frau hinter dem Ladentisch. Sie lächelte ihn an und grüßte zurück. „Hallo, Herr Petersen. Was kann ich für Sie tun?“ „Guten Morgen, Frau Semmelweis!“ Sie kannten einander schon etliche Jahre, denn sie hatte schon seine Frau bei der Wahl eines Rollators beraten. Nun legte Petersen das Blutdruckmessgerät auf den Tisch, das ihm seit Samstag einfach grundlos den Dienst verweigerte. „Oh, das werden die Batterien sein“, vermutete Frau Semmelweis und er schüttelte den Kopf. „Die habe ich schon ausgetauscht.“ „Oh?“ Sie war überrascht. „Eigentlich sind diese Geräte zuverlässig. Nun, ich gebe es kurz mal einem unserer Techniker, vielleicht findet er den Fehler. Wollen Sie sich vielleicht derweil etwas setzen? Sie sind ein wenig blass heute.“ Sie wies auf eine kleine Sitzgruppe aus zwei Stühlen und einem Tisch und Petersen nahm dankbar Platz. Es stand sich wirklich nicht mehr so bequem, wenn man ein gewisses Alter erreicht hatte. Obwohl der heutige Tag ein Guter war: Weder schmerzten seine arthritischen Knie noch die Hammerzehe, die ihm seit vielen Jahren Probleme bereitete. Und auch der Rücken fühlte sich recht geschmeidig an.

Frau Semmelweis kam aus dem Hinterzimmer zurück und bediente eine dickliche Dame, die ein Nackenkissen erwerben wollte. Zwischendurch lächelte sie immer mal zu Petersen herüber und der lächelte zurück. Unwillkürlich zupft er seinen Schal und den Hut zurecht und setzt sich gerade hin. Das war schon eine Nette, die Frau Semmelweis. Wäre er nur so 30, 40 Jahre jünger gewesen, er hätte sie sich einmal näher angesehen.

Aus dem Hinterzimmer kam ein jüngerer, hemdsärmlich wirkender Mann herein. „Das Ding ist völlig in Ordnung!“ sagte er und legte Petersens Messgerät wieder auf den Tisch. „Wahrscheinlich bedient der Mann es falsch.“ Petersen fühlte sich in seiner Ehre gekränkt. Er rappelte sich hoch und ging zum Ladentisch. „Ganz bestimmt nicht, junger Mann! Außerdem kann man mit dem Ding gar nichts falsch machen, das ist idiotensicher. Wollen Sie mich als Idioten bezeichnen?“ Der Mann sah etwas betreten aus. „Nein, natürlich nicht. Aber das Gerät ist wirklich in Ordnung. Wollen wir es vielleicht zusammen noch mal versuchen?“ Petersen schnaubte verächtlich. Er hielt dem Techniker seinen dünnen, bleichen Arm hin und schob den Mantel hoch. „Hier ist mein Arm. Zeigen Sie mir, wie man das macht.“ Der junge Mann sah verunsichert zu Frau Semmelweis, die ihm aufmunternd zunickte. Er wickelte die Manschette um Petersens Arm und drückte auf „Start“. Das Gerät pumpte ein wenig, hörte dann auf und zeigte „Error“. „Nanu?“ wunderte sich der Techniker. „Sag‘ ich doch“, trumpfte Petersen ein bisschen auf. „Das ist ja merkwürdig!“ Der junge Mann maß seinen eigenen Blutdruck – 140 zu 95.  „Das ist zu hoch!“ verkündete die Dame, die eigentlich das Nackenkissen kaufen wollte. Der Techniker sah nicht so aus, als ob er das wissen wollte. Er versuchte es nochmals bei Petersen – ohne Erfolg. „Vielleicht ist Ihr Arm zu schmal“, mutmaßte er. „Wir probieren mal ein anderes Gerät.“ Er suchte in den Regalen herum, Frau Semmelweis kam zur Hilfe. „Probieren wir einmal dieses hier, Herr Petersen!“ Sie griff nach dem Arm ihres Kunden, um die Manschette – eine rote dieses Mal – anzulegen. „Sie sind aber auch kalt, Herr Petersen – sind Sie warm genug angezogen?“ Kalt? Petersen war nicht kalt, ihm war ausgesprochen wohl zumute. Aber das schrille Piepen, das das neue Blutdruckmessgerät von sich gibt, empfand er als störend. „Muss das so klingen?“ fragte er und sah in drei nachdenkliche Gesichter. Er schielte auf das Gerät: „Null“ stand auf dem Display. „Darf ich mal?“ fragte die füllige Nackenkissen-Frau. Sie fingerte an seinem Arm nach dem Puls. Nach kurzer Zeit schüttelte sie den Kopf und begann, seinen Schal zu lockern. „He!“, protestierte Petersen, doch die Dame bat ihn mit einer Geste zu schweigen. Also hielt er den Mund und ließ sie auch seinen Hals befummeln. „Kein Puls“, flüsterte sie irgendwann und fügte hinzu: „Er ist auch eiskalt!“ Petersen fand, dass sie dabei ausgesprochen dämlich guckte.

Es folgte eine Minute des Schweigens. Die dicke Frau hielt noch immer Petersens Hals, Frau Semmelweis nahm seine Hand. Der Techniker schnüffelte. „Er riecht auch ein wenig streng!“ „Ja, das ist mir auch schon aufgefallen“, flüsterte Frau Semmelweis und Petersen wurde es zu dumm. „Was wollen Sie mir mit diesem Getue denn sagen? Meinen Sie, dass ich tot bin und das nicht gemerkt habe?“ Wieder dieser komische Ausdruck in den drei Gesichtern – wie die Schafe. „Es sieht so aus“, meinte der junge Techniker schließlich.“Sie sind bleich, kalt, haben weder Blutdruck noch Puls und riechen modrig – das alles deutet auf Ihren Tod hin.“ Die Damen sahen verlegen aus, aber Petersen blieb ruhig. Es war schließlich nichts Besonderes, wenn ein 92-jähriger seinen letzten Schnaufer tat. Allerdings hatte er immer friedlich in seinem Bett sterben und nicht in totem Zustand in der Innenstadt herumlaufen wollen. Er war ratlos. „Was schlagen Sie vor?“ fragte er und sah die anderen fragend an. Die waren genauso ahnungslos. „Vielleicht sollten Sie sich erst mal hinlegen?“ Hinlegen, ja, das klang gut. Vielleicht würde das diesen unheimlichen Zustand beenden. Petersen ließ sich also von Frau Semmelweis zu einer Liege in den Nebenraum bugsieren. „Und nun?“ fragte er. „Entspannen Sie sich!“ empfahl die Frau, die immer noch kein Nackenkissen ausgesucht hatte. Petersen versuchte es: Er schloss die Augen, entspannte sich und wartete, dass etwas passierte.

Es vergingen einige Minuten. „Er atmet nicht mehr!“,  flüsterte eine männliche Stimme. „Er hat die ganze Zeit nicht geatmet“, meinte eine weibliche – es war die von Frau Semmelweis. Um zu verhindern, dass er versehentlich für endgültig tot erklärt wurde, machte Petersen ein Auge wieder auf – sehr zum Entsetzen der drei Zuschauer, die mit ihren Köpfen dicht an sein Gesicht herangekommen waren und nun zurückschreckten. Der Techniker stieß sich dabei den Kopf an einem Regal. „Aua, so’n Mist!“ schimpfte er und hielt sich den Hinterkopf. „Entschuldigung!“ nuschelte Petersen. Ihm war das Ganze entsetzlich peinlich. „Vielleicht können Sie mich einen Moment allein lassen?“ Frau Semmelweis kämpfte mit den Tränen: „Aber Sie können doch nicht ganz alleine sterben…“ Petersen zuckte die Schultern, was im Liegen gar nicht so einfach war. „Wenn ich das richtig sehe, bin ich schon seit Samstag tot. Darauf kommt es also nicht mehr an. Aber ich will einmal versuchen, zur Ruhe zu kommen, das kann ich nicht, wenn Sie drei mich anstarren. Vielleicht könnten Sie, Frau Semmelweis, mir eine Tasse Tee machen? Der beruhigt mich immer unheimlich. Und Sie“, er wies mit seinem dünnen Finger auf die dicke Frau, „Sie wollten doch ein Nackenkissen kaufen. Tun Sie das bitte, der junge Mann kann Ihnen dabei zur Hand gehen. Machen Sie weiter wie geplant – ich konzentriere mich derweil auf’s Sterben.“ Er schloss die Augen wieder und versuchte, an nichts zu denken. Natürlich klappte das nicht: Er dachte an seine Kinder, die inzwischen auch schon alt waren, an seine Enkel und die drei Urenkel. Und er dachte an Erna, seine Frau. Wie war es, als sie gestorben war? Sie war eines Morgens einfach nicht mehr da gewesen. Wohin war sie gegangen? Er hatte es nie ergründen können.

„Ich bin hier!“ hörte er Erna plötzlich sagen. Er öffnete die Augen und sah sie an seiner Liege sitzen. Aber nicht die Erna, die ihn verlassen hatte, die mit den geschwollenen Beinen und dem Rollator. Nein, es war eine junge, bezaubernd hübsche Erna, die dort saß und ihn verschwörerisch anzwinkerte. Petersen zwinkerte zurück, richtete sich auf, ordnete seine Kleider und setzte seinen Hut wieder auf. Er griff nach Ernas Hand und gemeinsam verschwanden sie durch die Wand. Draußen führte die kluge Erna ihren Mann direkt vor einen fahrenden Bus. Das löste ihn endgültig von seinem müden Körper. „Dass du aber auch immer eine Sonderbehandlung brauchst, mein Lieber!“ sagte sie und er grinste.

Den Tee, den Frau Semmelweis Minuten später brachte, brauchte Petersen nicht mehr. Sie teilte ihn mit der Nackenkissenfrau und dem Techniker.

5 Kommentare zu “Untot unterwegs

  1. Liebe Maike,
    das ist jetzt aber eine sehr ungewöhnliche Geschichte von dir….. Also ich mag keine Vampire usw. noch in Büchern, Filmen und schon gar nicht die, die Ende des Monats mal wieder von Haus zu Haus ziehen. Und wenn ich mir dann überlege, dass diese Kinder es auch noch witzig finden………….naja!!!
    Die Frage „was wäre wenn“ finde ich zwar sehr gut, allerdings möchte ich sie mir in diesem Zusammenhang eigentlich gar nicht stellen. Also ich arbeite im Einzelhandel, und wir verkaufen auch Blutdruckmessgeräte. Sollte jetzt dazu mal eine Reklamation kommen…….Maike dann fällt mit ganz sicher spontan deine Geschichte dazu ein.
    Ganz liebe Grüße

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  2. Hallo Meike,
    naja… man könnte es ja als „Service“ am Kunden sehen. Ich müßte dann nur noch drauf hoffen, dass dieser es genauso sieht, denn sonst hätte ich wahrscheinlich sofort die Kündigung auf dem Tisch. Aber dass du gerne dabei wärst, das kann ich mir sehr gut vorstellen….
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende
    Liebe Grüße

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  3. Uh, so morbid kennen wir diich gar nicht. Schreib lieber wieder über die echten Macken lebendiger Männer 🙂

    Was macht eigentlich der weiße Surfer so im Winter? Ist er in der Midlife-Crisis oder in Florida?

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    • Er fährt bevorzugt in die Wärme – ist ja nicht mehr der Jüngste, der gute Horst. 😉

      Keine Sorge, Irene, Gedanken über die echten Macken der Welt kommen bestimmt wieder. Aber manchmal muss man auch morbid sein, Und wenn es nur ist, um auszuprobieren, ob man das auch kann 😉

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