Heimat in Dosen

Nach meinem Kurzausflug in die Welt der Modeblogger gibt es heute einen genau so kurzen Trip in den Bereich der Kulinarik-Spezialisten: Denn dieses Mal geht es ums Essen. Nun ist Essen natürlich viel mehr als nur bloße Nahrungsaufnahme – es vermittelt Gefühle, weckt Erinnerungen. Gerade Gerichte aus der Kindheit. Aber keine Sorge, ich will niemanden mit Pfannkuchen, Milchreis oder Nutellabrot langweilen. Ich habe mir lediglich drei norddeutsche Klassiker ausgesucht, die ich alle sehr schätze. Birnen, Bohnen und Speck ist allerdings nicht dabei – diesen Graus darf gerne jemand anderes essen!

Heimat in Dosen

Dieser Tage habe ich mal wieder ganz toll gekocht. Natürlich nicht kompliziert, das liegt mir nicht. Und auch nicht frisch – das wird total überbewertet. Aber heimatlich, es hat geschmeckt wie bei Oma. Zumindest fast. Denn bei Oma gab es Mockturtle auch immer aus der Dose.

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Aufnahme: Mockturtle von Wilfried Wittkowsky, Wikipedia Commons

Ich bin niemand, der fern der norddeutschen Heimat fürchterlich unter Heimweh leiden würde. Aber ich bemerke doch, dass ich typische norddeutsche Gerichte, die es hier nicht oder nur schwer zu kaufen gibt, inzwischen anders esse als zuvor. Und teilweise auch lieber. Das kann natürlich auch daran liegen, dass sich „im Alter“ der Geschmack verändert. Ich glaube aber eher, dass es an den Heimatgefühlen liegt, die mit Labskaus, Grünkohl und Mockturtle verbunden sind. Von Weizenkorn und Bullenschluck natürlich ganz zu schweigen. Und Fischbrötchen, natürlich …

Aber wovon rede ich hier eigentlich? Für den unbedarften nicht-nordddeutschen Leser hier einige Erläuterungen:

Genau genommen ist eine Mockturtlesuppe eine ziemlich furchtbare Angelegenheit: Einst erfunden als billiger Ersatz für Schildkrötensuppe, sieht sie aus wie eine zu dick geratene Bratensoße mit Kleinfleisch, Brätbällen und Pilzen drin. Und so schmeckt sie auch. In meiner Kindheit gab es die Suppe immer zu Familienfeiern, mit diagonal halbiertem Toastbrot dazu. Mal zum Sattessen, mal als Vorsuppe, bevor es Würste und Kartoffelsalat gab. Oder eben bei Oma, mit extra Champignons drin als Soße zu Makkaroni. Warum es unbedingt Makkaroni sein mussten, weiß ich nicht mehr, es war einfach so und machte jedes Mal eine herrliche Schweinerei. Heute koche ich kurze Nudeln dazu, denn ich müsste die Schweinerei selber wieder wegmachen. Die Suppe kaufe ich natürlich nicht in Frankfurt, denn dort gibt es Mockturtle nur in Feinkosttempeln zu absurden Preisen. Ich importiere immer mal wieder ein paar Dosen aus Niedersachsen.

Etwa einmal im Jahr habe ich auch das – manchmal etwas zweifelhafte – Vergnügen, in unserer Kantine mit dem niedersächsischen Nationalgericht Grünkohl versorgt zu werden. Das schmeckt zwar lange nicht so lecker wie bei Muttern und ist auch beinahe vegetarisch (weil ein kleines Mettende kein Ersatz für Kassler, Pinkel, Speck und Kochwurst ist), aber es ist besser als nix.

Grünkohlvergleich

Links: Kantinengrünkohl Frankfurter Art, eigene Aufnahme. Rechts: Norddeutsches Grünkohlgericht, Aufnahme Wilfried Wittkowsky, Wikipedia Commons.

Ordentlich mit Senf nachgewürzt kann man die hessische Grünkohl-Variante durchaus essen und spürt ein wenig eingebildeten Seewind um die Nase. Ein kaltes Körnchen danach wäre natürlich schön, aber das ist in unserer Kantine nicht drin.

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Aufnahme: Knipser5, pixelio.de

Was ich leider kaum einem Hessen nahe bringen kann, ist das alte Seefahrergericht Labskaus. Das sieht zugegebenermaßen auch nicht so schön aus. Und wenn man es aus der ebenfalls importierten Dose holt, zieht einem ein aromatischer Katzenfutterduft in die Nase. Trotzdem ist der Brei aus Kartoffeln, Fleisch, Zwiebeln und – je nach Rezept und Geschmack – allerlei Beiwerk einfach lecker und mit Sauergemüse, Spiegelei und Hering (Matjes, Bismarck oder Rollmops, ganz nach Gusto) nährstoffreich genug, um einen durch einen harten Winter zu bringen. Im nächsten Inselurlaub werde ich mir das gerne mal wieder gönnen.

Ich will aber nicht verschweigen, dass es auch in meiner Wahlheimat Frankfurt einiges gibt, das ich vermissen würde, sollte ich eines Tages zurück in meinen Norden ziehen. Ich müsste dann Apfelwein importieren (weil es da oben maximal den wässrigen Blauen Bock zu kaufen gibt) und mir ein Rezept für grüne Soße mitnehmen. Oder herausfinden, ob es die irgendwo in Dosen gibt.

3 Kommentare zu “Heimat in Dosen

  1. Ich lebe seit 16 Jahren im Bayern. Labskaus kennt man nicht, Mettenden kennt mein Metzger nicht. Ich habe ziemlich lange gebraucht um meine Partnerin von Mockturtle zu überzeugen („bitte lies nicht die Inhaltsangabe auf der Dose“). Aber einmal im Jahr muss ich meinen Grünkohl haben (importiert), Labskaus (importiert) und da meine Partnerin mittlerweile auch Mockturtle isst gibt es das des öfteren (meist nach dem Skifoarn) mit Nudeln (bei mit sind es Gabelspagetti).

    Ist das schlimm? Nein – ich stehe zu meiner „Fischkopp“-Vergangenheit. Die Fischköppe kommen vom Naturell sehr gut mit Bayern zurecht – auch wenn ich das „Pfiadi“ nicht aussprechen kann. Der Bayer akzeptiert aber auch, dass er an der Nordseeküste das „Moin“ bitte, bitte nicht anwenden soll – er kann es halt nicht und er wird auch die norddeutsche Kommunikation nicht verstehen, aber er wird sie respektieren, genauso, wie ich die bayrische Kommunikation respektiere (nein – ich schreibe jetzt nicht, wie ich das „Grüß Gott“ gelernt habe – das würde den Blog sprengen….)

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    • Wow, das ist mal ein Kommentar 🙂 Bei mir gibt es inzwischen recht regelmäßig Mockturtle mit Nudeln – denn man kann die Dosen jetzt im 3er-Set bei Amazon kaufen, genau wie meinen geliebten Thiele Silber. Aber ich muss gestehen, dass es inzwischen auch in Frankfurt Dinge gibt, die ich nie mehr missen möchte: sollte ich jemals hier wegziehen, müsste ich wohl Apfelwein und grüne Soße importieren. Handkäs‘ allerdings nicht … 🙂

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  2. So geht es mir mit dem (leichten) Weissbier (aus einer der letzten Privatbrauereien bei Rosenheim), der Leberkassemmel und den Weisswürsten (die frischen vom Metzger, nicht die vom Edeka o.ä.) andere Sachen würde ich nicht in den Norden exportieren (Saures Lüngerl).
    Aber die Biergartenkultur, die sollte man sich im Norden mal ansehen. Es gibt nichts schöneres als am Sonntag Nachmittag mit dem Radl (ich bin assimiliert) in den Biergarten zu fahren, eine Radlermass zu nehmen, dazu dann einen Obatzda mit einer frischen Bretze – das vermisse ich in anderen Bundesländern. Aber genauso vermisse ich ein zünftiges Besenwerfen mit anschliessendem Kohlessen.
    Ich glaube ich bin gespalten – ein Bayerniedersachs – oder so ähnlich.

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