Der Name der Sache

Jedes Ding hat einen Namen, logisch. „Ein Tisch ist ein Tisch“, diese hochphilosophische Erkenntnis von Peter Bichsel lasen wir irgendwann in der fünften oder sechsten Klasse. Dabei ging es eigentlich weniger um den Tisch an sich als vielmehr um die Sprache, und es gab daran auch nichts zu kritisieren. Ein Tisch ist ein Tisch, und das ist gut so.

Billy

Billy im Einsatz

Interessanter wird es, wenn Dinge Namen bekommen, die sie unterscheidbar machen und in das Gedächtnis der kaufbereiten Kunden bringen sollen. Wer kennt sie nicht: das Regalsystem Billy und seinen bunten Freund, den Couchtisch Lack? Nicht zu vergessen meinen heimlichen Liebling Moppe – genau so klein und niedlich, wie er klingt.

Die Modelle mit netten Namen zu versehen, ist natürlich auch bei Kleidung üblich: Ich trage gerne das Hosenmodell Moni und meine Schwester, die etwas kleiner geraten ist, kauft Moni-kurz. Das macht den Einkauf doch so viel einfacher, als wenn man der Verkäuferin die Artikelnummer 45789532b nennen muss. Eine Frage wie nach einer guten Freundin: „Ist Moni da?“ Meistens ist sie es, schließlich sind gute Freunde zur Stelle, wenn man sie braucht.

Ich frage mich aber immer, wer sich diese Namen wohl ausdenken mag. Und nach welchen Kriterien werden die Namen den Dingen zugeordnet? Am Wochenende blätterte ich in einem Schuhkatalog und überlegte, ob ich Melissa oder Vroni kaufen solle, und zwar in petrol oder chianti, und für den Winter vielleicht noch Marvine dazu. Marvine, was soll mir das sagen? Ein verflossenes Modell aus längst vergangenen Tagen? Nein, davon lasse ich doch lieber meine Finger – Marvine ist raus.

Bei den Herrenschuhen lächelten mich übrigens die Modelle Julius und Rüdiger an. Und Josy – für den eher femininen Mann mit Mut zum Klettverschluss. Aber bequem sah er aus, der Josy.

Ebenfalls liebevoll erdacht sind die Namen meiner liebsten Plastikbehälter, Sie wissen schon, dieses Zeug, das nur konspirativ in immer wechselnden Wohnzimmern verschoben wird. Für sie werden keine schnöden Namen aus dem Stammbuch verwendet, hier ist man fantasievoller, manchmal auch pragmatisch und nutzt beschreibende Namen: Die Peng-Schüssel hat sicher schon so manchen Hefeteig zum Platzen gebracht, die Klima-Oase hält Salat in der Wüste frisch und die Eidgenossen stehen in jeder Situation stapelbar zu- und aufeinander.

Richtig spannend wird es jedoch, wenn Gebrauchsgegenstände von ihren Besitzern ganz persönliche Namen bekommen. In einigen mir bekannten Familien trägt die Spülmaschine den Namen Minna. Das klingt nach einem typischen Namen für ein Küchenmädchen und bringt wahrscheinlich die versteckte Sehnsucht nach Hauspersonal zum Ausdruck – das Haus am Eaton-Place lässt grüßen.

Hortensie auf Juist

Wolfgangs großer Bruder

Und bei mir zuhause war es jahrelang üblich, Pflanzen, die man geschenkt bekommen hatte, nach dem edlen Spender zu benennen. So stand dann der Hibiskus Birgit neben der Topfgerbera Kerstin und der Hortensie Wolfgang. Letzterer kam bei mir übrigens nicht mit dem häufigen Wassermangel klar, so dass ich ihn – oder müsste ich bei einer Hortensie „sie“ sagen? – an meine Schwester weitergab. Bei ihr bekam Wolfgang einen schönen Platz im Garten und berappelte sich.

Inzwischen habe ich kaum noch Pflanzen und die drei Orchideen auf meinem Fensterbrett müssten eigentlich alle „REWE“ heißen. Daher verzichte ich auf die Benennung. Meine Schwester aber hatte zu Wolfgang lange Zeit ein herzliches und persönliches Verhältnis, weshalb sie mich von seinem Ableben unverzüglich informierte, was ich aber nicht begriff. Schließlich hatten wir damals auch einen sehr netten Nachbar mit Namen Wolfgang gehabt, der mir deutlich näher stand als meine alte Hortensie. Daher erschrak ich, als meine Schwester irgendwann im Winter bei mir anrief und trocken verkündete: „Wolfgang ist tot!“ In meinem Kopf ratterte es: Wolfgang – tot? War der überhaupt schon 60, oder jünger? Was war passiert? Ich fragte und sie antwortete. „Bei dem Sturm letztens ist ein Ast runtergekommen und hat ihn getroffen.“ Oh mein Gott, was für eine Tragik! Sie fuhr fort: „Hat ihn mitten durchgehauen. Jetzt werden wir ihn wohl entsorgen.“ Mitten durchgehauen, entsorgen? Meine Schwester ist nicht unbedingt eine große Poetin, aber dass sie so von der Beerdigung eines netten Nachbarn sprechen könnte, glaubte ich nun doch nicht.

Unter viel Gelächter klärte sich das Missverständnis damals auf und ich sehe seither davon ab, Gegenstände mit menschlichen Namen zu bedenken. Außer meinen alten Teddy natürlich. Der heißt Mäxchen und sitzt im Gästezimmer. Aber Teddys sind ja eigentlich auch keine Sachen.

7 Kommentare zu “Der Name der Sache

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