Traummann in Scherben

Diese Geschichte über die Tücke eines Schweins ist tatsächlich in Teilen autobiografisch: Die beschriebene Sicht auf die Partnerwahl ist tatsächlich die meine und das Schwein war von meiner Oma. Ob mein freundlicher Helfer damals allerdings Jochen hieß, weiß ich nicht – leider bin ich ihm weder vorher noch nachher jemals begegnet. Schade …

Traummann in Scherben

Eine der verzwicktesten Sachen im Leben ist sicherlich die Partnerwahl: Soll man überhaupt, oder lieber nicht? Und wenn ja, dann wen? Und wie kennenlernen?

Zu Schulzeiten war das ganz einfach: Wir Mädchen verknallten uns zuerst einmal in die älteren Mitschüler. So ein Abiturient erscheint einer Neuntklässlerin schließlich furchtbar männlich und deshalb begehrenswert. Dann gab es Zeiten, in denen der Freund nach dem wichtigsten Statussymbol ausgewählt wurde – dem Auto. Schließlich war ein fahrbarer Untersatz bei uns auf dem Land die Voraussetzung, wenn man einmal aus dem Kaff heraus und in die weite Welt wollte – nach Oldenburg oder so. Und zu den regelmäßig stattfindenden Landjugendpartys gelangte man mit dem Auto doch auch viel würdevoller, als wenn man mit dem Fahrrad dort hinstrampeln musste und völlig derangiert ankam. Deshalb also erhöhte ein eigenes Auto oder zumindest ein Moped die Bindungschancen der Dorfjungs ungemein.

Ich bin seit jeher eher kopfgesteuert und bin inzwischen ein großer Freund des Singlelebens. Das war allerdings nicht immer so. Ein paar Jahre lang, so mit Anfang 20, war ich auf der Suche nach einem passenden Lebenspartner und taxierte jeden Mann genau daraufhin, ob ich ihn mir alt und grau noch an meiner Seite vorstellen könnte. Die meisten fielen bei dieser Prüfung durch. Als ich mir jedoch einen ausgesucht hatte – Jochen, der aus dem fernen Hannover kam, Maschinenbau studierte und ein mehrmonatiges Praktikum in einer Firma bei uns im Ort absolvierte – kam mir die Tücke eines Schweins dazwischen. Aber von vorne…

Ich ging eigentlich noch nie richtig planvoll vor, wenn es um die Liebe ging. Oft genug wurde ich morgens mit einem fürchterlichen Brummschädel wach und fragte mich, ob es tatsächlich passiert war oder es sich um einen grotesken Traum gehandelt hatte. Meldete das Techtelmechtel vom Vorabend sich nicht, war ich meistens froh. Wollte ich jedoch, dass er anrief, tat er dies grundsätzlich nicht (und war wahrscheinlich froh, wenn er von mir nichts hörte). So ging ich mehr oder minder allein durchs Leben, umgeben von einer Clique guter Freunde und ständig ermahnt von meiner Mutter: “Sei bloß nicht zu wählerisch, sonst kriegst du keinen mehr ab!” Derartig aufgemuntert, probierte ich eine Reihe von Frisuren, nahm 20 Kilo ab und 30 wieder zu und war doch eigentlich recht zufrieden. Eben bis ich Jochen kennenlernte.

“Kennenlernen.” Dieses Wort ist eigentlich viel zu groß für das, was zwischen Jochen und mir passiert war. Ich traf ihn auf dem Polterabend einer Kollegin, die einen seiner Freunde heiraten wollte. Er gefiel mir sofort – warum auch immer. Zwar sah er leidlich gut aus, war aber von einem echten Beau meilenweit entfernt. Und gesprochen habe ich gar nicht mit ihm, einmal abgesehen von einem kurzen “Dürfte ich da mal eben durch?” Trotzdem fand ich ihn umwerfend – wahrscheinlich lag es an den mir damals noch völlig unbekannten Pheromonen. Ja, Sexuallockstoffe – das musste es sein! Bevor ich ihm jedoch auch nur einen einzigen sinnvollen Satz entgegenstottern konnte, entschwand er aus meinem Gesichtsfeld und ließ mich vier Wochen lang in Auflösung zurück. Danach setzte allmählich das Verblassen und Vergessen ein. Bis zu jenem Sommertag, an dem ich ihn wiedersah.

RestbeständeEs war Donnerstag, einer jener “langen Donnerstage” in den neunziger Jahren, an denen ausprobiert wurde, ob den Verbrauchern, vor allem aber den Verkäufern, sanft erweiterte Geschäftszeiten wohl schaden würden. Ich war allerdings nicht zum Einkaufen unterwegs, sondern um ein paar Bankgeschäfte zu erledigen, wenn auch in kleinem Stil: Überweisungen, Kontoauszüge holen, ein paar Mark auf das Sparbuch einzahlen. Und da sah ich ihn, meinen Jochen. Er stand im Vorraum der Sparkasse und druckte sich wohl ebenfalls Kontoauszüge aus. Ich war wie elektrisiert. Diese Gelegenheit musste ich nutzen! Rasch schloss ich mein Fahrrad ab, griff meinen Rucksack aus dem Fahrradkorb und ging entschlossenen Schrittes die wenigen Stufen zur Eingangstür hinauf. Das hieß, ich wollte es: Auf Stufe drei bemerkte ich, dass ich meinen alten Rucksack verkehrt herum trug, auf Stufe vier schien etwas zu rutschen und dann explodierte mein prall mit Münzgeld gefülltes Sparschwein auf Stufe fünf. Meine ersparten Taler spritzten in alle Richtungen. “Ach du Scheiße!” hörte ich eine Stimme über mir – Jochen auf Stufe sechs. Und anstatt diskret, vielleicht mit einem freundlichen Gruß und einem gut versteckten Grinsen, über die Reste der Sau sowie die herumkullernden Groschen und Pfennige hinwegzusteigen und mich die Bescherung aufklauben zu lassen, hockte er sich hin und begann mir zu helfen. Wie peinlich mir das war! Das Wissen um meine feuerrote Birne machte es natürlich auch nicht besser. Ich stammelte also ein wenig dummes Zeug: “…Umstände, … nicht nötig,… schaffe das schon!” und griff mit Schwung in eine Scherbe. Von meinem Traummann mit einigen mitfühlenden Worten und einem Papiertaschentuch versorgt, bemerkte ich zu meinem Entsetzen, dass mir die Tränen in die Augen stiegen. Hatte ich doch allen Grund zum Heulen: Da träumte ich wochenlang von diesem Typen, stellte mich im wahrscheinlich wichtigsten Moment meines Lebens unglaublich dämlich an und zu allem Unglück ist der Kerl dann auch noch wirklich nett! Hätte er wenigsten über mich gelacht, oder zumindest nur ein Mal arrogant geguckt! Aber nein, meine Liebe auf den ersten Blick stellte sich tatsächlich als echtes Prachtexemplar heraus – wie viel Pech kann man eigentlich haben?

“Tut es so weh?” fragte Jochen erschrocken, als er mich weinen sah. Was sollte ich dazu sagen? Ich konnte mich doch schlecht bei ihm über meinen guten Geschmack in Sachen Männern beschweren. “Das Schwein war von meiner Oma!” heulte ich also und kam mir im nächsten Moment so ungeheuer doof vor, dass mich dieses Gefühl heute noch in schlimmen Träumen verfolgt. Jochen wurde dieses Gespräch mit mir scheinbar auch etwas unheimlich, denn er nickte kurz mitfühlend, hockte sich hin und sammelte flink, geschickt und ohne sich zu schneiden mein Kleingeld in eine Schlecker-Tüte, die er mir in die Hand drückte. “Hier, dass müsste alles sein. Du musst dich beeilen, die machen gleich zu!” Ich nickte und bedankte mich so überschwänglich bei ihm, dass er etwas zurückwich. “Sehen wir uns mal?” wollte ich eigentlich fragen, sah aber an seinem leicht panischen Blick, dass er mich inzwischen für eine hysterische Kuh hielt. Ich ersparte uns beiden diese Peinlichkeit,  sagte nur “Tschüss” und winkte mit meiner blutigen Hand. Er grinste schief und eilte zu seinem Wagen – fluchtartig, wie mir schien. Mir blieb nur noch, in der Bank meine blaue Tüte auf den Tresen zu legen und dem Kassierer zu helfen, Kleingeld und Splitter voneinander zu trennen. Dass mir der freundliche Bankangestellte im Anschluss eine Spardose aus solidem Blech schenkte, war nur ein schwacher Trost.

7 Kommentare zu “Traummann in Scherben

  1. Wenn es bei mir in jungen Jahren doch einmal Scherben gegeben hätte!
    Ich war ein „Spätentwickler“, aber dann kam vor knapp 40 Jahren Philippine – und da hat’s ohne Scherben geschnackelt – und trotz späterer Scherben bis heute gehalten.

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