Nicht mal 5 Minuten

Auch wenn es hier vielleicht nicht so klingt: Ich mag meine Stadt. Ich mag sie wirklich und fühle mich in Frankfurt sehr wohl. Aber manchmal frage ich mich ja doch, ob man das eine oder andere nicht besser in den Griff kriegen könnte.

Nicht mal fünf Minuten …

Es gibt Tage, an denen ich fast an meiner Stadt verzweifle. Heute war mal wieder so ein Tag, der mich ungläubig in die Welt starren ließ. Denn Frankfurt hat eine Eigenschaft, die mich inzwischen wirklich wahnsinnig macht:

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich vor rund elf Jahren auf den Umzug von München nach Frankfurt vorbereitet habe: Es wurden Stadtpläne angeguckt, ein Reiseführer gekauft, Berichte über Frankfurt gelesen. Sogar „Ein Fall für zwei“ und die alten Tatort-Wiederholungen mit dem langweiligen Kommissar Brinkmann, gespielt von Karl-Heinz von Hassel, wurden als Informationsquelle herangezogen. Gemeinsam mit einer Kollegin, die ebenfalls nach Frankfurt umziehen wollte, studierte ich auch eine Kriminalitätsstatistik. Diese wies Frankfurt als Hochburg für Eigentumsdelikte aus, also Einbruch, Taschendiebstahl und so weiter. München dagegen führte damals die bundesweite Statistik in Sachen Vergewaltigung an – mit einem deutlichen Peak zur Oktoberfestzeit. Eigentumsschaden oder Vergewaltigung?  Die Entscheidung war einfach und ich stehe heute noch zu ihr: Ab nach Frankfurt!

Im Grunde habe ich meine Wahl von damals, an den Main umzuziehen, niemals bereut. Doch diese Notwendigkeit, stets alles, was einem wichtig ist, gut festhalten zu müssen, geht mir manchmal wirklich auf die Nerven. Inzwischen kenne ich persönlich drei Leute, denen die Wohnung ausgeräumt wurde. Alles keine Multimillionäre, sondern ganz normale Leute wie du und ich. Der materielle Schaden ist für sie jeweils nur zweitrangig gewesen, aber die Vorstellung, dass fremde Leute in der eigenen Wohnung herumgewühlt haben und ihre gierigen Griffel im Allerprivatesten hatten, belastete sie sehr stark. Und ich habe deshalb, obwohl ich nie ängstlich war, zwei Sicherheitsschlösser an meiner Wohnungstür.

Auch die Taschendiebe gehen um, mal mehr, mal weniger unauffällig, oft in ganzen Gruppen (z. B. getarnt als heitere Touristengruppe auf dem Eisernen Steg). In meinen ersten Frankfurt-Tagen wurde ich gewarnt: Von meiner Maklerin und der Vermieterin, die meinten, mich auf die generelle Diebstahlsgefahr hinweisen zu müssen. Von einer fürsorglichen Kassiererin im Supermarkt, die fand, dass ich meinen Geldbeutel nicht gut genug eingepackt hatte, und von einem netten Wochenmarktsverkäufer am Südbahnhof, der mir erzählte, dass er an dem Tag schon zwei verzweifelte Kunden hatte, die ihre Einkäufe nicht bezahlen konnten. Andere Frankfurt-Neulinge hatten nicht so viel Glück, sie wurden nicht immer wieder mit der Nase auf die diebische Seite dieser Stadt gestoßen. Und so dachte unser Marketingleiter noch darüber nach, ob er sein Portemonnaie vielleicht daheim liegen gelassen haben könnte, als anderswo gerade ein Großeinkauf mit seiner EC-Karte bezahlt wurde. Eine junge Kollegin bekam immerhin ihre Papiere zurück – nachdem die Mitarbeiter eines Entsorgungsunternehmens sie im Fäkalienbehälter eines Dixi-Klos gefunden hatten. Was für eine Freude!

Kirche 2_bearbeitet

Natürlich kann man sich die Kleptomanie seiner Mitmenschen manchmal auch zunutze machen und das eine oder andere auf frankfurterisch entsorgen: Mein altes Fahrrad, das ständig kaputt war, lehnte ich an die Hauswand und es verschwand binnen kürzester Zeit. Ebenso der Staubsauger, für den man keine Beutel mehr kaufen konnte, und die etwas abgeranzte Wäschetonne mit dem kaputten Deckel. Vielleicht ist das der Grund, warum in Frankfurt so viele wilde Sperrmüllansammlungen zu finden sind: Die Annahme, dass die Klauer wirklich alles mitnehmen – auch zerbrochene Stühle oder auseinander geschraubte Schrankwände – schaltet das schlechtes Gewissen bei denjenigen, die ihren Schrott einfach auf den Gehweg schmeißen, aus.

Heute aber passierte etwas, was mir selbst nach 10 Jahren in Frankfurt den Mund vor Staunen offen stehen ließ: Ich war bei meiner netten Friseurin, was immer eine angenehme Sache mit viel Geplauder und gutem Kaffee ist. Mein Kopf war mit Silberfolie dekoriert, eine Wärmelampe machte es schön kuschelig und ich saß ganz entspannt beim Milchkaffee und guckte vor mich hin. Ein etwa 11-jähriges Mädchen kam herein, offensichtlich mit der Friseurin bekannt, und fragte, ob wir kurz auf ihr Fahrrad achten könnten, das Schloss sei kaputt. Sie durfte also ihr noch ziemlich neues Mädchenrad direkt an das Schaufenster lehnen, hinter dem wir saßen – zwei Kundinnen und zwei Friseurinnen. Das Kind ging in den nahen REWE, keine fünf Minuten später kam ein Mann und nahm sich das Fahrrad. Glücklicherweise blieb das nicht unbemerkt: sowohl eine Frau von der nahen Bushaltestelle als auch meine Friseurin rannten unter lautem Geschrei los und nahmen dem Kerl das Kinderrad wieder ab. Der schlug sich wild schimpfend in die Büsche und verschwand, das Fahrrad wurde daraufhin im Friseurgeschäft geparkt. Großer Tumult und Palaver. Irgendwann holte die Kleine das Rad wieder ab, die Gemüter beruhigten sich – und der Dieb schlenderte seelenruhig noch mal am Laden vorbei und guckte nach, ob da wirklich nichts mehr zu holen wäre. Diese unglaubliche Dreistigkeit ließ mich sprachlos zurück – was soll man dazu noch sagen?

8 Kommentare zu “Nicht mal 5 Minuten

  1. Wirkt ein Schild „Warnung vor dem Hund“ noch? Notfalls könnte man ja Hundegebell vom Band abspielen … habe heute eine Kunstinstallation gesehen, in der ein Baum im Park immer „Bauuum“ sagte, klang fast wie „Ooom“.

    Ein Schild „Vorsicht, neugierige Nachbarn“ hätte aber interessantere Effekte, hihi.

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