Besondere Nächte

„Und dann weht durch die Luft die Lust nach einem Drink…“ (Peter, 23, Koch)

Dieser Text beinhaltet den einen oder anderen ernsthaften Gedanken, denn ich bin noch tief beeindruckt von der vergangenen Nacht. Kritiker werden mir vielleicht vorwerfen, ein Loblied auf den Alkohol verfasst zu haben. Dabei ist es in Wirklichkeit etwas ganz anderes…

Besondere Nächte oder: „Der Wein zu mir, bitte!“

Es gibt Abende, die sind schön. Einige sind sogar sehr schön. Manche dauern lange und werden zu Nächten, und wenn man nach Hause geht, tut man das in dem Bewusstsein, dass man eine gute Zeit hatte und sich daran wahrscheinlich noch lange mit einem Lächeln erinnern wird. Oft bin ich dann dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit habe, mir ab und zu etwas Besonderes zu gönnen: eine Theaterkarte oder ein Konzert, einen Restaurantbesuch, einen Wellnesstag oder gar eine Kombination aus mehreren schönen Dingen.  Solche Gelegenheiten sind mir lieb und teuer und ich möchte sie auf keinen Fall missen. Sie sind jedoch nichts gegen die „besonderen Nächte“.

Damit meine ich Abende, an denen man sich gegen jede Vernunft und zumeist völlig ungeplant kopfüber in den Alkohol stürzt, obwohl man weiß, dass das doof ist. Weil man es am nächsten Tag nämlich bereuen wird. Körperlich und seelisch. Und auch geistig, sofern außer Weingeist noch welcher vorhanden ist. Weil man sich fragen wird, ob man eigentlich jemals erwachsen werden wird und wie lange das noch dauern mag, und wie ein einzelner Mensch eigentlich so blöd sein kann. Weil der Blick in den Geldbeutel das grünliche Gesicht noch weiter erbleichen lässt und weil man weiß oder zumindest ahnt, dass man sich aufgeführt hat wie der letzte Prolet. Wenn Mutti das wüsste! Oder die Kollegen. Oder all die anderen Menschen, die einen, wenn schon nicht für klug, dann doch zumindest für seriös halten. Warum tut man sich sowas an?

Die Antwort darauf ist nicht leicht zu finden. Zumindest für mich nicht, die ich solch einen Unfug zwar nicht oft, aber doch immer mal wieder mit großer Freude mitmache. Immer mit den gleichen Leuten – die üben wahrscheinlich einen schlechten Einfluss auf mich aus. Und mit Fremden könnte ich so etwas nicht. Denn irgendwie hängt es für mich zusammen, die Freundschaft und das katastrophale Besäufnis. Angeschickert entfleucht einem so manches kleine oder auch große Geheimnis, dass man nüchtern tief im Innersten verschlossen gehalten hätte. Und genau das ist es, was diese Nächte so besonders macht: Die tiefgehenden Gespräche. DamengedeckSchwierige Themen werden anfangs vielleicht noch vermieden, nach dem dritten Damengedeck („Den Wein bitte zu mir“) schüchtern, aber mutig angedeutet und irgendwann dann nuschelnd, aber ernsthaft besprochen. Diskutiert, erledigt und so endlich zu den mentalen Akten gelegt. Kopf und Herz frei für andere Dinge. Für einen Rückschritt in die Jugend, wenn in der Lieblingskneipe mal wieder „Moskau“ läuft und man es den Kosaken singend gleichtut, indem man die Gläser he-he-hebet. Oder für einen sinnlosen Flirt mit jemandem, den man nicht kennt und der genauso hinüber ist wie man selber. Man glaubt ja nicht, wen man sich alles schöntrinken kann.

Herrlich sind auch ausufernde Gelage zuhause, wenn aus der gepflegt geteilten Flasche Riesling plötzlich die vielfach besungenen sieben Fässer Wein werden. So etwas geht nur mit Vertrauten, den allerbesten Freunden. Es ist einfach herrlich, sich gehen lassen zu können – auch, wenn es eigentlich doof ist.

Was mich beruhigt ist die Tatsache, dass nicht nur ich diese Unsitte hin und wieder genieße. Der Rausch hat Tradition, auf die eine oder andere Art auf der ganzen Welt. Wenn man es nicht übertreibt, kann er sogar überaus nützlich sein.

Was mich aber regelrecht glücklich macht ist, dass ich Freunde habe, mit denen ich solche besonderen Nächte inszenieren und zelebrieren kann. Die posten keine Bilder von meinen entgleisten Gesichtszügen auf Facebook und auch keine Videos von einem zum Ententanz mutierten Walzer auf YouTube. Die verraten meine Geheimnisse nicht gleich dem Nächstbesten weiter. Und wenn ich vor lauter Rührseligkeit oder weil ich vom Hocker gefallen bin mal weinen muss, haben sie ein Taschentuch für mich. Immer, nicht nur, wenn ich betrunken bin.

KörnchenUnd meine Freunde erklären mir die Welt, wenn ich mich wieder einmal darüber wundere, wie es denn nur passieren konnte, dass wir trotz allerbester Vorsätze und obwohl wir doch nur einen kleinen Absacker wollten, wieder einmal abgesackt sind. Antje zum Beispiel beschreibt ihre Erfahrungen so: „Ich habe versucht, die Schnäpse wegzulassen. Ich habe nur die getrunken, die vor mir hingestellt wurden!“ Und da unser braver Lieblingswirt die kleinen Gläschen, die irgendjemand ordert, immer auch vor irgendjemandem hinstellt, weiß ich dieses Mal tatsächlich, wie das passiert ist gestern Abend. Schön war’s! Danke! Auch ans Team meiner Lieblingskneipe.

Spelunke

8 Kommentare zu “Besondere Nächte

  1. Liest sich wie die Geschichte aus einem postpubertären Lebensabschnitt – mit einem Korn (!) Wahrheit. Mit Freunden einen bechern, da kommt man zuweilen der Wahrheit schon sehr nahe – bis es lalliges Gesülze wird.

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