Bin ich komisch? Ne, oder?

Seltsames Verhalten ist oft eine Verkettung von Missverständnissen. MIR passiert sowas natürlich nie!

Bin ich das? Oder sind es die anderen?

Also, eines muss ich erst mal vorab bemerken: Ich benehme mich normal. So normal, wie es mir möglich ist. Und das heißt, so normal, dass es schon fast langweilig ist. Dies nur zur Einleitung. Denn heute geht es darum, dass ich manchmal das Gefühl habe, von lauter seltsamen Menschen umgeben zu sein. Und das kann an mir nicht liegen. Das müssen die anderen sein.

Es gibt Tage, an denen eine seltsame kosmische Strahlung meine Mitmenschen zu verändern scheint. So wie vor einigen Tagen – ich war unterwegs zum Bahnhof – als eine Frau in der Straßenbahn randalierte. Der Fahrer war gezwungen, anzuhalten und die Bahn zu räumen. Also standen wir alle erstaunt draußen, bis die Polizei die Frau aus der Bahn geholt und mitgenommen hatte. Mich nahm der Vorfall auch mit, hauptsächlich, weil mir die Frau leidtat: Vielleicht hatte sie eine Psychose, vielleicht auch etwas Falsches eingenommen. Auf jeden Fall glaube ich nicht, dass es ihr gut ging und sie Herrin über all das Unflätige war, das ihr während ihres Tobsuchtsanfalls über die Lippen kam. Und ich möchte nicht wissen, was für Bilder sie vor ihrem inneren Auge gesehen hat.

Ich dachte also noch über diesen Vorfall nach, als ich am Bahnhof ankam, wo ein sonderbarer Mann vor meinem Koffer niederkniete und diesen beschnüffelte. Nach wenigen Sekunden kam er wieder auf die Füße, grüßte und ging. Ich gebe zu, dass ich mich in diesem Moment genau umsah und nach einer versteckten Kamera guckte. Es war keine zu sehen, und so hatte ich keine Begründung für das Verhalten des Mannes. Also beugte ich mich runter und schnüffelte ebenfalls an meinem Koffer. Er roch nicht besonders – vielleicht ein bisschen nach Kunststoff und Straßenstaub. Als ich mich mit knackenden Wirbeln wieder aufrichtete, sah ich, dass einige andere Reisende mich neugierig ansahen. Anscheinend hatten sie den komischen Mann nicht bemerkt und fragten sich, weshalb die dicke Frau mit der Nase über ihrem eigenen Gepäckstück hing. Einige guckten amüsiert. „Nein, nein“, wollte ich rufen, „mir fehlt nichts, ich bin völlig normal!“ Aber ich ließ es. Denn ist es nicht das, was die meisten Irren immer beschwören? Dass sie normal sind und alle anderen die Meise haben? Schweigend stieg ich in meinen Zug ein und zog meinen kleinen Koffer dabei ganz langsam hinter mir her, so als wöge er 300 Kilo. Auf die Art hätten alle, die es wollten, auch einmal daran riechen können. Hat aber keiner gemacht – komisch.

Gewundert habe ich mich auch schon des Öfteren über das Verhalten unseres singenden Raumpflegers. Der Kollege rollt unser Büro ihm wahrsten Sinne des Wortes immer von hinten auf, man hört genau, wo er gerade ist und wie schnell er sich nähert. Abgesehen davon, dass er wahrlich kein Caruso ist, ist mir im Grunde ein fröhlich singender Mensch lieber als ein muffelig verstockter. Aber angesichts der Tatsache, dass in dem Büro gearbeitet wird, finde ich es schon seltsam, dass jemand so unbefangen laut ist. Wenn das jeder täte, der dort am frühen Abend herumläuft, hätten wir wahrscheinlich einen Klang wie der C-Kader der Fischer-Chöre. Trotz dieser Erkenntnis ertappe ich mich immer wieder bei ähnlichen Rücksichtslosigkeiten: Zum Beispiel wenn ich über unseren langen Büroflur laufe, dabei das berüchtigte Lied über die glücklichen Körperzellen singe und enthusiastisch mit den Armen wedle. Schließlich soll man sich beim Arbeiten mal ein wenig bewegen. Doch ein jeder, der mich dabei nur sieht, muss denken, dass ich … nun ja … ein Problem habe. Und jeder Unglückliche, der mich hört, wird das alberne Lied drei Tage lang nicht mehr los. Ob das seine Zellen wirklich glücklich macht, darf getrost bezweifelt werden.

Viele merkwürdige Verhaltensweisen, die man beobachtet, beruhen auf Missverständnissen. So auch vor einigen Tagen, als ich einen Gast erwartete. Der klingelte, ich betätigte den elektrischen Türöffner, machte schon mal die Wohnungstür auf und spähte in den Flur. Der war nicht so tot wie sonst um diese Zeit: Vor der Tür meiner Nachbarin stand eine Frau. Offenbar hatte sie geklingelt und warte nun auf Einlass. Scheinbar ging sie davon aus, dass ich meine Tür wegen ihr aufgemacht hätte, denn sie erklärte mir äußerst wortreich, dass sie nicht bei mir, sondern bei ihrer Freundin geklingelt habe, die sicher gleich käme. Dass es bei mir auch geklingelt haben könnte, kam ihr anscheinend nicht in den Sinn. Ich versuchte, es zu erklären, kam aber nicht zu Wort – und das will was heißen. Da ich partout die Tür nicht wieder schließen wollte, erklärte sie mir noch einmal auf Englisch, dass ich nicht benötigt werde und gerne wieder reingehen könne. Ihr Befremden darüber, dass eine erwachsene Frau sich nicht entblödet, beim Klingeln beim Nachbarn die eigene Tür zu öffnen und den Besucher auf dem Flur anzustarren, war ihr deutlich anzumerken. Ohne Zweifel, die fand mich zumindest komisch. Ich sie auch, aber das half nun nichts. Wir standen uns gegenüber und sahen uns an. Und jede von uns hoffte, dass endlich die Tür aufgehen würde – die von meiner Nachbarin, die der Besucherin Zuflucht vor dieser neugierigen und wahrscheinlich klatschsüchtigen Person bieten würde. Und die des Fahrstuhls, aus der mein Besucher treten und klar machen würde, weshalb ich mich weigerte, meine Tür wieder zu schließen.

Beide Ereignisse traten in etwa gleichzeitig ein. Mein Besucher erreichte mich in dem Moment, in dem die Besucherin sich in die Wohnung der Nachbarin schob. Ich glaubte, Erleichterung in ihrem Blick zu sehen: darüber, in Sicherheit zu sein und wohl auch darüber, dass sich endlich jemand um diese komische Frau kümmern würde, die anscheinen den ganzen Abend gaffend auf dem Flur herumstand.  😉

13 Kommentare zu “Bin ich komisch? Ne, oder?

  1. *Zum Beispiel wenn ich über unseren langen Büroflur laufe, dabei das berüchtigte Lied über die glücklichen Körperzellen singe und dabei enthusiastisch mit den Armen wedle.*

    Meike, DAS tust du?
    *ggg*

    Du mutiger Mensch du.
    Und schönen Dank auch für den ersten Lacher des Tages, der tief aus meinem Inneren kam. Hat gut getan.

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  2. Du hättest noch den Mann erwähnen sollen, der beim Gehen immer in die Luft boxt. Oder das, ich vermute, russische Pärchen, wo er, in Lederjacke, immer vorneweg rennt und sie, aufgetakelt, immer hinterner. Einmal hektisch durch unseren Stadtteil und zurück. Dann mit Bierdose in der Hand.
    Oder, vor einigen Monaten beobachtet: Mann, normal gekleidet, geht drei Schritte, legt sich auf das Trottoir. Steht auf. Geht drei Schritt, legt sich auf das Trottoir u.s.w..
    Oder der ältere Herr, den ich freundlich bat, ob er sich nicht auf einen der anderen 100 freien Plätze in der Tram setzen könnte, damit wir mit Kind, Kegel und viel Gepäck in dem entsprechenden Bereich Platz finden könnten. Schaut mich mit großem Blick an. Steht auf. Grummelt. Setzt sich aber nicht woanders hin. Das habe ich nicht verstanden.

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    • Ja, Helena, unser Stastteil bietet viel Anschauungsmaterial. Und beim Bahnfahren verstehe ich auch ganz Vieles nicht – gerade, wenn man mal „sperrig“ unterwegs ist (ich habe ja öfters eine Freundin mit Rollstuhl zu Besuch). Ich glaube aber, dass ich den Mann, der immer in die Luft boxt und sich manchmal dabei dreht (beim ersten Mal dachte ich, der haut mir eine rein!), inzwischen verstehe (Tourette?). Er passt ja immerhin schön auf, dass er keinen trifft…

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  3. Meike, deinetwegen kippe ich hier irgendwann mal vom Stuhl. Köstlich 😀
    Ich muss dazu sagen, dass es mir manchmal so geht, dass ich gerade zielstrebig auf dem Weg irgendwohin bin, dann aber feststelle, dass ich noch etwas mitnehmen wollte, mich umdrehe, aber mich in diesem Moment schon dazu entschieden habe, es doch später nachzuholen. Das heißt, ich drehe mich erneut um und setze meinen Weg fort. Jetzt stellt euch das mal als Außenstehender vor…

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  4. Interessante Gedanken zu diesem Thema. Es hat – wie immer – mir große Freude bereitet, es zu lesen. Und mich dabei an folgende Szene erinnert:
    Auf dem Flughafen hatte sich eine Frau mitten im Gang hingelegt. Sie hatte schon den Bereich der Sicherheitsschleusen hinter sich, musste also im Bereich eines gültigen Flugtickets gewesen sein. Da lag sie nun zwischen Geschäften und Cafés – auf einem Arm gestützt und wirkte fast schon entspannt. Einige Passagiere wollen ihr hoch helfen und holten sogar einen Stuhl herbei. Aber sie lehnte alles ab… Im Laufe der Zeit gesellte sich das Sicherheitspersonal, Sanitäter und schließlich sogar die Polizei dazu. Man brachte auch gleich einen Rollstuhl mit, aber die Frau winkte wieder nur ab und blieb einfach liegen. Sie war so unbeeindruckt von der Szenerie, dass sie sogar ihr Handy herausholte und einen Anruf tätige. Das umher stehende Personal wurde immer ratlos. Erst als sie auch ihren Laptop heraus holte, um diesen auf dem Boden der Flughafens aufzuklappen, wurde es den Sanitätern zu bunt….sie ließen eine Trage kommen und die Frau wurde mit vier Leuten weg getragen. Ich habe immer wieder überlegt: warum zieht man so eine Show ab. ? Komisch fand ich das auf jeden Fall!!!

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