Der weiße Surfer

Diese Geschichte ist ziemlich fiktiv. Ich gebe allerdings zu, dass diese albernen Rätselhefte, mit denen man Fußbadesalz, Lachsölkapseln oder sonstige Sinnlosigkeiten gewinnen kann, eine Urlaubsleidenschaft von mir und meiner Freundin Antje (!) sind. Ebenso das Bier, der Korn und die Kneipe mit dem massigen Wirt. Alles andere ist frei erfunden – aber es könnte so sein.

Götterdämmerung

Horst saß auf der Terrasse eines großen Kaffees, nuckelte gelangweilt an einem Joghurt-Drink und sah dem Treiben auf der Straße zu. Alles war wie immer im Vorfeld eines Wettkampfes: Der kleine Ort, der Schauplatz seines Sieges sein würde, summte vor Aufregung, Zuschauer und Sportler drängten sich, hungrig aussehende Frauen versuchten, einen Blick auf die athletischen Surfer zu erhaschen. Und es gab auch einige wirklich ansehnliche Exemplare  – gut gebaute Jungs, die ihr Handwerk sicher verstanden und nicht gleich die Stange losließen, wenn eine der kalten Nordseewellen auf sie eindonnerte. Die Mädchen, die dabei waren – na ja. Horst hielt nichts von Surferinnen. Gut, einige waren recht tüchtig, aber alles in allem fand er, dass Frauen lieber an Land bleiben sollten. Zuschauen, jubeln, das starke Geschlecht bewundern. Ihn bewundern.

Er war noch nie auf dieser kleinen Insel gewesen. Der jährliche Wettkampf interessierte ihn eigentlich nicht besonders – er hatte nicht viel für die Provinz übrig. Aber er war in diesem Jahr nicht recht los gekommen. Trubel in seiner Firma hatte verhindert, dass er seine Karibiktour und die Atlantikwettkämpfe hatte wahrnehmen können. Dazu noch Ärger mit Anna. Die wurde langsam komisch. Die hatte doch glatt mitfahren wollen zu seinen Surfevents. Das war neu, bislang hatte sie sich nie für seinen Sport interessiert. Sie hatte statt dessen pflichtbewusst den Staub von seinen Pokalen gewischt und stolz gelächelt, wann immer ein neuer dazu gekommen war. Und er war stets großzügig gewesen, hatte das gewonnene Geld, das er nicht brauchte, zum großen Teil in seine Frau investiert: Hatte ihr von seinen Reisen Schmuck mitgebracht, teure Parfums und exotische Delikatessen. Aber plötzlich reichte das nicht mehr, plötzlich wollte sie an seinem „Hobby“, wie sie es nannte, teilhaben. Der Anfang vom Ende. So war es mit Betty und Lisa auch gewesen. Warum konnte er diesen Mist mit der Heiraterei nur nicht lassen?

Seufzend strich Horst sich über die weißen Haare, die ihm in Surferkreisen den Spitznamen Schneeweißchen eingebracht hatten. Seine Haare hatten schon früh die Farbe verloren, was ihn nicht störte. Er hatte weiß zu seinem Markenzeichen gemacht und surfte seit Jahren nur noch so. Weißes Board, weißer Anzug, weiße Haare. Dazu sein noch immer straffer, appetitlich gebräunter Körper und seine blauen Augen – die Frauen waren schier verrückt nach ihm. Heute Abend würde er sich so ein Appetithäppchen gönnen, eines der Häschen, die auf Surfer standen und es erotisch fanden, dass er dreißig oder gar vierzig Jahre älter war als sie. Sie waren jünger als Anna, deutlich jünger sogar. Insofern betrog er seine Frau auch nicht, wenn er eines dieser zarten Dinger vernaschte. Er holte sich nur, was sie ihm ohnehin nicht geben konnte. Nicht mehr geben konnte, mit 42. Er fühlte sich nicht schlecht deshalb, sein Gewissen war rein.

Am Nachmittag qualifizierte Horst sich souverän für das Finale am nächsten Tag. Er wurde von einem aufgeregten Sprecher mit viel Tamtam angekündigt – anscheinend hatten sie nicht so viele Teilnehmer von internationaler Klasse hier. Obwohl er mit seinen sechzig Jahren der älteste Teilnehmer war, glitt er nach dem Rennen problemlos in die Runde der Fachsimpelnden und gab dem Jungvolk großzügig Ratschläge. Einige wollten sogar ein Autogramm von ihm: ‚Snow White‘ krakelte er dann auf die hingehaltenen Unterlagen, lachte die Jungens kameradschaftlich an und warf den Mädchen einen verstörenden Blick aus seinen blitzblauen Augen zu. Noch hatte er keine Gefährtin für die Nacht gesichtet. Aber das würde sich finden. Es fand sich immer.

Horst stand der Sinn nach etwas Ruhe. Er schlenderte zurück zu dem Kaffee, von dem aus man so gut die Straße einsehen konnte. Sondieren, Chancen ausloten, das war seine Absicht. Dummerweise war „sein“ Tisch besetzt: Am Premiumplatz direkt vorne an der Windschutzwand saß eine Dame. Keine Beute, das sah Horst sofort. Aber durchaus ansehnlich, es würde seinem Renommee also nichts schaden, wenn er sich ein Weilchen dazu setzte. Er fragte, sie nickte und widmete sich wieder ihrem Kreuzworträtsel. Ein herzliches Willkommen sah anders aus. Aber egal, er wollte ja auch nichts von ihr.

FotoHorst bestellte einen Becher Kaffee – von diesen modischen Gesöffen mit zwei Dritteln Milch, von denen seine Tischnachbarin eines trank, hielt er gar nichts – und sah der Dame beim Rätseln zu. Sie war flink, offensichtlich geübt, und kam selten ins Stocken. Schade eigentlich. Er hätte es gerne gehabt, wenn sie ihn um Rat gefragt hätte. Er gab gerne Rat. Dabei konnte man sich so selbstlos vorkommen, und väterlich. Wobei die Dame natürlich zu alt war, um seine Tochter zu sein. Sie war überhaupt zu alt für ihn, sicher Mitte bis Ende vierzig. Und ihr Haar war in einem dunklen Rotton gefärbt, wohl um graue Strähnen zu verdecken. Er fand den Ton zu dunkel für die helle Haut und die blauen Augen der Frau, aber das sollte seine Sorge nicht sein. Er sah auf die Straße – wo blieb seine Gespielin?

Die Dame winkte dem Kellner – wollte sie ihm seinen Tisch endlich überlassen? Zu seiner großen Überraschung bestellte sie ein Becks. Auf seinen fragenden Blick hin zuckte sie nur die Schultern.

„Ist nach vier!“

Stimmte schon, die Zeit erlaubte ein Bier. Aber tief in sich drin war Horst ein Spießer, er fand, dass Frauen, gerade solche in reiferem Alter, kein Bier, sondern Kaffee trinken sollten. Oder mal ein Glas Wein. Aber kein Bier am Nachmittag, und schon gar nicht aus der Flasche.

Der Kuli seiner Tischnachbarin flog über das Papier. Anscheinend waren in diesem ganzen Heft nur Rätsel. Damit konnte sie sich bis morgen früh beschäftigen und sich dabei einen gepflegten Rausch ansaufen. Wenn man denn von gepflegt sprechen konnte, wenn jemand Becks aus der Flasche soff. Horst fühlte sich ungewohnt missachtet und beschloss, diesem Zustand ein Ende zu machen. Er würde dieser Person nun ein Gespräch aufdrängen. Entweder sie ging darauf ein und schenkte ihm ein angemessenes Maß an Aufmerksamkeit, oder sie räumte das Feld und machte den Platz für etwas Schnuckeligeres frei. Sie hatte die Wahl.

„Sind das Preisrätsel?“ fragte Horst, scheinbar interessiert.

„Hmmmm.“ Aha. Das Interesse an Konversation schien nicht gerade riesig zu sein.

„Um was kämpfen Sie denn gerade?“ wollte Horst wissen. Der Blick aus den blauen Augen hob sich vom Heft, bohrte sich in sein Gesicht. Oha. Charmant, charmant. Er musste schlucken – wie gut, dass das nicht seine Feindin war. Als er schon überlegte, sich strategisch zurückzuziehen, antwortete sie:

„Um Eierlikör.“

Eierlikör. Horst wusste, was das war. Natürlich wusste er das. Aber wieso konnte man das gewinnen? Wieso wollte man das gewinnen? Wollte irgendjemand das haben? Unverständlich. Oder veräppelte sie ihn?

„Um Eierlikör?“ fragte er vorsichtshalber nach. „DEN Eierlikör?“

Der Blick der Dame zeigte ihm, dass sie ihn für komplett debil hielt. „Ja, genau DEN.“ Dann erbarmte sie sich und zeigte ihm ihr Heft. Tatsächlich, auf der Seite mit dem Silbenrätsel war ein Set mit Likör und zwei Gläsern abgebildet. Auf der anderen Seite gab es ein Kreuzworträtsel und als Preis für Fleiß und Schweiß lockte ein Fußbadesalz. Na Wahnsinn.

Offenbar zeigte sein Gesichtsausdruck deutlich, was er von der Sache hielt, denn die Frau grinste und nahm einen tiefen Schluck Bier. Die hatte ohnehin einen ganz ordentlichen Zug, fand Horst. Sie aber legte endlich ihr Heft hin, lächelte und sagte:

„Andere kämpfen um hässliche Pokale.“

Das stimmte natürlich. Horst verstand die Bemerkung als kleinen Seitenhieb, aber auch als Kompliment: Die Frau kannte ihn offensichtlich.

„Haben Sie meinen Lauf gesehen?“

„Welchen Lauf?“

Ups, was war das denn? „Na, meinen Durchgang. Beim Surfen.“

„Ach, Sie surfen? Sie sehen gar nicht so aus.“

Wie jetzt? Wie meinte sie das? Wie musste man denn aussehen, wenn man surfte? Stand irgendwo geschrieben, dass man das mit sechzig nicht mehr durfte? Oder was meinte sie?

„Wie meinen Sie das?“

Die Frau war etwas verlegen. Anscheinend wollte sie nicht unhöflich sein. Ihr Lächeln wirkte mädchenhaft, als sie versuchte, seiner Frage auszuweichen.

„Ich habe noch nie bei einem Surfrennen zugesehen. Ich bin wegen des Literaturfestivals hier. Es startet übermorgen.“

Auch das noch: Eine Kulturschnepfe. Aber das war nicht die Antwort auf seine Frage gewesen.

„Wie muss man denn aussehen, wenn man surft?“ fragte er inquisitorisch. Sie wand sich.

„Naja, die meisten sind ja doch ein bisschen jünger als Sie. Und nicht so…“

„Verrunzelt, meinen Sie?“ Das konnte sie nicht meinen. Er hatte keine Runzeln, von ein paar Lachfältchen um die verführerischen Augen einmal abgesehen. Doch sie nickte und zupfte dabei an einem Eselsohr an ihrer Zeitschrift. Eine reine Übersprungshandlung, analysierte er messerscharf. Dummes Weib! Spontan beschloss Horst, heute einmal seinem Prinzip, nur absolut glattes und faltenfreies Fleisch zu liebkosen, untreu zu werden. Dieser „Frau in den besten Jahren“ würde er zeige, wozu ein Mann seines Alters noch in der Lage war. Er begann, die üblichen Register zu ziehen, zeigte all seine Verführungskünste. Und es wirkte, schon in kurzer Zeit hatte Madame dieses unsägliche Heft vergessen. Sie lachten zusammen, tranken, auch er versuchte sich an einem Flaschenbier. Es war lustig.

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Viele Stunden später war es immer noch lustig. Sie hatten in dem Café etwas gegessen, sie einen Apfelpfannkuchen, er ein echtes Männeressen: Hamburger mit Pommes. Dann war es kühl geworden und sie hatten die Terrasse verlassen. Nun standen sie in einem Kellerlokal, noch immer mit Flaschenbier. Sie hieß Antje, war allein auf der Insel und offensichtlich nicht prüde – einige ihrer Bemerkungen deuteten auf ein bewegtes Leben hin. Er bemühte sich, sie gut zu unterhalten, wenngleich auch ihre Erzählungen ihn immer wieder zum Lachen brachten. Er ertappte sich, dass seine Augen an ihren Lippen hingen, während seine Lippen an einer Bierflasche hingen. Was für ein Spaß – so viel Bier hatte er seit seiner Jugend nicht mehr gehabt. Er nickte, als Antje etwas fragte. Was auch immer, verstanden hatte er sie in diesem Getöse hier nicht.

„Zwei Körnchen hier“, hörte Horst die tiefe Stimme des Gastwirts neben sich. Zwei kleine Gläser landeten von ihnen auf der Theke. Oha, wer hatte das denn bestellt? Offenbar diese Wahnsinnige an seiner Seite, denn sie nahm das Glas sofort in ihre kleine Hand, prostete ihm grinsend zu und kippte das widerliche Zeug hinunter. Du liebe Güte, wo ließ die das alles? ‚Mann oder Memme‘, dachte Horst, holte tief Luft und kippte das eiskalte Zeug den Hals herunter. Furchtbar, furchtbar! Er brauchte tatsächlich sechs von dieser Sorte, bis er sich einigermaßen an den Geschmack gewöhnt hatte. Aber es ging, ein ganzer Kerl wie er ließ sich von winzigen Getränken nicht einschüchtern.

Horst fühlte sich wohl. Er saß in einem verräucherten Loch, mit einer verruchten alternden Frau an seiner Seite und trank komische Sachen. Aber alles war gut. Die Frau war attraktiv, er war in Form. Die Nacht würde fantastisch werden, morgen würde Snow White den nächsten Pokal abstauben und übermorgen würde er Anna rausschmeißen. Hauptsache, sein kleiner Freund machte heute Nacht mit – der war so viel Alkohol nicht gewohnt.

„Lass mich nicht im Stich, Kumpel!“ flüsterte Horst seinem schlaffen Gemächt zu, als er ein letztes Mal zur Toilette gewankt war. Es waren nicht mehr viele Gäste da, das Lokal sollte schließen. Als Horst aus dem Waschraum kam, war er der letzte Gast. Der Allerletzte.

„Äähh… wo ist denn die Dame?“ fragte Horst den massigen Wirt. Das heißt, er wollte fragen. Der Mann aber sah ihn an, als hätte er Suaheli gesprochen.

„Antschö?“ versuchte Horst es noch einmal. Der Wirt nickte.

„Die ist schon los!“ Mit diesen Worten drückte er Horst seinen Pulli in die Hand und schob ihn sanft, aber bestimmt zur Tür.

Horst verbrachte die Nacht allein, in einem komaähnlichen Zustand. Er war auch am nächsten Morgen allein, als er im Spiegelkabinett seines Hotelzimmers kniete, seinen Freund Villeroy umarmte und für die Sünden der letzten Nacht büßte. Den Pokal gewann ein anderer. In der aushängenden Resultatliste stand neben seinem Namen – Horst Schmitzke – keine Punktzahl, sondern ein trockenes „nicht angetreten“.

Horst verließ die Insel am nächsten Tag. Die Frau, die ihn besoffen in der Kneipe hatte sitzen lassen, sah er nicht wieder. Und so machte er auf der Heimfahrt einen kleinen Abstecher in die Innenstadt von Emden, kaufte bei Eisenwaren Freese einen schönen silberfarbenen Kelch und ließ seinen eigenen Namen eingravieren. Außerdem erwarb er bei einem Juwelier ein hübsches Glitzerteilchen. Beides würde er Anna mitbringen. Damit sie sich freute, und damit jedenfalls einer stolz auf ihn war. Vielleicht würde er sie demnächst auch einmal mitnehmen, wenn er surfen ging. Sie ließ ihn zumindest nicht im Stich. Und vielleicht war es inzwischen ja doch ganz gut, wenn jemand auf ihn aufpasste.

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