Was wäre wenn – Gedanken über Adam und Eva

Ich musste eine Weile überlegen, bis ich wusste, welche meiner vielen Schreibereien hier in meinem neuen Blog den Anfang machen darf. Ich habe mich für den Text meiner ersten Lesung entschieden – letztes Jahr im Café Wacker in Frankfurt. Das Thema hieß „Was wäre wenn…“ Ja, was eigentlich?

Was wäre, wenn Adam schwul gewesen wäre?

Eva war schlecht gelaunt. Eigentlich war sie ein gutmütiger Charakter, aber die Aufgabe, die ihr und Adam gestellt worden war, war schlichtweg unlösbar: „Macht euch die Erde untertan!“ hatte der große Designer zu ihnen gesagt. Untertan, was auch immer das genau heißen sollte. Anscheinend sollten sie Chef spielen. An sich eine schöne Idee, aber das Areal war viel zu groß und unüberschaubar dafür. Außerdem machten alle, was sie wollten: Die Fische schwammen mal flussaufwärts, mal flussabwärts, je nach ihrem eigenen Gutdünken. Die Affen tobten herum und wenn Eva sie zur Ordnung rufen wollte, warfen sie mit Bananen. Die Löwen waren noch schlimmer: Sie versuchten gleich, Adam zu fressen. Und das nur, weil er sie gebeten hatte, die abgenagten Knochen vor dem Eingang vom Paradies wegzuräumen. Er konnte sich nur durch einen beherzten Sprung auf einen Baum retten, wo er von einer Schlange belästigt wurde, die allerhand verbotene Substanzen feilbot – unter anderem auch die berüchtigten Äpfel. Alles in allem machte sich das versammelte Viecherzeug ziemlich lustig über diese beiden haarlosen Narren, die versuchten, sich als eine Art Blockwart aufzuspielen.

Eva fasste sich ein Herz und ging sich beschweren. Sie suchte den großen Designer auf, der noch immer an seiner Erde feilte und gerade die Wesen der Tiefsee formte. „Was willst du, Eva?“ fragte er sie freundlich, wirkte dabei aber etwas abwesend. Sie holte tief Luft: „Die Aufgabe ist unlösbar, lieber Designer!“ Endlich sah er auf. „Welche denn?“ „Na, die mit dem Untertan machen der Erde. Das schaffen wir nie, Adam und ich. Wir sind nur zu zweit, alle anderen sind viele. Die lachen nur über uns. Der Löwe hat sich sogar zum „König der Tiere“ ausrufen lassen. Wir haben keine Chance.“ Der Designer nickte versonnen und wandte sich wieder seinen Tiefseebewohnern zu. Eva reagierte ungeduldig. „Designer? Hey, ich rede immer noch mit dir! Hast du irgendwelche Vorschläge?“ Er nickte und brummelte etwas. Dann sah er auf. „Seiet fruchtbar und mehret euch!“ sagte er und schickte Eva fort.

Eva war frustriert. Fruchtbar sein, sich mehren – sie wusste, wie das geht. Die Schlange hatte ihr davon erzählt und sie hatte es oft beobachtet. Besonders gerne natürlich bei den Affen, da konnte sie am meisten lernen. Ihr Instinkt sagte ihr, dass es bei ihr und Adam eigentlich genauso gehen müsste. Es sah sogar aus, als würde es Spaß machen! Also, ihr zumindest. Als sie Adam vorgeschlagen hatte, es einmal zu versuchen, hatte er nur ungläubig geguckt und gelacht. Statt dessen hatte er sie mit an den Fluss genommen, dort bespritzt und unter Wasser dedöppt. „Das macht doch auch Spaß, nicht wahr, Eva?“ Die Vorstellung davon, was Spaß war, schien bei ihnen stark unterschiedlich zu sein.

PavianeEva versuchte es noch ein paar Tage lang. Sie kämmte sich die langen Haare, bis sie wie ein glänzender heller Schmuck um ihre Schultern flossen, und rieb ihre Haut mit duftenden Rosenblättern ein. Sie besah sich im glatten Wasser des Sees und was sie sah, gefiel ihr. Sie hatte eine Figur wie eine sanfte Hügellandschaft, ihre Augen hatten die Farbe des Himmels und das Haar leuchtete wie wunderbarer Honig. Selbst die Paviane auf dem nahen Felsen begannen zu pfeifen, als sie vorbeilief. Nur Adam sah mal wieder nichts in ihr. Er war nicht unfreundlich, im Gegenteil: Er teilte ein paar frische Feigen mit ihr und erzählte ihr eine lange Geschichte darüber, wie er den ganzen Nachmittag einen Ameisenstaat beobachtet hatte, um sich von den Tierchen etwas abzuschauen. Die schienen nämlich durchaus Ahnung von Organisation zu haben, und das brauchte man, um sich die Erde untertan zu machen. Eva hörte zu, schwenkte ab und zu ihr glänzendes Haar, berührte Adam und kam ihm so nah, dass er von all dem Rosenduft niesen musste. „Huch, bist du nah dran!“ kicherte er und piekste sie spielerisch in die Seite. Eva gab auf.

Am nächsten Tag besuchte sie wieder den Designer. Sie schimpfte: „So geht das nicht! Adam weiß gar nicht, was ich von ihm will! Kannst du nicht mal mit ihm reden?“ Der Designer bekam einen roten Kopf. Seine Schöpfung aufzuklären, hatte er eigentlich nicht eingeplant. Er druckste herum und hatte dann eine Idee. „Komm morgen wieder, mein Kind. Dann habe ich etwas für dich!“ Eva war zufrieden. „Hallelujah, er macht mir einen neuen!“ freute sie sich und ging beschwingt nach Hause. In der Nacht träumte sie unruhig und als sie erwachte, war es ihr warm.

Tags darauf lief sie eilig die kurze Strecke zum Designer und trat erwartungsvoll vor seinen Arbeitstisch. „Und, wo ist er?“ fragte sie erwartungsvoll, und mit stolzem Lächeln zeigte der Designer auf ein kleines Häuflein auf dem Tisch. „Da!“ sagte er und klang unverkennbar stolz dabei. Eva verstand nicht. „Wo? Das hier?“ fragte sie und ihre Finger tasteten unsicher nach dem schwarz-roten Gebilde auf dem Tisch. „Ja! Zieh es an!“ Eva entfaltete zögernd den Stoff und stellte fest, dass dieses Ding aus glänzendem, löchrigem Material aus mehreren Teilen bestand. „Was ist das?“ fragte sie ratlos. „Reizwäsche!“ erklärte der Designer und zeigte ihr, wie er sich die Sache vorstellte. Eva ließ sich die sonderbaren Teile anlegen und fand sie unbequem. Aber gut, wenn es half, würde sie diese Sachen eben tragen.

Mit ungewohnt eingeklemmten Brüsten und etwas breitbeinig wegen der Schnur zwischen ihren Hinterbacken eilte Eva zu Adam. Sie baute sich vor ihm auf und fragte: „Adam, wollen wir Spaß haben?“ Er hatte Spaß, denn er lachte sich fast tot über ihren Aufzug. Um mitzumachen, setzte er sich eine Bananenschale auf den Kopf und hampelte herum, als wäre er irre. Eva vergrub die Reizwäsche neben dem Abtritt.

Deprimiert ging Eva in den Wald und setzte sich dort unter einen Baum. Nachdem sie eine Weile einsam dort vor sich hin gegrübelt hatte, spürte sie ein Kitzeln unter dem Kinn. Es war die Schlange, die sich liebevoll um sie herumwickelte und leise zischelnd fragte, warum Eva denn so traurig sei. Sie kannte die Probleme, die die beiden putzigen Menschlein miteinander hatten, und wurde nun auf den neuesten Stand gebracht. Verständnisvoll nickte sie. „Ich sehe schon, der Designer hat keine Ahnung vom wahren Leben. Aber ich kann dir helfen!“ Eifrig ringelte die Schlange davon und kam bald danach mit einem Pülverchen wieder. „Hier, das müsst ihr nehmen, dein Adam und du. Es macht, dass Adams Blick ein wenig verschwimmt und dass du aussiehst wie ein Knabe. Aber ich muss dich warnen: Es ist Apfel darin!“ Eva war fast egal, was darin war, wenn es nur helfen würde. Trotzdem fragte sie nach: „Was bedeutet das für uns?“ Die Schlange wiegte nachdenklich den Kopf. „Nicht viel, eigentlich. Wenn ihr es nehmt, werdet ihr aus dem Paradies ausziehen und künftig wie jeder andere für euren Unterhalt arbeiten müssen. Außerdem werdet ihr das Bedürfnis nach einem Feigenblatt vor euren Geschlechtern verspüren.“ Eva willigte ein. Es war ja so viel Platz auf der Welt, warum also nicht woanders wohnen? Arbeit gab es reichlich und Feigenblätter auch. Und was hatte sie schon für eine Wahl?

Eva nahm das Pulver, dankte der Schlange und ging heim. Sie mengte ein Löffelchen der Substanz unter den Abendeintopf, den sie wie immer meisterlich zubereitet hatte. Adam aß reichlich davon, danach hatten sie Spaß. Hui, aber wie! Auch als sie sich am Tag darauf mit Sack und Pack außerhalb des Paradieses wiederfanden, bereute Eva nichts. Sie bauten sich eine kleine Hütte, arbeiteten für ihr Essen, trugen Feigen- oder manchmal auch andere Blätter und waren zufrieden. Besonders natürlich Eva, die neun Monate später den kleinen Kain gebar. Sie wiederholte die Übung mit dem Pulver und bekam Abel. Zwei Jungen, und das Pulver war alle. Um hier auf Erden weiter zu kommen, bräuchten sie noch mindestens achtzehn weitere Kinder. Und die würden Adam und Eva so sicherlich nicht bekommen.

Ein letztes Mal ging Eva zum großen Designer. Er saß an seinem Arbeitstisch und sah in eine große Glaskugel. Mit der konnte er die ganze Welt sehen und überall fast gleichzeitig hingucken. „Hallo Designer!“ grüßte Eva und warf einen neugierigen Blick in die Kugel. „Eva!“ sagte er und klang erfreut, aber wie immer etwas abgelenkt. „Wie ich höre, seid ihr umgezogen und habt endlich Kinder bekommen. Ja, was so eine neue Umgebung manchmal bewirken kann…“ Er drehte seine Kugel etwas und sah aufmerksam hinein. „Ja, danke, Designer, es geht uns gut. Die Kinder wachsen und gedeihen. Der Große ist etwas ungestüm, aber das wird schon noch werden. Und der Kleine ist ein echter Sonnenschein.“ „Das freut mich, meine Liebe. Aber was kann ich denn für dich tun?“ Eva wand sich etwas. Es ist nie schön, wenn man das eigene Scheitern eingestehen muss, und gerade in dieser Situation war sie jetzt. „Ja, lieber Designer, es geht nochmal um die Aufgabe. Also, die Erde untertan machen und so. Wir schaffen es nicht. Genau genommen, sind wir noch gar keinen Schritt  weiter gekommen. Die Kinder sind noch zu klein, um uns zu helfen, und wir sind immer noch zu wenige. Wir haben unser Auskommen, aber zu mehr reicht es einfach nicht. Es tut mir leid, aber ich fürchte, du musst diese Aufgabe jemand anderem geben.“

Leise brummelnd sah der große Designer in seine Kugel. Die Entwicklung auf der Erde gefiel ihm nicht so recht: Überall ein Durcheinander, ohne Führung, ohne Struktur. Die Tiere hatten sich vermehrt, so dass es überall vor Leben nur so wimmelte. Und die Pflanzen wucherten so stark, dass sie dem Designer teilweise sogar die Sicht versperrten. Auch wenn es ihm schwer fiel, musste der Designer zugeben, dass die Aufgabe für zwei Menschen zu groß war. „Wir machen das anders, Eva: Ihr werdet Verstärkung bekommen. Ich werden noch einmal meinen Brennofen anheizen und mehr von euch schaffen. Ich will dich aber warnen: Genau wie bei den Affen oder den Löwen, kann es auch mal Streit geben, wenn es mehr von euch gibt. Also nicht, dass mir dann Beschwerden kommen!“ Eva versprach, sich nicht zu beschweren, und ging nach Hause zu ihrer Familie. Sie kam gerade rechtzeitig um Kain zu schelten, der Abel eine verfaulte Mandarine an den Kopf geworfen hatte.

Der große Designer aber lief noch einmal zur Hochform auf. Er verarbeitete Massen von Lehm, formte Männer und Frauen. Er gestaltete sie unterschiedlich und experimentierte mit Materialien und dem Brennofen. Die einzelnen Serien setzte er jeweils in verschiedene Teile der Erde, um zu gucken, wie sie sich dort machen würden: Es gab Schwarze, Weiße, Gelbe, Rote und welche in verschiedenen Brauntönen. Er gab ihnen Haare und Augen in unterschiedlichen Farben, um sie später, wenn sie durcheinanderliefen, voneinander unterscheiden zu können. Während er noch schuf und formte, sah er immer wieder durch seine Kugel, und was er sah, wirkte äußerst gedeihlich. Er war zufrieden.

Und auch Adam und Eva waren zufrieden. Adam, weil er eines Tages am See einen Burschen fand, der wie er selbst war und jeden Tag mit ihm Spaß haben wollte. Und Eva, weil sie schon bald ein nettes Kränzchen aus lustigen Frauen beisammen hatte, mit denen sie über alles reden konnte. Das Leben war schön und friedlich. Allerdings würden ihnen irgendwann ihre erwachsenen Kinder Sorgen machen. Aber das ist eine andere Geschichte, und sie soll an anderer Stelle erzählt werden.

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