Online trifft Offline

Über einen Ausflug, bei dem ich meine Online-Bekanntschaften kennenlernen möchte: Das Gründungstreffen des eWriters-Vereins.

Online trifft Offline oder: Gibt es euch wirklich?

Geboren bin ich ja als Dorfkind, wuchs auf ohne tolle technische Ausstattung und war viel an der frischen Luft. Selbst einen Farbfernseher kauften wir erst Anfang der 80er Jahre, und das Wählscheibentelefon hat mich sehr lange begleitet. Während meiner Schulzeit kamen Computer allmählich auf, aber das interessierte nur diejenigen seltsamen, bleichen Jungs, die sich kurz vor Unterrichtsbeginn mit wichtiger Miene große, biegsame Disketten zuschoben. An mir ging dieser Trend völlig vorbei. Zwar begann ich während meiner Ausbildung, ein wenig am Computer zu arbeiten, aber dieses dumme Ding mit der grünen Schrift auf schwarzem Bildschirm war für mich eher ein notwendiges Übel.

Ein wenig änderte sich diese Einstellung, als das Internet auch zuhause schneller wurde und man mehr machen konnte als auf den Ladebalken zu starren. Ich kaufte Hergens gebrauchten PC – der war für mich noch vier Jahre lang gut. So manche Nacht verbrachte ich nun bei ebay und wachte morgens schweißgebadet auf, in der bangen Hoffnung, dass mich doch bitte, bitte irgendjemand überboten haben mochte, damit der lebensgroße Mr. Spock aus Pappe nicht geliefert werden würde. In diesem Fall hatte ich Glück. Der große orange Kasten mit einem Französischkurs auf Kassetten aber wurde geliefert und stand fünf Jahre lang unbenutzt auf meinem Schrank.

Wann es passierte, dass ich zum Online-Menschen wurde, kann ich gar nicht genau sagen. Irgendwann stand in meiner Job-Beschreibung „Webmasterin“, mein Name prangte im Impressum einer Webseite und ich verbrachte einen großen Teil meiner Freizeit online. Genau genommen habe ich manchmal das Gefühl, ungesund viel online zu sein. Ich rede mit Menschen, die ich nicht kenne – oder zumindest nicht so richtig. Ich weiß nicht, ob der verführerische Mittdreißiger, mit dem ich immer so gerne schwatze, nicht vielleicht doch schon 75 ist, und ich selbst habe mich schon ab und zu mal als Mann ausgegeben. Einfach so, zum Spaß. Merkt ja keiner.

Umso aufgeregter war ich an einem Samstag im April, als es plötzlich ernst wurde und meine geliebte Online-Welt sich als alltags- und vor allem tageslichttauglich erweisen sollte: Es war ein Treffen geplant, richtig offline, mit Hand geben und so. In Essen wollte ich meine „Bekannten“ aus dem eWriters-Forum treffen. Sehr spannend! Zwar hatte ich alle Teilnehmer über Google gestalkt und Fotos gesehen, aber was sind schon Internet-Fotos? Ich nehme ja auch immer die, auf denen ich möglichst schlank aussehe und im Wind stehe – damit alle denken, an der Frisur sei das Wetter schuld.

Geplagt von komischen Gedanken saß ich im Zug nach Essen: Was, wenn gar keiner kommen würde? Oder wenn die alle doof wären? Oder mich doof fänden? Möglichkeiten gab es viele. Dass sich der Bahnhof in Essen auch noch als Irrgarten mit allerlei sonderbaren Special Effects herausstellte, ist nicht dazu angetan, meine Zweifel zu zerstreuen.

Dann aber fühlte sich plötzlich alles richtig an. Zu viert trafen wir uns auf dem Bahnhof. Wir erkannten uns sofort – obwohl ich nicht die Einzige war, die mit dem Foto ein bisschen geschummelt hatte. Hände schütteln, begrüßen, viel Gelächter – und zwei Zigaretten, die auf dem Weg zum Auto angezündet wurden. Wie, was, Raucher? Die beiden? Konnte das sein? In Gedanken nahm ich Streichungen in der imaginären „Liste der Eigenschaften“ vor, die ich von allen Leuten, die ich treffen wollte, erstellt hatte. „Nichtraucher“ wurde gestrichen, und bei einem auch gleich noch „Vegetarier“. Keine Ahnung, wie ich darauf mal gekommen war, aber es drängte sich mir wohl auf. Die größte Überraschung aber ist die Sprache des Mannes, mit dem ich schon mal stundenlang gechattet hatte: Ich hatte gedacht, einer, der aus Essen kommt, spricht auch wie einer, der aus Essen kommt. Sagt also „Woll“ oder so. Dieser Essener aber hatte einen sanften Schweizer Akzent. Warum, würde ich im Laufe des Tages noch erfahren.

In einem Essener Gemeindezentrum trafen wir die anderen vier Teilnehmer dieser kleinen Versammlung. Auch sie waren alle sympathisch, warm, lebendig und dreidimensional. Schnell hatten wir einen Draht zueinander – ganz ohne Kabel. Und wir begannen zu arbeiten. Denn das war der Zweck unseres Treffens: Wir wollten den eWriters-Verein gründen. Eigentlich mag ich keine Vereinsmeierei. Seit meiner Jugend war ich in keinem Verein mehr, aber dieser hier scheint mir eine gute Sache zu sein. Das Internet bringt mich also dazu, mich im realen Leben mit anderen Leuten zu vereinen. Da sage noch einer, Computer machen einsam.

Tatsächlich waren wir erfolgreich an diesem Tag: Wir besprachen eine Satzung, eine Geschäftsordnung, wählten Vorstände, ich wurde Botschafterin. Das kam mir alles unheimlich seriös und erwachsen vor.  Gut, mit 43 sollte man sich eigentlich immer so vorkommen, aber bei mir ist das eine Ausnahme. Ich spürte Aufbruchstimmung, und das ist gut so – bedeutet dieser Verein doch eine Menge Arbeit. Um was es dabei genau geht, berichte ich beim nächsten Mal, wenn der Verein endlich eingetragen und amtlich ist. Dann zeige ich vielleicht auch mal unser Gründungsfoto – ungeschönt und ohne Wind. Wie gut wir doch alle aussehen!

Auf jeden Fall war es ein toller Tag. Vielen Dank, Petra und Jörg, Hanno, Hendryk, Christian, Markus und Ingrid! Es war schön, euch kennenzulernen!

 

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