Nackte Tatsachen

Diese kleine Geschichte entstand während eines Schreibworkshops an der Frankfurter Volkshochschule – übrigens eine ganz prima Einrichtung. Warum der Buchhalter gerade den Namen Harry bekam, weiß ich gerade nicht mehr, kann aber versichern, dass keinerlei Ähnlichkeiten zu einer mir bekannten lebenden Person bestehen.

Nackte Tatsachen oder: Wo ist Harry?

Eva-Maria starrte unwillig auf die Tabelle, die vor ihr auf dem Schreibtisch lag. Da stimmte vorne und hinten nichts. Sie hatte alles drei Mal nachgerechnet, aber es wurde nicht besser. Es half nichts: Sie musste den Buchhaltungs-Harry fragen. Leise seufzend ging sie über den Flur zu dem Büro, das der penible Zahlen-Spezialist sich mit drei Kollegen aus dem Controlling teilte.

Wie immer klopfte Eva-Maria kurz an, bevor sie die Tür schwungvoll öffnete und eintrat. Dieses Mal jedoch schloss sie die Tür sofort wieder, starrte für eine Sekunde das Türblatt an und kniff die Augen zu: Denn in dem vollbesetzten Vierer-Büro waren sie alle nackt. Splitternackt.

Eva-Maria öffnete die Tür nochmals, dieses Mal nur einen Spalt weit. Und in der Tat saßen Harry und Thomas, Sigrid und die Sternberg noch immer so, wie die Natur sie geschaffen hatte, am Schreibtisch. Was sollte das? War das die versteckte Kamera? Sie schloss die Tür wieder.

„Was drücken Sie sich denn hier so verschämt auf dem Flur herum, Frau Baumann?“

Sie erschrak. Es war ihr Chef, der Geschäftsführer Binsemann, der sie das fragte. Was sollte sie sagen? Ob es die frühe Stunde war oder immer noch die Verblüffung, irgendetwas ließ Eva-Maria stammeln:

„Ääähhh… ich weiß auch nicht. Bei Buchhaltungs-Harry sind alle nackt!“

„Wie, nackt? Wer ist wo nackt, Frau Baumann?“

„Buchhaltungs-Harry, also, ich meine, Herr Müller und seine Kollegen!“

„Soso“, schmunzelte der Geschäftsführer, „sie sind also alle nackt da drinnen. Und was machen sie dort, so nakelig? Treiben sie etwa… Unzucht miteinander?“

Unzucht? Nein, das hatte Eva-Maria nicht beobachtet. “Sie sitzen da und arbeiten“, erklärte sie ihrem Chef reichlich verwirrt. Der nickte väterlich.

„Ach so, sie arbeiten nackt. Ja, ist ja auch warm heute!“

Er legte seine große Hand auf die Klinke und öffnete vorsichtig die Tür. Dort saßen sie, die Kollegen, und arbeiteten scheinbar konzentriert: Thomas in Jeans und Poloshirt, Sigrid im hellen Leinenkleid. Von der Sternberg sah man nur eine karierte Bluse, den Rest verdeckte der Schreibtisch. Und Harry fehlte.

„Guten Morgen, liebes Zahlen-Team! Alles gut heute?“ Der Geschäftsführer hielt einen freundlichen kleinen Small-Talk, ging dann mit Eva-Maria wieder hinaus.

„Nackt, ja?“ fragte er sie mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Aber sie hatten nichts an,“ verteidigte Eva-Maria sich. „Alle vier! Harry ist verschwunden, obwohl wir vor der Tür standen. Der muss aus dem Fenster gefallen sein!“

Geschäftsführer Binsemann war ein erfahrener Mann. Er sah, dass seine Sekretärin nervlich am Ende war.

„Wissen Sie was, Frau Baumann? Sie gehen jetzt mal einen Kaffee trinken. Ich kümmere mich derweil um den verschwundenen Buchhaltungs-Harry – irgendwo muss er ja sein.“

„Sie waren nackt, wirklich nackt!“ beteuerte Eva-Maria nochmal, bevor sie unwillig in Richtung Teeküche schlich.

Martin Binsemann sah seiner Sekretärin etwas irritiert nach. Er arbeitete erst seit ein paar Monaten mit ihr zusammen, wusste aber, dass sie weder zum Fantasieren noch zur Hysterie neigte. Also war sie entweder krank oder stand unter Drogen. Oder – und das erschien ihm wahrscheinlicher – irgendetwas Merkwürdiges ging im Büro der Controller vor sich. Ohne anzuklopfen betrat er nochmals das Büro seines Zahlen-Teams. Drei Augenpaare sahen ihn erschrocken an: Thomas, Sigrid und Frau Sternberg.

„Wo ist Harry?“ fragte Binsemann und sah die Kollegen ruhig an. Dreifaches Schulterzucken, verlegene Blicke. Er ging zum Fenster, sah kurz hinaus: Kein nackter Harry unten im Blumenbeet. Einen anderen Ausgang gab es nicht. Also war er noch hier im Büro. Einem Instinkt folgend lehnte Binsemann sich entspannt gegen die Tür des hohen Garderobenschranks und ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. In einem der großen Pflanzenkübel lag eine einsame Socke – die gehörte da nicht hin.

„Was war hier los?“ fragte der Geschäftsführer und wieder sahen die Kollegen sich nur verschwörerisch an.

„Gut, Sie wollen also nichts sagen. Also rate ich mal: Gestern war Bowling-Abend, oder? Und die Werber haben mal wieder gewonnen. Hoch gewonnen…“

Thomas stöhnte auf eine Art und Weise, die bewies, dass Martin Binsemann auf der richtigen Fährte war: Der monatliche Bowling-Wettstreit der beiden Abteilungen war seit Jahren legendär in der Firma. Der Verlierer musste Kuchen für alle mitbringen, oder auch mal Bier oder ein Grillessen. Und in bestimmten Fällen, wenn eine Mannschaft sich richtig blamiert hatte, musste sie etwas richtig Blamables tun: In der Innenstadt singen und tanzen zum Beispiel, oder auch die Fenster aller Autos auf dem Parkplatz putzen. Dieses Mal hatten sie also nackt im Büro gesessen. Binsemann schüttelte den Kopf:

„Wer hat sich den Mist denn ausgedacht?“ fragte er, ohne groß auf eine Antwort zu hoffen.

„Ich“, fiepste da zu seiner Überraschung die Sternberg.

Er war erstaunt. Die stille, immer etwas hausbacken wirkende Anja Sternberg wirkte nicht so, als hätte sie derart kreative Ideen. Und wieso legte sie die Strafe für ihr eigenes Team fest?

„Naja“, erklärte Thomas, „wir legen die Sanktion ja immer schon vorher fest. Und die letzten Male hatten wir immer gewonnen. Es schien uns kein Risiko dabei zu sein. Aber dann hat Harry völlig versagt!“

Aus dem Garderobenschrank ertönte ein empörter Laut. „Gar nicht wahr!“

Binsemann verließ seinen Posten vor der Schranktür nicht.

„Wie lange solltet ihr hier denn nackt sitzen?“ fragte er neugierig und Sigrid gab Auskunft.

„Nur solange, bis der erste reinkommt. Zum Glück ist die Baumann gleich wieder raus und wir haben uns schnell was übergezogen. Wir haben Sie auch vor der Tür gehört und uns beeilt.“

„Und warum ist Herr Müller im Schrank?“ wollte Binsemann wissen und der Buchhalter selber klärte ihn auf:

„Weil mir irgend so ein Vollidiot die Hosenbeine zugetackert hat!“

Grinsend gab der Geschäftsführer seinen Posten vor dem Garderobenschrank auf und öffnete die Tür. Buchhaltungs-Harry polterte heraus, in einem für seine Verhältnisse sportlichen T-Shirt und einem großen roten Feinripp-Schlüpfer. In der Hand hielt er eine Flanellhose und eine kleine Zange, mit der er die silbrigen Heftklammern aus dem Stoff heraus fummeln wollte.

„Blöder Hund!“ maulte er Thomas an, der sofort protestierte. Am betont unschuldigen Gesicht Anja Sternbergs sah Binsemann, dass die scheue Kollegin wohl doch durchtriebener war, als er gedacht hatte. Allerdings konnte er diesen Gedanken zunächst nicht weiter verfolgen. Er musste sich jetzt um seine Sekretärin kümmern.

„Ihr vier Unglücksraben ladet Frau Baumann demnächst mal zum Essen ein. Die muss ja denken, dass sie Visionen hat. Und in Zukunft bleibt Ihr bitte alle angezogen, zumindest während der Arbeitszeit.“

Vier anscheinend einsichtige Mitarbeiter nickten brav und Binsemann verließ das Büro. Noch während er die Tür schloss, hörte er den Buchhaltungs-Harry keifen: „Wer war das?“ und ein mehrstimmiges Lachen. Der Geschäftsführer lächelte und ging in Richtung Teeküche. Albern waren sie, diese Bowling-Spieler. Aber zumindest vertrugen sie sich und hatten Spaß miteinander. Das war ihm deutlich lieber, als wenn sie sich stritten, so wie die Kollegen aus dem Vertrieb. Und Frau Baumann würde sich gewiss auch wieder beruhigen. Immerhin war ihr der Anblick von Harrys Unterwäsche erspart geblieben.

Ein Kommentar zu “Nackte Tatsachen

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