Ich bin spießig!

Wir hatten in Frankfurt mal wieder die Protestler zu Gast. Hier ein paar Gedanken zu „Blockupy“.

Ja, ich bin spießig!

Am Wochenende war es mal wieder so weit: „Blockupy“ belagerte meine schöne Stadt. Das bedeutete für mich, dass meine Straßenbahnen nicht fuhren und ich mir den Weg zu einer Verabredung durch eine Sitzblockade bahnen musste. Die Aufforderung, doch bitte nicht so spießig zu sein, sondern mich dazu zu setzen, fand ich ganz niedlich und lehnte dankend ab. Mein Wochenende gestaltete sich aufgrund der Sperrungen in der Innenstadt ganz anders, als ich es geplant hatte. Da es trotzdem eine schöne Zeit mit liebem Besuch war, empfand ich das grundsätzlich erst mal als nicht so schlimm.

Schlimm aber finde ich, wie sehr die „Occupy-Bewegung“ in den letzten Monaten verkommen ist. Ich war zwar nie ein großer Fan von dieser Bewegung, fand die angesprochenen Themen aber größtenteils berechtigt. Nicht mit allem war ich einverstanden, konnte die Meinungen zu den verschiedenen Bereichen aber akzeptieren. Sogar das sonderbare Camp, das monatelang vor der Europäischen Zentralbank ausgebreitet war, fand ich akzeptabel. Zwar hätte ich da nicht im Zelt schlafen wollen, aber vor zwanzig Jahren hätte ich das mit Sicherheit auch noch anders gesehen und mich vielleicht sogar dazu gelegt.

Dann aber änderte sich die Stimmung, aus Occupy wurde „Blockupy“. Parole: „Wir blockieren diese Stadt.“ Tagelang gab es Theater mit irgendwelchen Leuten, die meinten, Straßen oder Bahnstrecken blockieren zu müssen. Politisches Engagement oder irgendwelche Ziele konnte ich darin nicht mehr feststellen, sondern nur noch den puren Spaß am Stören. Auch die groß angelegten Demonstrationszüge quer durch die Innenstadt muteten irgendwann wie eine Mischung aus Karnevalszug und Loveparade an – nur mit deutlich mehr Polizei. Ein paar in die wartende Menge geworfene Kamelle hätten das Verwirrspiel perfekt gemacht. Und so ergriff ich nicht mehr Partei für die Occupisten, als das schmuddelige Camp irgendwann geräumt wurde.

Nun waren sie also zurück, wieder zu Gast in Frankfurt. Leider haben sie sich nicht wie Gäste aufgeführt. Was ich sah, waren keine politisch interessierten Leute, die eine ernsthafte Botschaft verkündet haben. Statt dessen sah ich einen Haufen ungewaschener Gören mit Bierflaschen, die vor dem Benetton herumrandalierten und die völlig verschreckten Verkäuferinnen im verrammelten Laden anbölkten. Wofür soll das bitte gut sein?

Und was sollte es nützen, mit erhobenen Fäusten auf ein filmendes Fernsehteam loszugehen? Was ist denn das für eine Auffassung von der Pressefreiheit? Sollte die nicht die allerheiligste Kuh einer solchen Bewegung sein? Um was ging es denn da? War das wirklich eine noch Protestkundgebung? Gegen was denn?

Man mag mir vorwerfen, dass ich spießig bin, zu satt und zu zufrieden für Occupy, Blockupy, wen auch immer. Vielleicht bin ich auch einfach zu ignorant oder zu bräsig, um das ganze Elend, dass dort angeblich angeprangert wird, zu verstehen. Ja, kann sein. Fest steht für mich jedoch, dass ich es nicht glaubwürdig finde, wenn ein Mann sich mir in den Weg stellt und mir sein Schild „Gegen Globalisierung“ fast ins Gesicht rammt, wenn er dabei Nike-Turnschuhe und eine Jack-Wolfskin-Jacke trägt. Oder wenn jemand „Zerschlagt die Konzerne“ herausknautscht, während er einen Big Mac kaut. Ich verstehe auch nicht, was nachmittags-um-zwei-Besoffen-sein mit „kraftvollem Protest“ zu tun haben soll.

Da ich hier nicht zu sehr schwarz-weiß malen möchte, muss ich einräumen, dass natürlich nicht alle Teilnehmer dieser sonderbaren Veranstaltung zweifelhafte Gestalten in unklarem Bewusstseinszustand waren. Wahrscheinlich haben viele dieser Menschen tatsächlich ein ernstes Anliegen, das sie sich jedoch von Störern allzu willig kaputt machen lassen. Eine klare Abgrenzung von Protest und der Lust am Lästigsein wäre hier sehr wünschenswert.

Abschließend gebe ich zu, dass ich „Blockupy“ nicht mehr ernst nehmen kann und nur noch genervt davon bin. Das weinerliche Genöle über die böse Polizei, das heute durch die Medien geistert, macht es nicht besser. Wenn das spießig ist, dann ist das so – dann bin ich eben spießig.

Frankfurt Main

Mein spießig-schönes Frankfurt

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