Formschön, bunt und unglaublich praktisch

Es gibt so gewisse Verkaufsveranstaltungen, die mich auch viele Jahre nach meiner ersten Teilnahme noch immer faszinieren. Zwar ist die Geschichte über meine erste Plastik-Topf-Party frei erfunden, doch in ihr wurden eine Menge reale Beobachtungen zusammengefasst. Die Geschichte ist schon älter, aber auf besonderen Wunsch von Michael kommt sie hier nochmal – viel Spaß.

Formschön, bunt und unglaublich praktisch

Im Leben eines jeden Menschens gibt es Augenblicke der Selbsterkenntnis, Phasen der Selbstfindung. Auch im gesetzten Alter von Fünfunddreißig geschieht es mir noch, dass ich mich beobachte, erstaunt über das, was ich da sehe. Bin ich das wirklich, die da in einer Kneipe den fünften Cocktail schlürft und dabei auf proletenhafte Weise mit dem nachsichtig lächelnden Kellner schäkert? Und was denke ich mir dabei, wenn ich mit meinem Kollegen Frank (der übrigens nicht schwul ist!) über die Vor- und Nachteile von Bügel-BH’s diskutiere? Diese Augenblicke des Auf-sich-selbst-Heruntersehens sind natürlich inzwischen nicht mehr so häufig wie vor zehn Jahren, aber es setzt mich noch immer in erstaunen, wie wenig ich mich eigentlich kenne. Und wie komplex ich doch bin!

Einen großen Schritt in Richtung meines unterbewussten Selbst machte ich im Januar 1993. Ich war Anfang Zwanzig und arbeitete im Büro einer großen Firma. Wir waren dort überwiegend Frauen und so kam es, dass sich regelmäßig auch in der Kantine eine Runde in etwa gleichaltriger Kolleginnen um einen großen Tisch scharte, zusammen aß und dabei munter schwatzte. Wir waren im Grunde ein zusammengewürfelter Haufen, eine Art Zweckgemeinschaft, die im Privatleben so sicherlich nicht zusammengefunden hätte. Besonders zwei Kolleginnen, die dicke Gabi (wir hatten auch noch eine dünne, aber die schrieb sich mit Ypsilon) und Monika, gingen mir immer ein wenig auf die Nerven. Nicht, dass die beiden etwa boshaft gewesen wären, dazu waren sie viel zu schlicht strukturiert. Sie konnten sich jedoch stundenlang über so spannende Themen wie Rezepte, Bügeltechniken oder Hardangerstickerei austauschen und erwarteten von uns, dass wir diese Begeisterung teilten. Und das war mir schlicht unmöglich.

Ich habe seit jeher eine tief verwurzelte Abneigung gegen Hausarbeit jeglicher Art. Was hat meine Mutter nicht alles versucht, um aus mir eine perfekte Hausfrau zu machen! Sie schenkte mir Kochbücher und Backformen, beglückte mich zum Geburtstag und zu Weihnachten jeweils mit einem Chromagan-Besteckteilchen. Sie hielt mir Predigten („Deine Schwester hat schon mit elf Jahren gerne gekocht!“) und malte mir meine Zukunft in den düstersten Farben aus (denn so würde ich nie einen Mann finden!). Das alles hatte jedoch meinen Widerwillen nur verstärkt und in mir eine regelrechte Verachtung für die Frauen hervorgebracht, die es als ihre Berufung ansahen, ihr Leben am Herd zu fristen und sich über Dampfreiniger zu unterhalten. Gut, dachte ich immer tolerant, wem nichts besseres einfällt als Besteck zu polieren und Gardinen zu waschen der soll dies tun, aber ich nicht. Niemals würde ich mich in diesen Sumpf hineinziehen lassen! Es war schließlich nicht jede Frau anfällig für dieses „Mein-Haushalt-soll-schöner-werden-Virus“. Und so saß ich auch an diesem Dienstag, im Januar 1993, mit leicht angeödetem Gesicht bei meinen Kolleginnen, löffelte Linseneintopf und hörte mit halbem Ohr den Erzählungen der Gabiys und den anderen zu. Worum ging es? Ach so, Gabi machte mal wieder eine Diät. Sie verzichtete auf den Eintopf und schleppte statt dessen mehrere Plastikbehälter mit sich herum. In dem einen war Salat, im zweiten, einem winzigen Töpfchen, befand sich eine wässrig aussehende Soße und in einem hohen, becherartigen Gefäß schien Buttermilch zu sein. Mich schüttelte es ein wenig. ‚Dann lieber dick bleiben’, dachte ich und rechnete mit einer längeren Diskussion über die Brigitte-Diät. Es entspannte sich jedoch ein mindestens genauso spannendes Gespräch, das sich um die Plastikpötte drehte. „Läuft das da nicht raus?“ fragte Monika und befingerte interessiert den Buttermilchbecher. „Oh nein“, erklärte jemand, „das ist ja das Gute daran. Und wenn was kaputt geht, kann man es einfach umtauschen – lebenslange Garantie!“ ‚Fantastisch’, dachte ich gelangweilt, doch in allen Gesichtern um mich herum zeichnete sich echte Begeisterung ab. Und die dünne Gaby meldete sich aufgeregt zu Wort: „Die Freundin meines Bruders ist Beraterin und ich gebe am Freitag Abend bei mir eine Party. Wenn Ihr möchtet, könnt Ihr dazukommen. Sonja macht das klasse und es gibt zur Zeit schöne Geschenke!“ „Ohne mich!“ sagte ich nur. Ich wusste ja, wie das läuft: Mittels Geschenken lockte man die Gäste an. Die Gastgeberin erhielt für jeden Anwesenden eine Art Fangprämie und wenn die eingefangenen Deppen dann das teure Zeug kauften, rieb sich die Beraterin die Hände und die Gastgeberin konnte sich für das Kopfgeld Plaste bis zum Abwinken in die überfüllte Küche räumen. Die Zeche zahlten die fehlgeleiteten Irren. Und dann sollte das Ganze noch bei Gaby stattfinden, die soweit entfernt von jeder Zivilisation wohnte, dass ich mit dem Auto würde fahren müssen und mir folglich den Kram nicht mal schön trinken konnte. Oh nein, das tat ich mir nicht an!

Am Abend erzählte ich meiner Freundin Nina von der Plastik-Euphorie meiner Kolleginnen. Zu meinem großen Erstaunen war jedoch die ansonsten so vernünftige und gar nicht spießige Nina eine glühende Verehrerin der Kunststoffware und berichtete mir eifrig, dass auch bei ihr eine solche Veranstaltung stattfinden würde, am nächsten Montag schon. Ob ich nicht kommen wollte? Ich bräuchte ja nichts zu kaufen, erklärte sie, und es würde Sekt und Häppchen geben und etliche meiner alten Bekannten würden auch da sein. Sekt und Häppchen klang gut und so willigte ich ein und versprach mein Kommen, Nina zuliebe. Wer weiß, vielleicht würde ja gerade die Prämie für meine werte Anwesenheit Nina in Reichweite des orangen Saftkruges bringen, den sie sich so wünschte. Ich kam mir edel und großmütig vor.

Der Montag kam und mir grauste ein wenig. Schon in der Kantine hatte ich alles Mögliche erfahren, denn die Party bei Gaby war ein voller Erfolg gewesen. Ich bekam zu wissen, dass es Flavio nun auch in pink und azur gab, die neuen Deckel von Morgentau und Ariadne eine neue Öse zum Aufhängen bekommen hätten und dass es eine neue Reibe gäbe – das Nilkrokodil, mit dem man Möhren besonders gut stifteln könne. Ich hatte in meinem Leben noch keine eine Möhre gestiftelt, hatte es auch nicht vor und sah sehr schwarz, was meine Abendgestaltung mit Nina und den Plastikgefäßen anging. Dennoch stand ich pünktlich um sieben vor Ninas Tür. Sekt und Häppchen lockten, außerdem hatte ich es ihr versprochen. So betrat ich also fast als letzte das gerammelt volle Wohnzimmer von Nina und ihrem Mann Arnold. Einige Bekannte rückten auf dem Sofa bereitwillig zusammen und ich quetschte mich zwischen die Lehne und meine frühere Schulkameradin Beate, die mich kurz anlächelte und dann fortfuhr, konzentriert in einem Prospekt zu blättern.

Ich sah mich um. Das ansonsten stets in wildem Chaos brachliegende Wohnzimmer war vorbildlich auf- und etwas umgeräumt. Ein großer Tisch – ich erkannte den aus dem Esszimmer – stand vor dem Fenster und wurde von einer resolut wirkenden Mittvierzigerin gerade mit allerlei kunterbuntem Zeug vollgeladen. „Das ist Cordula“, erklärte Arnold, der auf der Armlehne neben mir Platz genommen hatte. „Sie ist eine Kollegin von Nina.“ Ich beobachtete interessiert, wie Kollegin Cordula eine weitere Reisetasche aus dem Auto holte und den Inhalt auf und unter dem Tisch stapelte. Da, etwas grünes, ob das vielleicht das Nilkrokodil war? Und wo trieben sich nur Ariadne und Flavio herum, doch nicht etwa im Morgentau? Ich kicherte albern und nippte an meinem Sektglas, das Arnold mir schon beim Hereinkommen in die aufnahmebereite Hand gedrückt und bereits einmal neu gefüllt hatte. Ein paar Häppchen hatte ich auch schon verkostet und für gut befunden. Meine Laune hob sich merklich.

Meine Stimmung wurde noch besser, als Cordula jedem von und das „Geschenk des Monats“ in die Hand drückte, eine kleine rosa Dose, die gerade groß genug war für meine bevorzugte Sorte Frühstücksbrot. ‚Da kann ich mir künftig die Tüten sparen’, dachte ich zu meinem großen Erstaunen. Und überhaupt kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Cordula präsentierte uns die Plastikware sehr geschickt. Sie reichte alles herum, damit wir Deckel und Verschlüsse betasten und die Funktionsweise der praktischen Helfer genau betrachten konnten. Ein Teil der Gefäße war gefüllt, z. B. mit einem leckeren Käsegebäck, dass sich in eben dieser Box („Aroma-Wunder“) besonders frisch hielt und dessen Teig natürlich in der Rührlette bereitet worden war. Diese Rührschüssel erschien selbst mir besonders praktisch, so etwas fehlte in meinem Haushalt komplett. Ich trug sie in meinem Bestellzettel ein, als Gedächtnisstütze. ‚Streichen kann man immer’, dachte ich.

Als nächstes verteilte Cordula kleine Plastikschüsselchen, die Picknickzwerge. Im Schneewittchen hatte sie Salat dabei, dessen Möhren natürlich mit dem Nilkrokodil gerieben und dessen Blätter nach dem Waschen im großen Trockenfix geschleudert worden waren. „Der ist aber riesig“, maulte jemand. Anscheinend war ich das gewesen, denn Cordula zeigte mir im Prospekt bereitwillig den kleinen Trockenfix. Ich trug ihn ein. Schließlich esse ich gerne Salat. Das Nilkrokodil hatte ich auch schon notiert, denn das gab es im Sonderangebot. „Die Sonderedition ist nicht grün, sondern babyrosa“, hatte Cordula erklärt und uns dann auf eine Lasche am hintern Ende des fleißigen Nutztierchens aufmerksam gemacht. Den Haken zum Aufhängen würde es in passender Farbe dazu geben, was ich als vorausschauend und gut durchdacht empfand.

Ich schielte auf Beates Zettel. Außer ihrem Namen und der Adresse hatte sie noch gar nichts aufgeschrieben. Sie sah meinen Blick und erklärte mir, worauf sie wartete: „Ich brauche noch zwei Hans, drei Hansi und zwei Hänschen in royal!“ Ich nickte verständig und Cordula, die sie gehört hatte, sprang graziös unter den Tisch und zerrte das Gewünschte hervor – allerdings in viola-hochglanz. „Das“, erläuterte sie mir Unwissender, „ist unsere Hans-Reihe. Es passen zwei Hansi neben einen Hans, zwei Hänschen sind so groß wie ein Hansi und vier Hänschen ergeben ebenfalls einen ausgewachsenen Hans. Alles bleibt frisch und schaut schön einheitlich aus!“ Niemand konnte an der Ehrlichkeit von Cordulas Begeisterung zweifeln. Beate nickte und trug ihre Hans-Reihe ein. Und ich? Ich saß da wie vom Donner gerührt und spürte, wie ich die Kontrolle über mich verlor. Alles was ich noch verspürte war eine ungeheure Gier. Die wollte ich haben! Die passten wie gemalt in meine Traumküche. Zwar hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie von einer bestimmten Küche geträumt, aber das war mir egal. Nein, eigentlich war es ja sogar besser so, denn so konnte ich meine Küche um Hans, Hansi und Hänschen herumbauen. Eine geniale Idee. Ich begann fieberhaft zu rechnen: Wie viele Hans würde ich wohl brauchen? Und passte das Salz in Hänschen? Ich trank noch einen Schluck Sekt, um besser denken zu können. ‚Besser nicht zu knapp kalkulieren’, dachte ich und wollte eben irgendwelche Zahlen in meinem Bogen eintragen, als ich mich vor einem gewaltigen Problem wiederfand: welche Farbe sollte ich nur nehmen? Viola-Hochglanz sah sehr elegant aus, staubte aber schnell ein, warnte mich eine entfernte Bekannte. Sonnengelb fand ich frisch, aber etwas aufdringlich und smaragd wollte so gar nicht zum Editions-Babyrosa des Nilkrokodils passen. Ich konnte mich nicht erinnern, in meinem Leben jemals in einem solchen Dilemma gesteckt zu haben. Schließlich entscheid ich mich für ein dynamisches Schwarz. Das würde dann auch zu den noch auszuwählenden Gardinen meiner neuen Küche passen. Ich notierte meine Wünsche und wandte meine Aufmerksamkeit wieder dem Geschehen zu.

Offenbar waren nicht alle so gut gelaunt wie ich. Arnold saß etwas bedröppelt vor seinem Zettel, von dem Nina gerade mit einem gezischten „Spinnst Du?“ einen vierfachen Satz Picknick-Zwerge gestrichen hatte. Er solle seine Schrauben und Angelhaken gefälligst in Marmeladengläser legen, schulmeisterte sie ihn. Daraufhin nahm Arnold schmollend noch ein paar Häppchen und trollte sich.

Ich beschloss, dass auch ich mit dem Einkaufen fertig wäre. Gegessen und getrunken hatte ich auch genug, wenn nicht sogar mehr als das. Ich reichte Cordula meinen Zettel und sah am Leuchten ihrer Augen, dass ich wohl alles richtig gemacht hatte. Ich trank doch noch etwas. Nach all diesen salzigen Leckerbissen hatte ich richtig Durst. Und außerdem hatte ich das Gefühl, irgendetwas übersehen zu haben. Was mochte es sein? Oh, nun sah ich es: Beate hatte ihre Bestellungen zusammengezählt und unten eine Summe eingetragen. ‚Ganz schön viel’, dachte ich träge, ‚für die paar Hänse.’ Ich freute mich, als Cordula anbot, meinen Zettel mit dem Taschenrechner zu beackern. War doch viel einfacher so! Ich verabschiedete mich und wankte zufrieden nach Hause. Im Geiste baute ich an meiner Traumküche.

Natürlich wurde der nächste Morgen ein Albtraum. Ich hatte viel zu viel getrunken und fühlte mich beim Aufstehen früh um sechs wie gerädert. Und als ich in der Tasche meines Mantels die Kopie meines Bestellscheins fand, traute ich meinen Augen nicht. Ich hatte tatsächlich für über fünfhundert Mark Plaste geordert! Ja, war ich denn vom wilden Affen gebissen?

Den ganzen Tag grübelte ich, was nun zu tun sei. Am liebsten wäre ich vom Kauf zurückgetreten, aber irgendwie war mir das peinlich. Schließlich hatte mich niemand dazu gezwungen, mich zu betrinken und dann wie von Sinnen einzukaufen. Also nahm ich ein paar Tage später Geld von meinem Sparbuch und überreichte es Nina, die mir meine Bestellung in einem voluminösen Plastiksack brachte, mit einem Lächeln. „Die Küche wird toll!“ versprach ich ihr, die mich immer noch befremdet ansah. Ich konnte es ihr nicht verdenken, denn auch ich sah mich jeden Morgen im Spiegel an wie eine Fremde. Es erschreckte mich weniger, dass ich in einen Kaufrausch gefallen war – das konnte bestimmt jedem mal passieren. Was mir aber echte Sorgen machte, war diese Vision von einer perfekten Küche. Wo war sie nur hergekommen? Träumte ich im Unterbewusstsein wirklich von Designerküche, Messerblock und Gemüsewagen? Oder träumte gar jede Frau davon? Was für Monster mochte ich noch in mir tragen, ohne davon zu wissen? Ich war mir unheimlich!

Im Laufe der Jahre verblasste das Grauen. Manchmal packt mich sogar eine unbefangene Heiterkeit, wenn ich an meine erste Pötte-Party denke. Denn natürlich habe ich inzwischen eine tolle Küche. Sie ist sechs Quadratmeter groß und hat geschlossenen Einbauschränke, die mit Familie Hans zugeziegelt sind. Alles einheitlich, alles frisch. Ich bin wirklich froh über die Boxen, denn ich koche so selten, dass ohne sie wohl sogar das Salz schimmelig werden würde. Und auch meine anderen Einkäufe haben sich als ungeheuer nützlich erwiesen. Das Nilkrokodil hängt kopfüber an der Wand und schaut possierlich aus, solle ich einmal Möhrenstifte benötigen, werde ich es ohne zu zögern benutzen. Der kleine Trockenfix steht im Keller, allzeit bereit für seinen ersten Einsatz. Und die Rührlette kommt in meinem Wohnzimmer richtig gut zur Geltung: Sie steht auf der Fensterbank, ich habe einen schönen Farn hineingepflanzt.

2 Kommentare zu “Formschön, bunt und unglaublich praktisch

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