Englischer Rasen

Diese kleine Geschichte ist schon älter, wurde aber von Michael hier auf die Seite gewünscht. Sie ist in Teilen fiktiv, denn es gibt keine Familie Schiller und auch Frank, den Feind, habe ich mir ausgedacht. Die Maulwurfvertreibungsmaschine aber hat es gegeben: Mein Vater hat sie gebaut und sie funktionierte genau wie beschrieben – nämlich gar nicht. Und auch die Beschreibung der niedersächsischen Gartenkultur beruht auf nichts anderem als der Wahrheit.

Englischer Rasen

In Nordwestdeutschland geht es in vielen Dingen locker zu. Man duzt sich sehr schnell, muss zumeist keine besondere Kleiderordnung einhalten und nimmt es mit der Etikette nicht sehr genau. Eines aber ist, aller Entspanntheit zum Trotz, unbedingt zu beachten: Der Garten muss gepflegt werden. Und das bedeutet nicht nur, dass Blumen gepflanzt werden müssen, Gemüse gesät und ab und an der Rasen gemäht wird. Vielmehr gehört dazu, dass man unter dem Druck der ständig genau beobachtenden Nachbarn eine nahezu unkrautfreie Zone erschaffen muss, die zudem auch noch messerscharfe Kanten hat. Natürlich muss das Ganze auch ordentlich begrenzt sein, etwa durch eine adrett zurechtgestutzte Hecke oder einen in jedem Frühjahr liebevoll gepinselten Zaun. Gartenzwerge, wasserspeiende Frösche oder Tonhühner auf dem Stock sind erlaubt, aber glücklicherweise nicht verpflichtend, und auch die allseits beliebten Pavillons sind nur eine Option.

Wichtiger Bestandteil der norddeutschen Gartengewohnheit ist außerdem die anlassgetriebene Reinigungsarbeit: Denn wenn Schützenfest ist, muss es rund ums Haus sauber sein. Hecke schneiden, Auffahrt fegen – ohne diese Tätigkeiten geht es vor Festen nicht, wenn man es sich nicht mit der gesammelten Nachbarschaft verderben will. Was sollten denn sonst auch die auswärtigen Gäste denken? „Wahrscheinlich denken die gar nicht“, maulte ich, wenn ich als Teenager wieder einmal zu einer in meinen Augen völlig sinnlosen Reinigungsaktion herangezogen wurde und winzige Kräutlein aus dem ansonsten porentief reinen Mutterboden pulen musste. Das aber ließen meine Eltern nicht gelten, denn schließlich waren wir ohnehin schon die mit den am wenigsten geraden Kanten und der an einer Stelle dauerkränkelnden Hecke. Vom unappetitlichen Mehltau an den Stachelbeersträuchern ganz zu schweigen! Und gegen Frank und Brigitte, die Nachbarn ganz vorne in der Straße, würden wir sowie nie anstinken können. Denn die ließen vor den Dorffesten das Gras immer dreieinhalb Tage länger wachsen und frisierten dann die Jahreszahl in den Rasen – mit einer Haushaltsschere. Nein, so weit ging der Garten-Fanatismus meiner Eltern nicht, aber sie verhielten sich gesellschaftskonform und fanden es tatsächlich ganz normal, vor der Konfirmation der Nachbarstochter eine Extra-Runde in Sachen Gartenpflege einzulegen. Schließlich würden auch dort Gäste erwartet, die keine schlechtes Bild von uns bekommen sollten. „Was sollen die von uns denken?“ lautete wiederum die Frage meiner Mutter, als ich versuchte, mittels logischer Argumentation die mir zugewiesenen Aufgaben wieder loszuwerden. Ich ging ja davon aus, dass die Gäste nur an das zu erwartende gute Essen dachten – dreierlei Fleisch mit Salzkartoffeln, Gemüse und Soße – wusste aber, dass Meutern keinen Sinn haben würde und fegte deshalb mit halber Kraft die ohnehin sauberen Gehwegplatten.

Einen aber gab es, der in der Lage war, in nur einer Nacht die Bemühungen eines ganzen Gartenjahres zunichte zu machen: Meister Maulwurf. Mein Vater war ohnehin nicht besonders glücklich mit unserer Grünfläche: Denn er säte immer wieder Grassamen aus, die ihm einen englischen Rasen bescheren sollten. So stand es zumindest auf dem Sack, aus dem er mit seinen großen Händen die Samen herausholte und sie verteilte. Was er trotz liebevoller Pflege bekam, war eine Wiese, die geschmückt wurde durch Löwenzahn, Gänseblümchen, Wiesenschaumkraut und die weniger beliebten, stacheligen Disteln. Das lag natürlich an den umliegenden Weiden und ließ sich ohne großzügigen Gifteinsatz nicht vermeiden, und den lehnte mein Vater ab. Trotzdem sorgte diese fröhliche Sommerwiese Jahr für Jahr für Verdruss. Besonders natürlich, weil Frank, Vaters nachbarschaftlicher Intimfeind, einen Rasen sein eigen nannte, der aussah wie ein dicker, grüner Teppich aus original Windsor-Gras. Als dann auch noch ein besonders fleißiger Maulwurf bei uns einzog, sank Vaters Laune auf den Nullpunkt.

In dieser Zeit wurden wir Zeugen, wie sich unser freundlicher, friedliebender Vater in eine schwer bewaffnete Kampfmaschine verwandelte. Zuerst stellte er sich ganz still über einen besonders großen Maulwurfshaufen, eine schwere Schaufel schlagbereit im Anschlag. Natürlich war der kleine Baumeister nicht so verwegen, seine Nase gerade aus diesem Haufen herauszustrecken, sondern buddelte immer gerade dort, wo Vater nicht war. Nachdem er sich auf diese Weile ein paar Abende um die Ohren geschlagen hatte, gab mein Vater diese Strategie auf und rüstete nach. Er kaufte sich einige Fallen und versuchte, das kleine Tierchen damit zu fangen. Von Frank jedoch freundlichst darauf hingewiesen, dass diese Art von Fallen verboten seien und der Maulwurf ohnehin unter Naturschutz stünde, musste noch etwas anderes her.

In Gartenratgebern stand zu lesen, dass der Maulwurf ein ruhebedürftiger Geselle wäre, der durch Vibration vertrieben werden könnte. Diese sollte sich tatsächlich durch ein Kinderspielzeug erzeugen lassen: Vater schickte mich in den nahen Spielzeugladen, wo ich eine Strandwindmühle kaufen musste. Das war mir mit meinen dreizehn Jahren unendlich peinlich, zumal mich ein Junge aus der Klasse fragte, ob die Mühle für mich wäre. Aber da die Vertreibung des Maulwurfs offensichtlich wichtig für den Seelenfrieden meines Vaters war, straffte ich die Schultern, hob trotzig das Kinn und ging mit einem Lächeln darüber hinweg. Und das war gut so, denn im Laufe der Woche wurde der Bestand an Windmühlen in unserem Garten auf ein gutes Dutzend aufgestockt. Die vielen bunten Mühlen in unserem Garten sorgten für eine heitere Grundstimmung. Besonders natürlich bei den Kindern, bei Frank dem Feind und bei dem Maulwurf. Derartig angestachelt und anscheinend ständig wach, buddelte er sich eine Mehrzimmerwohnung unter dem Rosenbeet und verschob die Gehwegplatten vor der Terrasse. Mein Vater sah es, seine Kiefer waren verbissen zusammengepresst. Die Atombombe musste her.

Das folgende Wochenende sahen wir unseren Vater kaum, hörten ihn aber: Er klopfte, hämmerte und schweißte in seiner Werkstatt herum. Am Sonntag beim Kaffee trinken hatte er Farbflecken an den Händen und war bester Stimmung: Die Maulwurfvertreibungsmaschine war fertig. Stolz zeigt er uns eine große, handgefertigte Windmühle aus solidem Blech. Wenn man die rot-gelb lackierten Flügel drehte, vibrierte sie wie ein Rasenmäher und machte ein nervtötendes Geräusch. Oh ja, wenn etwas helfen würde, dann wohl diese Höllenmaschine.

Die ganze Familie folgte meinem Vater. Eifrig sammelten wir die inzwischen fünfunddreißig Strandwindmühlen ein und beobachteten, wie mein Vater die blecherne Monstrosität feierlich im Rosenbeet platzierte. Nichts passierte. Gar nichts.

Man muss sich diesen Augenblick vorstellen: Alle fünf Schillers standen im Garten und starrten, teilweise mit offenem Mund, auf die Maulwurfvertreibungsmaschine. Wir warteten auf ihr Rattern und Vibrieren. Und dann tat sich einfach nichts. Mein Vater justierte den Stand des Gerätes ein wenig nach, doch der Wind war zu schwach, um die metallenen Flügel zu bewegen. Wir wagten kaum, unseren Vater anzusehen, der sich wortlos umdrehte und ins Haus ging. Er tat mir leid und ich ging in den Keller, um mein altes, früher heißgeliebtes Fernlenkschiff zu suchen. Ich bot meinem Vater den Motor des Schiffes an und sah zu meiner Erleichterung, dass er wieder Hoffnung schöpfte.

In der Nacht begann es zu regnen und mit dem Regen kam ein ordentlicher Wind. Etwa um zwei Uhr in der Nacht hörte ich es: Die Maulwurfvertreibungsmaschine funktionierte doch. Zumindest tat sie, was sie sollte: Rattern und vibrieren. „Hört Ihr das?“ rief mein Bruder aus seinem Zimmer, wohl weil meine Eltern im Flur herumrumorten. Natürlich taten sie das, und mit ihnen die ganze Nachbarschaft. Ich sah, wie in den Fenstern die Lichter angingen, irgendwo flog krachend ein Rollladen nach oben. Meine Mutter brauchte gar nichts zu sagen, ein Blick reichte aus. Mein Vater huschte im Schlafanzug hinaus in den Regen, verdarb sich seine neue Pantoffeln im matschigen Rosenbeet und entfernte die klappernde Maulwurfvertreibungsmaschine mit einem energischen Ruck. Er war geschlagen.

Ich weiß nicht, wie es mit dem seelischen Zustand meines Vaters weitergegangen wäre, wenn sich der brave Maulwurf nicht freiwillig zum Umzug entschieden hätte. Wenige Tage nach der nächtlichen Ruhestörung durch Vaters Maschine sahen wir einen eindeutigen Hügel auf dem Nachbargrundstück. Dann grub er sich in gerader Linie durch bis zu Frank und Brigitte, wo er sich häuslich einrichtete und große Haufen mitten in die Pfingstmarkt-Jahreszahl grub. Mein Vater wies Frank auf die schützenswerten Eigenschaften des possierlichen Pelztierchens hin und schenkte ihm eine seiner Strandwindmühlen. Dann ging er nach Hause, säte neuen englischen Rasen, bekam allerhand buntes Kraut und war zum ersten Mal richtig zufrieden damit.

2 Kommentare zu “Englischer Rasen

  1. Wundervoll. Ob die Nachbarn meiner Mutter die verflixte Windmühle auch deshalb aufgestellt haben? Deren Garten ist ohnehin eine Schau: jede Menge Figuren – nein, keine Gartenzwerge, sondern Gänse, Hühner, Rehe, Löwen – jede zwischen einem Viertel- und einem halben Meter groß …. Von Weihnachtsschmuck schweige ich lieber.

    Was den Rasen anbetrifft, musste ich in Erinnerung an meinen Vater breit schmunzeln. Sein Schwager, seines Zeichens Leiter eines landwirtschaftlichen Versuchslabors, hatte ihm irgendwann eine Tüte Rasensamen zum Geschenk gemacht. Zur nur kurzen Freude meines Vaters, denn als der Rasen aufging, wirkte er merkwürdig struppig und unansehnlich. Ob es am Boden lag? – Der Schwager kam, besah sich das Grasstück, und wurde etwas rot. Statt der Mischung für den englischen Rasen hatte versehentlich die Bullenweide erwischt. Und Bullen hatten wir nun doch nicht zu versorgen ….

    Meike, schön, dass es dich auch zu wordpress gezogen hat – da kommentiere ich gleich viel lieber.

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    • Ja, dieser Gartenschmuck ist wirklich … ähhh … Geschmacksache. Hähne auf dem Stock, Weihnachtskugeln im Erdbeerbeet – ich brauche das ja nicht. Aber wenn es glücklich macht, hat es seinen Nutzen.

      Nun muss ich aber auch gleich mal bei dir vorbeigucken!

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