Ein umsichtiger Mann…

Aus einem vorgegebenen Anfang etwas zu machen, ist spannend und macht Spaß: Björn überlegte sich folgenden Anfang –  was mag hier passiert sein?

Das Telefon klingelt. An der anderen Ende der Leitung ist jemand dran, der behauptet drei Tage aus der Zukunft anzurufen. Dieser Jemand möchte ein Treffen an einem belebten Ort, die Verbindung ist sehr schlecht und wird von einem ständigen Rauschen unterbrochen. Als die Verbindung ganz weg ist, hämmert es an der Tür. Laut und brachial, Schreie ertönen…

Was für ein Getöse. Ich hatte mir das Wohnen hier im Dachgeschoss deutlich ruhiger vorgestellt. Sogar die Polizei ist unterwegs, ich höre Sirenen. Und wieder dieses Klopfen. Ich beschließe, mich einfach nicht zu rühren. Was interessieren mich die Streitigkeiten der Nachbarn? Dann aber höre ich die tiefe Stimme unseres Hausmeisters: „Frau Schiller, Frau Schiller, nun machen Sie doch auf!“

Etwas genervt öffne ich die Tür: „Was gibt es denn?“

Der große, kräftige Mann springt auf mich zu, greift meine Hand, zieht mich aus der Tür. „So kommen Sie doch, schnell! Das Haus brennt!“

Entsetzt stolpere ich hinter ihm her, im Bademantel und mit Hausschlappen. Im Herauslaufen greife mir noch meine Handtasche mit dem Geldbeutel und meinem Ausweis darin.

„Waren Sie das eben am Telefon? Ich habe nicht richtig verstanden…“

„Nein, das war der Elektriker. Der Unglücksvogel! Er sollte erst in drei Tagen kommen und die Leitungen im Keller neu machen. Bis dahin sollte da unten ausgeräumt sein. Nun war er heute schon da, hat einen Kurzschluss ausgelöst und der ganze Sperrmüll, den irgendwer da unten aufgehäuft hat, ist in Brand geraten. Kommen Sie doch, schneller, wir sind die Letzten!“

Wir hetzen die Treppe runter und ich verfluche meine weichen Hotelpantoffeln, die gefährlich rutschig sind. Je weiter wir nach unten kommen, desto schlechter wird die Luft. Rauch zieht aus dem Keller herauf, strömt uns entgegen. Physikunterricht, sechste Klasse: heiße Luft zieht nach oben. Ich muss husten. Auch der Hausmeister bleibt stehen, ringt nach Luft. Sein Bart zittert. Ich reiße eines der kleinen Fenster im Treppenhaus auf, strecke mich, atme tief ein. Unten sehe ich meine Nachbarn. Sie stehen eng beieinander, schnattern aufgeregt. Der Hausmeister drängt sich atemlos neben mich, nimmt einen tiefen Zug Luft.

Jemand wird unten auf uns aufmerksam, zeigt nach oben. Eine Frau schreit. Ich höre laute Geräusche von unten. Das klingt nicht gut. Sirenen ertönen. Mein Herz pumpt, ich atme hastig. Und ich habe Angst.

Die Menge unten bewegt sich, weicht zurück, dirigiert von einer energisch aussehenden Frau mit Helm. Männer schleppen etwas Rundes heran. Ein Sprungtuch, denke ich. Lieber will ich ersticken.

„Ein Sprungkissen“, sagt der Hausmeister hinter mir. „Los, Sie als erstes.“

„Sie sind ja verrückt! Wir sind im dritten Stock!“ Ein Blick sagt mir außerdem, dass ich nicht durch dieses Fenster passe.

Er antwortet nicht. Statt dessen packt einer seiner Pranken mich am Hintern und hievt mich hoch. Fast gegen meinen Willen helfe ich mit und ziehe mich am Fensterbrett hoch, fädle meine Beine hinaus. Mit etwas Geruckel passe ich durch die kleine Öffnung, sogar mit Handtasche. Nie im Leben springe ich da runter.

Ein kräftiger Stoß bringt mich zum Fliegen. Die Hälfte meines Bademantels bleibt am Fenstersims hängen, aber die Pantoffeln halten mir die Treue. Elegant wie ein Nilpferd lande ich auf dem Kissen, das empört aufseufzt. Auch die Handtasche schlägt neben mir ein. Helfende Hände recken sich mir entgegen, ziehen mich von dem Kissen, auf dem wenige Sekunden später der Hausmeister landet. In seinen großen Händen hält er den Rest meines Bademantels. Ein umsichtiger Mann.

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