Bürotechnik

Kürzlich hatte ich eine Vereinsbesprechnung mit sieben Mitgliedern in einem Chat. Das gab teilweise ein ziemliches Durcheinander, war aber sehr konstruktiv und auch erfolgreich. Dass die moderne Bürotechnik manchmal auch ganz andere Ergebnisse aufweisen kann, erfuhr ich in einer internationalen „Webex-Konferenz“.

Bürotechnik

Ich merke oft, dass ich schon ein bisschen alt bin. Besonders fällt mir das auf, wenn ich jüngeren Kollegen – ganz schlimm sind hier die gerade mal den Windeln entwachsenen Praktikanten – von den bewegten Zeiten meiner beruflichen Ausbildung erzähle: Formulare mit fünf Durchschlägen, die in eine immerhin schon elektrische Schreibmaschine gefädelt wurden, Telexkrümelchen und Telefax mit Rollenpapier. All das klingt heute in der Tat so, als seien es Alltagsgegenstände aus der Kaiserzeit. Und doch war es das Jahr 1990, als ich mit meiner Ausbildung zur „Kauffrau im Groß- und Außenhandel“ begann. Computer gab es da auch schon. Die konnten fast nix, hingen an einem Großrechner und hatten teilweise noch schwarze Bildschirme mit Schrift in grün, wahlweise auch gelb oder orange.

Heute ist es anders: Man sitzt in vollausgestatteten Büros, den großen Bildschirm vor der Nase, für lange Telefonate gibt es ein Headset. Wenn man das, so wie ich häufig, auch zum Musik hören nutzt und dabei das Mikro nach oben klappt, sieht man aus wie ein Teletubbie. Manchmal fühle ich mich auch so: Winke-Winke – oh-ooohhh! Nämlich dann, wenn bei der Nutzung der technischen Möglichkeiten mal wieder übertrieben wird, oder wenn die Technik einfach nicht so funktioniert, wie sie soll. Wenn beides zusammenkommt, wird es echt mühsam.

So auch an diesem Tag, als zu einer internationalen „Webex-Konferenz“ eingeladen wurde. Es sollten spannende neue Dinge aus meinem Arbeitsbereich, dem sogenannten „Consumer Relationship Management“ (früher hieß das mal Direktmarketing) vorgestellt werden. Einladungen wurden verschickt, gleich mehrere, mit Uhrzeiten, Telefonnummern und Zugangscodes, außerdem gab es einen Link, den man anklicken sollte.

Da meine liebe Kollegin und ich beide erfahrene Telefonkonferenz-Teilnehmerinnen sind, ahnten wir schon, dass es aufgrund der Vielzahl der versendeten Einladungen und Dokumente etwas schwieriger werden könnte mit der Teilnahme. Wir gingen also frühzeitig daran, uns einzuwählen, die ganzen Nümmerken einzutippen und den Stöpsel des Headset ins richtige Loch zu drücken. Bei der Kollegin klappte das recht schnell, ich bekam jedoch trotz mehrmaligem Versuchens immer wieder die Fehlermeldung angezeigt, dass mein Headset über kein funktionierendes Mikrofon verfüge. Irgendwann gab ich es auf und beschloss, einfach meinen Mund zu halten – ist ja auch mal schön.

Also meldete ich mich an, sagte brav meinen Namen in das nicht funktionierende Mikro und hörte erstaunt, dass sich in dieser Leitung schon ungefähr ein Dutzend Weltbürger in verschiedenen Sprachen unterhielten. Verstanden hat man nichts, aber das schien keinen außer die pingeligen Germans zu stören. Wir warteten also ab. Während wir warteten, starrte ich gelangweilt auf meinen Bildschirm, der eine weiße Präsentationsvorlage zeigte, und zählte die Kollegen, die nach und nach als „eingeloggt“ erschienen. 46 wurden es, eine beeindruckende Zahl. Es würde also keiner merken, wenn die Möhle schweigsam ist.

Irgendwann meldete sich eine Moderatorin zu Wort und versuchte, das Durcheinander zu sortieren. Sie bat darum, dass sich jeder, der nichts zu sagen hat, einfach ruhig verhalten möge. Das hätte auch beinahe geklappt, bis eine Kollegin meinte erzählen zu müssen, wie kompliziert doch das Einwahlverfahren gewesen sei und was ihr dabei alles widerfahren sei. Das mussten andere kommentieren und natürlich waren denen noch unglaublichere Dinge passiert. Ich kommentierte auch, aber das hörte zum Glück keiner. So ein fehlendes Mikro hat durchaus Vorteile, wenn man sich gerade daneben benimmt.

Irgendwann wurde die Moderatorin energisch und vor allem laut. Sie schlug einfach vor, dass alle ihr Mikro abstellen – sehr pragmatisch. ‚Ätsch‘, dachte ich. Tatsächlich trat Ruhe ein und es ging los. Der weiße Bildschirm wurde bunt, jemand erzählte ein wenig. Irgendwann redete jemand dazwischen – der hatte einfach sein Mikro wieder angemacht und behauptete, nichts zu sehen. Andere fielen ein, die sahen auch nichts. Allgemeines Getümmel, die Nichtsseher loggten sich neu ein, es dauerte etwas. Dann ging es weiter. Nicht uninteressant, die Sache. Es wurden Filme gezeigt. Die hatten aus irgendeinem Grund keinen Ton, aber ein tanzender Bär im Wald hat auch ohne Ton viel Schönes. Die Moderatorin, die ein bisschen gestresst wirkte, kommentierte das Geschehen in knappen Worten.

Wir sahen auch noch Filme mit Turnschuhen und Autos. Schön bunt, aber nur begleitet durch den etwas zittrig vorgetragenen Kommentar der Moderatorin doch etwas langweilig. Die Veranstaltung drohte gerade einzuschlafen, als sich eine sehr verspätete Kollegin anmeldete und atemlos erzählte, wie leid ihr das nun tue, dass sie zu spät sei, aber es sei doch sehr kompliziert gewesen, sich einzuloggen und überhaupt – alles schrecklich. Sie wurde begrüßt und gebeten, still zu sein. Sie erklärte, dass ihr drei Techniker helfen mussten und… „Please close your microphone!“ bat die Moderatorin. Zeitgleich brüllte ich „Schnauze!“ in mein Schweigemikro, so dass nun jeder in unserem Großraumbüro wusste, dass es mit gut ging. Immerhin konnten wir danach weiter machen.

Irgendwann ließ auch die Bildtechnik uns im Stich: Die Filme blieben dunkel. Statt dessen sorgte ein Feueralarm, der durch das Büro der Moderatorin dröhnte, für Auflockerung. Wir waren besorgt – brannte die etwa gerade ab, ohne es zu merken?  Sie versicherte uns immer wieder, dass es nur ein Fehlalarm sei und dass ansonsten alles gut sei. Und sie hatte ja recht: fast 50 Marketingleute saßen mit ausgeschalteten Mikrofonen in ihren Büros, guckten Videos ohne Bild und hörten dazu einen Feueralarm – das war echt gut. Es schienen auch alle zufrieden zu sein, denn als die „Webex“ wenige Minuten später abgebrochen wurde, knipsten viele schnell ihre Sprechrohre wieder an und bedankten sich für die informative Veranstaltung. Vielleicht lag das aber auch nur daran, dass Marketingleute sich generell gerne reden hören. Ich habe auch ganz leise „Byebye“ gesagt – Winke-Winkeee!

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